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Experte der Verbraucherzentrale - Was Anleger jetzt beachten müssen

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Wie verhält man sich als Anleger richtig, wenn weltweit die Börsenkurse einbrechen? Ruhe bewahren, rät Ralf Scherfling von der Verbraucherzentrale NRW - und gibt weitere Tipps.

Eine Anzeigetafel zeigt den abfallenden Kurs am 06.02.2018 in Hongkong
Wie sollten Anleger auf die fallenden Kurse reagieren?
Quelle: ap

heute.de: Weltweit brechen die Börsenkurse ein. Worauf müssen Anleger jetzt achten?

Ralf Scherfling: Derzeit erleben wir an Börsen wie dem Dow Jones, dem Dax oder dem Nikkei Kurseinbrüche von bis zu fünf Prozent an einem Tag. Trotzdem sollten Anleger jetzt nicht aufgrund tagesaktueller Ereignisse übereilt kurzfristige Entscheidungen treffen, die nicht zu einer langfristigen Anlagestrategie passen. Denn derzeit ist nicht absehbar, ob wir am Ende eines seit Jahren andauernden Booms angekommen sind, oder ob es sich schlicht um eine temporäre Kurskorrektur nach einem längeren Anstieg der Börsenkurse handelt.

Kurse an der Börse bilden sich nicht nur aufgrund der fundamentalen Unternehmensdaten, auch die Psychologie spielt eine Rolle. Daher kann man keine sichere Prognose über die weitere Entwicklung abgeben. Anleger können die aktuelle Situation aber durchaus dazu nutzen, zu schauen, ob die langfristige Strategie für die eigene Geldanlage noch passt. Falls diese nicht mehr passt, können Änderungen in der Tat sinnvoll sein - aber eben nicht aufgrund schneller Entscheidungen durch plötzliche externe Ereignisse.

Zur Person:

heute.de: Gibt es denn Anleger, die jetzt verkaufen sollten?

Scherfling: Wer sein Geld kurzfristig in den nächsten Wochen oder Monaten benötigt, sollte sowieso überlegen, für die verbliebene Restlaufzeit auf sichere Produkte auszuweichen. Dann wäre der aktuelle Kurseinbruch Anlass, aber nicht Ursache für diese Überlegung. Denn bei kurzen Laufzeiten sind Produkte mit Kursrisiken keine Investition, sondern eine Spekulation. Wer sein Geld mittelfristig in drei bis fünf Jahren braucht, kann auch überlegen, nach und nach in sichere Produkte zu wechseln. Denn dieser Zeitraum ist im Zweifel nicht lang genug, um eine schlechte Börsenphase auszusitzen.

Ein Verkauf kommt auch in Frage, wenn Anleger Aktien von Unternehmen haben, deren fundamentale Daten sich verschlechtert haben. Gleiches gilt für Investmentfondsanteile, wenn die dort verfolgte Strategie nicht mehr passt oder andere Rahmendaten sich zum schlechteren geändert haben.

Anleger, die aufgrund des Kurssturzes feststellen, dass sie eigentlich doch nicht so risikofreudig sind, sollten diese Erkenntnis für zukünftige Anlageentscheidungen berücksichtigen, aber trotzdem hier und heute nicht passende Produkte übereilt verkaufen.

heute.de: Für wen lohnt sich das Aussitzen?

Scherfling: Wer bei der Geldanlage einen langfristigen Zeithorizont von mindestens zehn Jahren hat, kann die weitere Entwicklung in Ruhe abwarten. Sollte sich der Kurseinbruch als temporär erweisen, hat es sich als richtig erwiesen, nicht in kurzfristigen Aktionismus zu verfallen. Ist der Kurseinbruch hingegen der Beginn einer längeren Abwärtsbewegung, hat man so in der Regel ausreichend Zeit, die schlechte Börsenphase auszusitzen. Wer regelmäßig monatlich einen bestimmten Betrag spart, kann dann zwischenzeitlich sogar preiswert nachkaufen.

heute.de: Ist es ratsam, jetzt zu investieren?

Scherfling: Wer Ziele hat, muss für die Verwirklichung Geld sparen. Dies gilt beispielsweise für die selbstgenutzte Immobilie genauso wie für die Altersvorsorge, die berufliche Weiterbildung oder die Familienplanung. Die aktuelle Entwicklung an der Börse sollte nicht dazu führen, auf die notwendigen Sparprozesse zu verzichten. Der Einbruch zeigt aber noch einmal, wie wichtig es ist, sich im Vorfeld Gedanken über die passende Strategie zu machen und verschiedene Angebote miteinander zu vergleichen. An der Börse zu investieren, beispielsweise über Aktien oder Investmentfonds, empfiehlt sich tendenziell, wenn man einen ausreichend langen Zeithorizont von mindestens zehn Jahren hat und wenn die eigene Risikoeinstellung dies erlaubt.

heute.de: Welche Anlageprodukte sind jetzt besonders sicher?

Scherfling: Sicher sind zum Beispiel Produkte, für die die gesetzliche Einlagensicherung oder eine als gleichwertig anerkannte Institutssicherung gilt. Dies sind beispielsweise Tagesgelder, Festgelder oder Sparbriefe. In der aktuellen Niedrigzinsphase bekommt man allerdings derzeit meist nur Zinsen, die unter der Inflationsrate liegen, sodass man real einen Verlust macht. Trotzdem sind für die Liquiditätsreserve und kurzfristig benötigte Gelder Tagesgelder eine sinnvolle Alternative, nicht zuletzt, weil es dort keine Kursrisiken gibt.

Wer für langfristige Ziele spart und eine höhere Renditechance realisieren will, sollte hingegen einen für sich passenden Mix aus sicheren Anlagen und chancenorientierten Anlagen finden. Wie dieser Mix aussieht, hängt vom Einzelfall ab, weil Anleger eigene Ziele und unterschiedliche Risikopräferenzen haben. Eine generelle Aussage ist hier nicht möglich.

heute.de: Und welche Produkte sind momentan besonders riskant?

Scherfling: Besonders riskant sind immer Produkte, die mit einem Emittentenrisiko - also das Risiko eines Totalverlustes - verbunden sind. Diese Aussage gilt grundsätzlich und ist unabhängig vom aktuellen Kurseinbruch. Das Risiko eines Totalverlustes gibt es zum Beispiel bei geschlossenen Fonds, Anleihen oder Zertifikaten. Wer Einzelaktien kauft, sollte berücksichtigen, dass eine AG insolvent werden könnte und die Aktien daher in der Praxis wertlos werden könnten. Privatanleger sollten daher überlegen, ob Investmentfonds nicht die bessere Alternative sind, da man durch die Streuung das Risiko ein Stück weit reduziert. Trotzdem bleiben auch hier Kursrisiken.

heute.de: Viele Menschen investieren über Riester- oder andere Versicherungsverträge in Fonds. Wie sollten die sich nun verhalten?

Scherfling: Wer langfristig für die Altersvorsorge spart und beispielsweise noch 20 oder 25 Jahre bis zum geplanten Renteneintritt hat, hat in der Regel keinen Handlungsbedarf. Wer für sich ein passendes Produkt gefunden hat, sollte sich jetzt nicht davon trennen. Bei einer kurzen Restlaufzeit ist es bei Riesterverträgen oft so, dass der Anbieter schon nach und nach in sichere Produkte umgeschichtet hat. Denn es gibt eine Garantie, dass zu Rentenbeginn das Kapital im Riester-Vertrag mindestens so groß sein muss wie die eingezahlten Beiträge und die erhaltenen staatlichen Zulagen.

Wer trotzdem selbst aktiv werden will und Umschichtungen vornehmen möchte, sollte erst einmal prüfen, ob sein individueller Vertrag dies überhaupt vorsieht oder ob ausschließlich der Anbieter selbst dies tun darf.

Die Fragen stellte Kevin Schubert.

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