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Eingriff ins Erbgut - "Genschere wird kommen - und bietet Chancen"

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"Menschenversuch" oder Hoffnung für Paare mit Erbkrankheiten? Die Reproduktionsgenetikerin Baston-Büst kritisiert den Fall aus China, sieht in der Genschere aber auch Chancen.

Forschung - Labor (Symbolbild)
Im Labor ist vieles möglich - aber was soll erlaubt sein? Ein Fall aus China hat eine Debatte über Genmanipulation im Erbgut ausgelöst.
Quelle: dpa

heute.de: Vor gut 40 Jahren kam Louise Brown auf die Welt, das erste im Reagenzglas gezeugte Baby. Der Vatikan sah darin "sehr schwere Konsequenzen für die Menschheit", manche sprachen vom "Frankensteinbaby". Nun verkündet ein chinesischer Forscher die Geburt der ersten genmanipulierten Babys - und die Rede ist von "unverantwortlichen Menschenversuchen". Sehen Sie Parallelen?

Dunja Baston-Büst: Historisch ist es häufig so, dass erstmal gegen Neuerungen gewettert wird. Aber ich sehe da schon zwei verschiedene Verfahren, die man nicht in einen Topf werfen darf. In China ist mit der Genschere Crispr/Cas9 das Erbgut manipuliert worden. Dabei wurde ein Rezeptor verändert, der nicht nur für das HI-Virus, sondern auch für Immunantworten verantwortlich ist. Und man hätte die Babys auch mit konventionellen Methoden davor schützen können, dass sie sich beim HIV-positiven Vater anstecken.

heute.de: Das sind wissenschaftliche Bedenken. Haben Sie auch moralische?

Baston-Büst: Eigentlich beides. Das Experiment wurde hinter verschlossenen Türen gemacht, selbst die Universität wusste nichts davon.

heute.de: He Jiankui, der chinesische Forscher, sagte, es gehe ihm nicht darum, Babys mit höherem IQ oder einer bestimmten Haarfarbe zu schaffen, sondern Krankheiten zu heilen. Bietet die Genschere auch Chancen?

Baston-Büst: Ja, Chancen bietet das Verfahren allemal - zum Beispiel bei Chorea Huntington, einer Erkrankung des Gehirns, und der Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose. Aber die Fehlerquote muss noch reduziert werden. Es muss ein Genehmigungsverfahren stattfinden, in dem sich auch Ethiker eine Meinung bilden, ob Eingriffe in die Keimbahn zugelassen werden sollen. In Deutschland gibt es die Ethikkommission, in der etwa Biologen, Theologen und Selbsthilfegruppen zusammensitzen. Wenn das Verfahren genehmigt wird, müssen Versuche transparent stattfinden, es muss klare Belege für Erfolge und Misserfolge geben.

heute.de: Die Angst, aus Versehen ein Monster zu schaffen, ist so alt wie die Gentechnik selbst. Deshalb haben sich 1975 im kalifornischen Asilomar Forscher auf Richtlinien zur Produktion und Handhabung gentechnisch veränderter Organismen geeignet. Sie gelten bis heute als gelungene Selbstkontrolle der Wissenschaft. Braucht es eine solche Vereinbarung nun auch für Eingriffe in die menschliche Keimbahn?

Baston-Büst: Ja, wobei wir weltweit unterschiedliche Moral- und Wertevorstellungen haben, wie das Beispiel aus China zeigt. Ich glaube nicht, dass wir einen internationalen Handlungsleitfaden hinbekommen. In den 70er Jahren war das noch einfacher. Heute ist die Konkurrenz in der Gentechnik sehr groß, es geht um viel Geld.

heute.de: Abgesehen von der umstrittenen Genschere - welche Fortschritte gibt es in der Reproduktionsgenetik und woran arbeiten Sie?

Baston-Büst: Wir sind leider in Deutschland sehr limitiert. Forschung an Embryonen ist hier verboten. Wir können Spermien aufbereiten und Eizellen untersuchen. Aber einen Embryo zu untersuchen, ist nur in Ausnahmefällen erlaubt, das Paar muss vorher einen Antrag bei der Ethikkommission stellen. Dabei könnte man mit der Präimplantationsdiagnostik zum Beispiel Trisomien erkennen, bevor ein Embryo in die Gebärmutter eingesetzt wird. Stattdessen wird den Paaren eine Schwangerschaft auf Probe zugemutet. Nach zehn bis zwölf Wochen kann der Fötus dann mit den Verfahren der Pränataldiagnostik - wie Blut- und Fruchtwassertests - untersucht werden. Gegebenenfalls folgt dann eine Abtreibung. Für die Mütter wäre es besser, bei künstlicher Befruchtung in Zweifelsfällen den Embryo vor dem Einsetzen in die Gebärmutter zu untersuchen. Diese Präimplantationsdiagnostik ist in unseren Nachbarländern ein gängiges technisches Verfahren, Deutschland ist da hintendran.

heute.de: Schätzungen zufolge kamen weltweit bisher sechs bis acht Millionen Babys mit Hilfe der Reproduktionsmedizin auf die Welt. In Deutschland sind es pro Jahr mehr als 20.000 - etwa jedes zehnte Paar gilt als ungewollt kinderlos. Wird der Eingriff ins Erbgut in 40 Jahren ähnlich akzeptiert sein wie heute der Gang ins Kinderwunschzentrum?

Baston-Büst: Leider ist der noch gar nicht so akzeptiert, Kinderwunschbehandlungen sind immer noch ein Tabuthema.  Es suchen zwar viele betroffene Paare Hilfe, aber nur wenige Eltern sagen ihrem Kind, dass es durch künstliche Befruchtung gezeugt wurde. Das ist ähnlich wie bei der Adoption, auch hier verschweigen Eltern oft, dass sie nicht leibliche Mutter und Vater sind.

Die Eingriffe ins Erbgut mit der Genschere werden kommen, zunächst in Ländern wie China, Japan, den USA und Großbritannien. In Deutschland ist die Gesetzgebung dagegen sehr restriktiv.

Das Interview führte Kathrin Wolff.

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