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Expertin zu Antidiskriminierung - Chancengleichheit keine Geste, sondern Gesetz

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In Berlin wird derzeit über den Status quo von Antidiskriminierungs- und Gleichstellungspolitik diskutiert. Die Historikerin Yasemin Shooman ist überzeugt: Es gibt viel zu tun.

Fußgängerzone in Leipzig
Die Bevölkerung in Deutschland ist sehr unterschiedlich zusammengesetzt - nicht erst seit der verstärkten Aufnahme von Flüchtlingen 2015 und 2016.
Quelle: dpa

heute.de: "Was divers macht"- unter diesem Motto finden heute und morgen in Berlin erstmalig die Deutschen Antidiskriminierungstage statt. Wie divers ist Deutschland?

Yasemin Shooman: Diversitätsmerkmale gibt es viele: Alter, Geschlecht, Religion, ethnische bzw. nationale Herkunft, sexuelle Orientierung usw. Wobei es wichtig ist, im Hinterkopf zu behalten, dass diese Merkmale bei Diskriminierung ineinandergreifen. Wir am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung beschäftigen uns in erster Linie mit dem Merkmal "Herkunft“. Und da können wir sagen: Deutschland ist sehr divers, und das nicht erst seit der verstärkten Aufnahme von Geflüchteten in den Jahren 2015 und 2016. Mittlerweile hat jede vierte Person in Deutschland einen Migrationshintergrund. Dieser Anteil wird sich mittelfristig weiter erhöhen, denn bei den Kindern unter fünf Jahren sind es bereits über 40 Prozent.

heute.de: Wo liegen in dieser Hinsicht noch Hürden, wenn es um eine diverse Gesellschaft geht?

Shooman: Das Problem ist, wie mit der vorhandenen Diversität umgegangen wird. Die Vielfalt der Bevölkerung sollte sich auch in den gesellschaftlichen Institutionen widerspiegeln, denn massive Repräsentationslücken stellen ein Demokratiedefizit dar. Im Moment sind viele Institutionen und Organisationen aber noch sehr homogen aufgestellt, besonders, wenn es um die Führungsebenen geht, auf der Entscheidungen getroffen werden. Wir müssen daher fragen: Wer sitzt bislang nicht mit am Tisch und wie können wir das ändern?

heute.de: Welche Formen der Diskriminierung herrschen in Deutschland vor?

Shooman: Wenn man Diskriminierung nicht verengt auf diskriminierendes Handeln gegenüber Einzelnen, sondern sich auch anschaut, welche strukturellen Formen der Benachteiligung für bestimmte Gruppen existieren, so lassen sich einige wichtige Bereiche identifizieren: Menschen mit Migrationshintergrund sind zum Beispiel überproportional von Armut betroffen. Sie sind überproportional von Arbeitslosigkeit betroffen oder in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt. Sie sind unterversorgt im Bereich Gesundheit, zum Beispiel bei der Inanspruchnahme von Rehamaßnahmen. Sie haben es deutlich schwerer bei der Wohnungssuche und so weiter und so fort. Nun muss man allerdings sagen, dass nicht alle Menschen mit Migrationshintergrund gleichermaßen einem Diskriminierungsrisiko unterliegen. Das Problem ist aber, dass die Datenlage hierzu in Deutschland bislang unzureichend ist.

heute.de: Wie könnte man dem Problem beikommen?

Shooman: Man kann keine effektiven Maßnahmen ergreifen, wenn man nicht weiß, wie groß das Problem ist und wen es wie betrifft. Unter Fachleuten wird daher intensiv über die Erhebung von Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsdaten diskutiert. Diese Debatte wird in Deutschland im Moment sehr kontrovers geführt, auch in der von der Bundesregierung berufenen Fachkommission zu den Rahmenbedingungen der Integrationsfähigkeit in Deutschland, der ich angehöre. Denn solche Daten, in denen zum Beispiel die ethnische Herkunft erhoben würde, sind sehr sensibel und bergen auch ein Missbrauchspotential. Fakt ist aber, dass wir eine präzisiere Beschreibung der vorhandenen Teilhabelücken brauchen, wenn wir ein entsprechendes Bewusstsein schaffen und Diskriminierung abbauen wollen.

heute.de: Wie sieht gelebte Diversität aus? Lassen Sie uns ein Wunschbild zeichnen.

Shooman: Die Bejahung von Vielfalt sollten wir als selbstverständlichen Teil einer modernen demokratischen Kultur begreifen und nicht als etwas, das zähneknirschend hingenommen wird. Marginalisierten Gruppen Chancengleichheit und Teilhabe zu ermöglichen, ist keine großzügige Geste. Der Grundsatz der Gleichbehandlung ist ein Versprechen unserer Verfassung, das sollten wir uns öfter klarmachen. Und wenn ein gewisser Teil der Bevölkerung immer wieder erlebt, dass dieses Versprechen nicht eingelöst wird, dann stellt dies ein Glaubwürdigkeitsproblem für unsere Demokratie dar.

heute.de: Und wie ist es um "echte" Integration bestellt?

Shooman: Echte Integration bedeutet gleichen Zugang zu den zentralen Gütern und Ressourcen der Gesellschaft für alle Bürger. Davon sind wir aber noch weit entfernt.

Das Interview führte Michael Kniess

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