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Politologin Römmele im Interview - "Parteien sollten Impuls der Jugend nutzen"

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Ob "Fridays For Future" oder beim Urheberrecht - junge Menschen fühlen sich derzeit oft ungehört. Kommunikationsexpertin Römmele erklärt im Interview, was die Politik falsch macht.

Politikverdrossen soll die Jugend sein. Wohl eher anders herum! Zumindest bei #FridaysForFuture- und den „Art.-13“-Demos. Oder?

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heute.de: Warum werden die Ansichten junger Leute so selten berücksichtigt?

Andrea Römmele: Weil die jungen Menschen andere Formate der Partizipation nutzen. Weil sie ihre Interessen und ihre Forderungen anders versuchen kundzutun. Sie nutzen eben nicht die vor allem von Parteien vorgegebenen Formen der Partizipation. Sie engagieren sich nicht in den Parteien, sondern sie engagieren sich auf der Straße, sie organisieren sich über die sozialen Medien.

heute.de: Ist das nicht ignorant von der Politik?

Römmele: Es ist sehr ignorant von der Politik. Es ist meiner Ansicht nach auch sehr gefährlich von der Politik, weil diese jungen Menschen verprellt werden und weil sie letztendlich vielleicht auch verprellt werden für eine langfristige politische Partizipation. Es sind ja oft junge Menschen, die in dem Alter gerade politisiert werden.

Das prägt einen langfristig, wie man hier ernst genommen wird. Ob man auf Augenhöhe diskutieren kann oder nicht. Und die Verlagerung jetzt auch gerade bei "Fridays For Future" auf einen Nebenkriegsschauplatz, dass die Politik sagt: Ja, aber hier wird gegen die Schulpflicht verstoßen, die Schülerinnen und Schüler verpassen freitags die Schule. Das ist meiner Ansicht nach eine Verlagerung auf einen Nebenkriegsschauplatz, den ich überhaupt nicht nachvollziehen kann.

heute.de: FDP-Chef Christian Lindner hat ja getwittert, das sei eine Sache für Profis. Was sagen Sie dazu?

Römmele: Sehe ich ganz anders. Es geht darum, dass diese jungen Menschen auf ein Problem aufmerksam machen wollen. Es geht darum, dass ein Thema - nämlich das Klima, Energie - noch stärker auf die politische Agenda gebracht wird. Und die Ansichten von Christian Lindner verprellen ja nicht nur die jungen Menschen, sondern auch sonst Menschen, die sich in der Politik engagieren wollen. Und letztendlich ist diese Aussage auch Futter für Populisten. Ich habe mich sehr geärgert, als ich das auf Twitter gelesen habe und finde das auch in keinster Weise nachvollziehbar. Man muss sich doch freuen, wenn sich Menschen für Politik interessieren, wenn sich Menschen einbringen wollen. Und die Aussage, dass so etwas nur etwas für Profis ist, lässt den Graben oder den Spalt zwischen Gesellschaft und Politik ja nur noch größer werden.

heute.de: Paul Ziemiak, der Chef der Jungen Union, hat getwittert, Greta Thunberg verliere kein Wort zu Arbeitsplätzen, das sei ja bei ihr nur "pure Ideologie" - was sagen Sie dazu?

Römmele: Vielleicht fehlt der Politik gerade auch eine Ideologie und eine Vision. Dass natürlich weder Greta Thunberg noch viele andere, die sich für Politik engagieren, für bestimmte Themen engagieren, alle Lösungsvorschläge auf dem Tableau haben, alles durchdacht haben bis in den letzten Punkt - würde ich mal sagen, ist selbstverständlich. Es geht darum, auf ein drängendes Thema aufmerksam zu machen. Hier auch eine Geschwindigkeit, eine Entscheidungsgeschwindigkeit reinzubringen.

Und wenn junge Menschen, auch nicht nur junge Menschen, sondern überhaupt Menschen, ideologisch aufgeladen sind und eine gewisse Vision vom Zusammenleben haben, finde ich das ganz wunderbar.

heute.de: Welche Konsequenzen hat es, wenn die Politik jetzt die Chance ungenutzt lässt, junge, engagierte Menschen abzuholen?

Römmele: Es hat die Konsequenz, dass sie eine ganze Generation für Politik verprellt. Gerade diese junge Generation ist ja in der Phase der Politisierung. Für ganz viele ist es die erste Berührung mit der Politik. Und da wäre es wünschenswert, wenn es ein positives Erlebnis wäre. Und werden sie verprellt, sind sie für die nächsten zwanzig Jahre möglicherweise verprellt. Und Parteien sollten diesen Impuls, den sie jetzt von der Straße über die Jugendlichen kriegen, dazu nutzen, sich über neue Beteiligungsformen Gedanken zu machen und auszutauschen.

Das Interview führte Anna Maria-Schuck.

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