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Zweisprachige Erziehung - Sprachen sind robust – Kinder auch

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Bilingual aufwachsende Kinder lernen spielend Sprachen. Volker Struckmeier, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft, sieht mehr Vor- als Nachteile für sie.

Kinder auf einem Klettergerüst
Kinder lernen Sprachen in Alltagssituationen. Quelle: dpa

heute.de: Ist einsprachig aufzuwachsen der Standard?

Volker Struckmeier: In Europa glauben wir, es ist normal, dass ein Deutscher deutsch und ein Franzose französisch spricht. Aber auf die ganze Welt gesehen verhält sich das anders. Für uns Forscher ist das toll, weil wir so eine gigantische Menge an Beobachtungsdaten haben. Sodass wir klar sagen können, dass Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, dadurch definitiv keinen Nachteil haben.

heute.de: Diese Einschätzung war nicht immer so. Früher hat man ja Nachteile für die Kinder gesehen.

Struckmeier: Ich kenne persönlich ganz viele Leute, bei denen irgendwelche Kinderärzte in den 1970er und 1980er Jahren erzählt haben, mehrere Sprachen verwirren das Kind. Mit diesen Ärzten würden wir Sprachwissenschaftler gerne mal reden. Ich weiß nicht, ob die das heute auch noch so sehen würden. Auf der Welt sind die meisten Menschen mit mehreren Sprachen aufgewachsen – und die haben ja nun nicht alle einen Hirnschaden davongetragen, nicht? Es ist eine völlig unhaltbare Behauptung, dass mehrere Sprachen für Kinder schwierig sind.

heute.de: Wo sehen Sie die Problematik?

Struckmeier: Das Kernproblem ist, dass man glaubt, dass der Spracherwerb für Kinder so ist, wie man selbst in der Schule Englisch gelernt hat oder Französisch oder gar Latein. Mit einem hohen Aufwand, großer Anstrengung und oft mit einem durchwachsenen Ergebnis.

heute.de: Aber Kinder lernen anders?

Struckmeier: Kinder sind anders an dieser Stelle. Kinder nehmen auf, was an Sprachen um sie herum gesprochen wird. Und wenn das zwei Sprachen sind, vielleicht auch drei oder mehr Sprachen, dann scheinen sie keine großen Probleme damit zu haben.

heute.de: Stimmt es, dass Kinder spielend Sprachen lernen?

Struckmeier: Das ist eine Sache, die sehr gut beobachtet ist: Kinder im Alter von bis zu fünf Jahren lernen völlig unproblematisch Sprachen, die ausreichend in der Umwelt des Kindes zur Verfügung stehen. Dass mal im Radio ein englischer Pop-Song läuft, reicht natürlich nicht für ein deutsches Kind um Englisch zu lernen. Aber jede Sprache, mit der das Kind in Berührung und Interaktion kommt, mit Erwachsenen oder anderen Kindern, wird de facto gelernt. Ausnahmen gibt es praktisch nicht. Wenn doch, dann sind sie pathologischer Natur. Dann reden wir über einen gestörten Spracherwerb, der aber unabhängig von der Mehrsprachigkeit ist.

heute.de: Das lässt sich auch auf die zweisprachig-aufwachsenden Muttersprachler adaptieren?

Struckmeier: Genau. Wenn Kinder früh genug ausreichend Kontakt mit mehreren Sprachen haben, dann sind die einfach in allen Sprachen perfekt. Das verstößt vielleicht bei manchen Leuten gegen deren Gerechtigkeitssinn: "Ich habe mir so eine Mühe gegeben im Unterricht Englisch zu lernen und der kann das einfach so." Aber das ist eben das Geschenk, wenn jemand mehrsprachig aufwächst

heute.de: Ist es sinnvoll, wenn Eltern, die keine Muttersprachler sind, ihre Kinder bilingual aufziehen?

Struckmeier: Das kann man nicht generell sagen. Wenn diese Leute sehr gute Englischsprecher sind, dann würde ich nicht a priori einsehen, warum das nicht irgendwas bringen soll. Wenn die Eltern aber nur angestrengtes, zu stark limitiertes Englisch produzieren, dann kann ich mir auch vorstellen, dass da nichts Zählbares bei rauskommt. Der Grundgedanke, den man vermitteln muss, ist aber, dass der Spracherwerb ungeheuer robust ist.

heute.de: Das bedeutet, Kinder ahmen nicht nach?

Struckmeier: Vieles nicht! Das kann man auch ganz einfach anhand eines Beispiels zeigen: Heute "gehe" ich und gestern "ging" ich. "Ging" ist eine irreguläre Form. Kinder in einem bestimmten Alter verstehen aber, dass die Vergangenheit im Deutschen regulär mit "t" bildet: Ich "lache" versus ich "lachte". Kinder sagen dann aber oft: "Ich gehte"! Sie haben die Regel erkannt, nach der die Vergangenheit mit "t" gebildet wird. Sie warten nicht darauf, dass ein Erwachsener ihnen "gehte" vorsagt. Das kann man hier gut sehen, denn "gehte" sagt ja kein Erwachsener. Kinder leiten also oft Regelmäßigkeiten ab. Das ist etwas anderes als nachahmen. Wer eine Regel erkannt hat, kann sie selbständig anwenden.

heute.de: Das führt dann zum eigenständigen Sprachgebrauch?

Struckmeier: Das ist das, was am Ende auch immer das Ergebnis des Spracherwerbs ist, also bei Muttersprachlern: Sie gehen über das, was sie gehört haben, weit hinaus. Sie können Sätze bilden, die hat noch nie jemand gesagt und trotzdem könnten sie sie bilden – und ich könnte sie verstehen.

heute.de: Gibt es bei all den Vorteilen wirklich gar keinen Nachteil?

Struckmeier: Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, haben als einzigen Nachteil, wenn es überhaupt einer ist, dass sich der Input prozentual anders verteilt, auf mehrere Sprachen. Ein deutsches Kind in Deutschland hört zu 99 Prozent nur deutsch. Aber ein Kind, das in Südafrika aufwächst, wo mehrere Sprachen gesprochen werden, hört vielleicht zu 50 Prozent Englisch, zu 30 Prozent Afrikaans und zu 20 Prozent Xhosa. Aber weil Kinder nicht auf Nachahmung angewiesen sind, reicht das auch. Das Kind kann die Regeln auch mit weniger Input erkennen. Kinder sind unwahrscheinlich robust, was diesen Prozess angeht: Es gibt viele ungünstige Umstände, in denen sie Sprache lernen müssen – und sie schaffen es immer.

Spracherwerb und Mehrsprachigkeit

Das Interview führte Florence-Anne Kälble

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