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DDR-Computerfreaks - "Als Agent den Kreml in die Luft jagen"

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Auch in der DDR gab es schon eine Gamerszene. Im Interview spricht Volker Strübing über seine Erinnerungen und wie die Stasi die Szene für ihre Zwecke benutzen wollte.

Die Dokumentation „Auferstanden aus Platinen“ erzählt die Geschichte einer Gruppe computerbegeisterter Jugendlicher im Ostberlin der späten 80er Jahre. Ihre Geschichte ist zugleich eine Geschichte über die Anfänge der digitalen Revolution.

Beitragslänge:
38 min
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heute.de: Viele Ihrer Freunde, mit denen Sie als Jugendlicher Ende der 1980er-Jahre in Ostberlin an Computern gespielt haben, haben Karriere in der IT-Branche gemacht. Was ist bei Ihnen schiefgelaufen?

Volker Strübing: Ja, ich bin der Einzige, aus dem nichts Vernünftiges geworden ist, nur ein Autor! (lacht) Drei meiner alten Freunde von damals machen heute Computerspiele mit zweistelligem Millionenbudget: Aus einem DDR-Neubauplatten-Kinderzimmer zu einem High-Tech-Spiele-Studio zu kommen, das ist schon ziemlich geil.

heute.de: Wie ist es bei Ihnen gelaufen?

Strübing: Nach der Wende war ich auch erstmal euphorisch: Wow, die Mauer ist auf, jetzt können wir erstmal ordentliche Computer kaufen. Wir erlebten da ja nicht nur das Ende des Sozialismus, sondern auch den Beginn des digitalen Medienzeitalters. Ich habe dann auch gleich gemeinsam mit zwei Freunden ein Computerspiel geschrieben. Das sollte unser Einstieg in die Branche sein. Aber es war leider ein Verkaufsflop. Für mich war dann ein bisschen die Luft raus und ich wollte andere Sachen ausprobieren.

heute.de: In Ihrer neuen Dokumentation "Auferstanden aus Platinen", die am heutigen Sonnabend auf 3sat läuft, erzählen Sie die Geschichte junger Computerfreaks in der DDR. Was soll Zuschauer heute daran reizen?

Strübing: In Westdeutschland ernte ich beim Thema "Computer in der DDR" oft einen erstaunten Blick: Was, die gab’s dort? Das ist für nicht Wenige schon ein neuer Informationsschnipsel. Aber mich hat vor allem gereizt, nochmal einzutauchen auch in meine Geschichte als Computerfreak in den späten 80er-Jahren der DDR. Wie Computer langsam im Alltag aufkamen, welche Schwierigkeiten wir aber auch hatten, an Hardware zu kommen. Ich wollte aber auch die seltsame Liebe der DDR aufzeigen zu allem, was mit Computern zu tun hatte. Die Politik hat den Umgang mit Computern bei Jugendlichen ja gefördert und sogar die importierten West-Computer waren gern gesehen.

heute.de: Mit ihren Freunden trafen Sie sich regelmäßig im "Haus der Jungen Talente" der Freien Deutschen Jugend, FDJ, also quasi in einem Computerclub unter staatlicher Obhut. Wie ging es dort zu?

Strübing: Der Zugang war völlig frei für jeden und ohne feste Mitgliedschaft. Es gab da jeden Mittwoch einen Vortrag und anschließend loses Zusammensein in einem Raum für vielleicht 60 Leute, in dem sich dann oft Hunderte reingepresst haben. Und obwohl das unter dem Dach der FDJ stattfand, war es ein Computerclub, der ausschließlich mit West-Technik versorgt war, also mit Commodore 64 und später mit Amiga. Demzufolge gingen hauptsächlich Leute dahin, die daheim selbst West-Computer hatten.

heute.de: Computer waren in der DDR Mangelware. Hatten Sie einen daheim?

Strübing: Ja, mein Opa ist Mitte der 80er-Jahre aus Thüringen nach West-Berlin ausgereist; von ihm hatte ich das Westgeld, mit dem ich mir dann im Intershop einen C64 kaufen konnte. Manche haben die auch gebraucht in der DDR gekauft: Ein C64 mit Diskettenlaufwerk hat so viel gekostet wie ein Trabi. Ein Computer so teuer wie ein Auto – das kann sich heute wohl auch kaum noch jemand vorstellen.

Die deutsche Wiedervereinigung war ein Glücksfall der Geschichte. Doch wie gut haben wir die Chance genutzt? 30 Jahre nach dem Mauerfall macht sich Joachim Gauck auf die Suche nach der Einheit.

Beitragslänge:
44 min
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heute.de: Die DDR hatte die Bedeutung der Informatik als Schlüsseltechnologie erkannt und wie Sie sagen auch junge Computerfans gefördert. Inwiefern haben Sie ein staatliches Interesse in Ihrer Gruppe gespürt?

Strübing: Damals eigentlich nicht wirklich. Später hat sich durch Recherchen des Journalisten Denis Gießler, der auch im Film vorkommt, herausgestellt, dass die Stasi inoffizielle Mitarbeiter in den Computerclub geschickt hat, die genau hinschauen und protokollieren sollten, was da vor sich ging. Allerdings hatten die Leute selbst keine Computerkenntnisse, kannten sich also nicht richtig aus und kamen deshalb auch nicht richtig rein in den Zirkel.

heute.de: Was hat die Stasi denn dann protokolliert?

Strübing: Wir haben oft Spiele kopiert, die aus dem Westen kamen. Da war dann auch so was dabei wie das berühmt-berüchtigte "Raid over Moscow". Das war sogar im Westen verboten, weil es so kriegsverherrlichend war. Man musste da als Geheimagent mit einem kleinen Flugzeug oder Raumschiff nach Moskau fliegen und letztlich den Kreml in die Luft jagen. (lacht)

Die SED-Spitze erkannte den Wert der Informatik als Schlüsseltechnologie. Computer produzierte die DDR vergleichsweise wenige, förderte aber junge Informatiker.
Die SED-Spitze erkannte den Wert der Informatik als Schlüsseltechnologie. Computer produzierte die DDR vergleichsweise wenige, förderte aber junge Informatiker.
Quelle: Volker Strübing

heute.de: Und so was haben Sie in den Räumen der FDJ kopiert? Eine Attacke aufs Herz des großen sozialistischen Bruders…

Strübing: Ja, die wussten, was wir da machen, haben aber nichts unternommen. Um sich abzusichern, hatte der Clubleiter ein Schild aufgehangen, dass in dem Raum das Spielen oder Kopieren kriegsverherrlichender Spiele verboten sei. Aber darum hat sich niemand geschert.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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