Sie sind hier:

Rechte Bewegung in den USA - "Immer mehr Rassisten in US-Politik"

Datum:

Ein Jahr nach Charlottesville haben die Rechtsradikalen in den USA ihren Einfluss vergrößert: Trumps Republikaner driften immer weiter nach rechts ab, sagt der Autor Vegas Tenold.

heute.de: In Charlottesville (Virginia) war vor einem Jahr am Rande des rechtsradikalen Aufmarsches eine Gegendemonstrantin getötet worden, als ein Neonazi sein Auto in die Menge steuerte. Der Vorfall hatte international für Schlagzeilen gesorgt - auch, weil Präsident Donald Trump das Verhalten von Rechtsradikalen und Gegendemonstranten gleichsetzte und von "Gewalt auf vielen Seiten" sprach. Dennoch scheinen die US-amerikanischen Rechtsradikalen gespaltener zu sein als zuvor. Woran liegt das?

Ein Jahr nach den tödlichen Zusammenstößen bei einer Kundgebung in Charlottesville präsentieren sich die Rechtsextremisten in den USA heillos zerstritten und gespalten. Doch Experten mahnen: für Entwarnung sei es noch viel zu früh.

Beitragslänge:
6 min
Datum:

Vegas Tenold: Schon vor Charlottesville waren die Gruppen gespalten, es gab interne Machtkämpfe und wenig Einheit. Heute sind aus den Spalten riesige Klüfte geworden. Dafür gibt es mehrere Gründe. Charlottesville war wie ein Coming Out für viele dieser Leute. Sie zeigten sich zum ersten Mal in der Öffentlichkeit. Und plötzlich waren ihre Gesichter überall im Internet verbreitet, sie wurden identifiziert und verklagt. Und vor allem ist eine Person ums Leben gekommen, was massive Aufmerksamkeit und Überprüfung zur Folge hatte. Für eine ganz neue Bewegung war das ein bisschen viel, also fingen die Anführer der verschiedenen Gruppen an, sich zu streiten, wie man mit dieser Aufmerksamkeit umgehen soll. Manche nannten den Tod von Heather Heyer eine Tragödie, andere sagten, sie war ein Feind, und wer ihren Tod eine Tragödie nennt, ist ein Verräter. All das vergrößerte die Meinungsverschiedenheiten, und direkt nach Charlottesville war die Rechte mehr gespalten als je zuvor.

US-Rassismusexperte Vegas Tenold
Vegas Tenold hatte sechs Jahre lang beispiellosen Zugang zu Führungsfiguren der Rechtsradikalen in den USA und verfasste danach das Buch: "Everything You Love Will Burn". Quelle: privat

heute.de: Es gibt dennoch immer wieder Demos der Rechtsradikalen. Wie gefährlich sind die?

Vegas Tenold: Wenn man einfach nur nach der Größe von Demos ginge, würde man zur Schlussfolgerung kommen, dass die Rechte am Ende ist. Das wäre ein Fehler. Die Rechte ist nicht am Ende, sie ist momentan nur mit Anderem beschäftigt, als auf der Straße zu demonstrieren. Wir dürfen sie nicht aus den Augen lassen. Ich möchte aber betonen, dass auch etwas Gutes dabei rausgekommen ist, nämlich eine wunderbare Koalition von antifaschistischen Aktivisten. Damit meine ich nicht nur die Antifa, sondern auch Kirchengruppen, Gemeindegruppen, Arbeitervereinigungen und so weiter. Die haben eine Art Erwachen erlebt - wenn das bereits vor zwei Jahren passiert wäre, glaube ich nicht, dass Donald Trump heute Präsident wäre. Ich glaube, die Linke wird immer besser darin, sich zu organisieren und eine Gegenstrategie zu entwickeln.

heute.de: Wie ist die Stärke der rechten Bewegung heute einzuschätzen?

Vegas Tenold: Auf der einen Seite war es kein gutes Jahr. Richard Spencer musste seine Redetour in Colleges absagen. Andrew Anglin, der Herausgeber der Neo-Nazi-Webseite "Daily Stormer" wurde praktisch bis an den Rand der Existenz verklagt. Matthew Heimbach ist im Gefängnis. Für all diese führenden Persönlichkeiten war es also ein hartes Jahr, aber das bedeutet nicht, dass ihre Anhänger einen Sinneswandel hatten. Die extreme Rechte existiert nach wie vor, momentan versuchen sie nur herauszufinden, wie es für sie weiter geht. Und wenn man bedenkt, dass sie ein Vehikel sind, um rechtes Gedankengut massenverträglich zu machen, dann waren sie sogar extrem erfolgreich. Inzwischen gibt es in ganz Amerika Kandidaten für politische Ämter, die ganz offen rassistische Plattformen vertreten.

demonstration von rechtsextremisten in usa
Bei einer Kundgebung von Rechtsextremisten und Neonazis im US-Bundesstaat Virginia kam es am 12.08.2017 in Charlottesville zu gewalttaetigen Auseinadersetzungen mit Gegendemonstranten. Eine Frau wurde getötet, als ein Mann sein Auto eine Menschenmenge fuhr, insgesamt wurden 35 Personen verletzt. Quelle: dpa

heute.de: Wie schätzen sie die Rolle der Republikanischen Partei ein? Bewegt sich die in eine Richtung, die im Sinne der Rechten ist?

Vegas Tenold: Ich würde sagen: Ja. Es ist eine langsame, etwas zögerliche aber doch beständige Bewegung nach rechts. Die Republikaner haben sich als extrem opportunistische Partei erwiesen. Donald Trump war gut darin, eine Unzufriedenheit, einen Ärger, eine Wut in der amerikanischen Bevölkerung zu identifizieren und diese Wut für sich zu nutzen. Und die Partei hat das gesehen und war nur zu gerne bereit, ihm auf diesem problematischen Pfad zu folgen. Und wenn nichts Einschneidendes passiert, glaube ich, dass immer mehr Republikaner eine nationalistische Sprache verwenden werden. Es ist ja nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa so, dass Politiker bemerken, dass man mit Anti-Ausländer-Sprache Wahlen gewinnen kann. Zu sagen: "Hütet euch vor Ausländern, sie nehmen uns unsere Kultur" mag nicht stimmen, funktioniert aber.

Die Fragen stellte Ines Trams.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.