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Unruhen in Albanien - "Alltag wird für Albaner immer härter"

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Ausschreitungen in Tirana: Die Opposition nutzt die Unzufriedenheit in der Bevölkerung, um die sozialistische Regierung zu stürzen, erklärt Albanien-Experte Martin Mato.

Proteste in Albanien
Am Samstag ist die Demonstration gegen die Regierung in Gewalt gemündet - am Montag soll es eine neue Großkundgebung geben.
Quelle: ap

heute.de: Seit Monaten demonstrieren Oppositionsanhänger gegen die Regierung. Wer geht da auf die Straße und warum?

Martin Mato
Der Albaner Martin Mato ist Germanist an der Universität von Tirana. Zudem führt er deutsche Reisegruppen durch sein Heimatland.
Quelle: privat

Martin Mato: Die Opposition besteht aus zwei Gruppen. Zum einen ist es die Demokratische Partei. Diese hat sich nach der Wende als antikommunistische Partei etabliert. Zum zweiten ist da die Sozialistische Bewegung für Integration (LSI), eine Abspaltung der regierenden sozialistischen Partei. Beide nutzen die Unzufriedenheit der Leute aus, um den sozialistischen Ministerpräsidenten zu stürzen, weil ein hochrangiges Parteimitglied der Demokratischen Partei festgenommen worden ist. Sie werfen den Sozialisten Korruption und Verbindungen zur Organisierten Kriminalität vor. Und sie sind in der Lage, auch junge, gewaltbereite Männer zu mobilisieren.

Für viele Demonstranten ist das aber nicht der Hauptgrund, denn es gibt in Albanien genug Gründe, auf die Straße zu gehen. Korrupt sind in ihren Augen alle Politiker. Sie haben eher das Problem, dass im Land alles teurer wird, auch die Lebensmittel. Das liegt an den Reformen für die EU-Beitrittsverhandlungen. Es wird für die Menschen immer härter, den Alltag zu finanzieren. Auch die Prüfungen und die Berufsausbildungen sind teurer geworden - viele Menschen können sich das einfach nicht leisten. In Albanien gibt es zwar viele Jobs, aber die sind schlecht bezahlt. Und es ist in Albanien so, dass viele Menschen Arbeiten übernehmen, für die sie gar nicht qualifiziert sind, etwa auf dem Bau.

Nach den gewaltsamen Ausschreitungen in Tirana beharrt die Opposition auf ihrem Widerstand gegen die Regierung. Auch heute gehen die Demonstrationen weiter.

Beitragslänge:
1 min
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heute.de: Die Gewaltbereitschaft scheint groß, es fliegen Molotowcocktails und Knallkörper auf Polizisten, die reagieren mit Tränengas und Wasserwerfern. Es gibt Verletzte. Könnte die Lage eskalieren?

Mato: Die Sorge vor einer Eskalation ist groß, wenn die Regierungsseite nicht nachgibt. Die Opposition ist straff organisiert und legt es drauf an.

heute.de: Was ist dran an den Vorwürfen des Wahlbetrugs? 60 Oppositionsabgeordnete hatten ja Ende Februar aus Protest ihre Parlamentsmandate niedergelegt.

Mato: Dass es im Land Korruption gibt, ist allen klar. Auch dass es Wahlbetrug gibt, und zwar von allen Seiten, beklagt die OSZE seit Jahren. Albanien ist eine typische Balkan-Demokratie, aber nicht vergleichbar mit einer Diktatur. Der Weg nach Europa ist noch lang.

Karte Albanien
Albanien ist EU-Beitrittskandidat.
Quelle: ZDF

heute.de: Wie fest sitzt Ministerpräsident Edi Rama im Sattel?

Mato: Langsam geht auch den Sozialisten die Puste aus. Sie müssen bei den Reformen manchmal hart durchgreifen, um die Anforderungen für EU-Beitrittsverhandlungen erfüllen zu können. Diese Härte trifft die Leute auch im Alltag, und das wollen sie sich nicht mehr gefallen lassen. Aber diese Härte trifft auch die Richtigen, etwa was die Überprüfung der Richter und Staatsanwälte auf ihre Verbindungen zu Familien-Clans und Organisierter Kriminalität angeht. Allerdings hat Rama auch viel Geld in die Zentren der kleinen Städte gesteckt, daher hat er durchaus Chancen, dass seine Sozialisten die anstehenden Kommunalwahlen gewinnen. In Albanien ist es so, dass die Leute, die am Rande der Stadt wohnen, ärmer sind als die in der Stadt oder auf dem Land. Unter diesen ganz Armen hat er deutlich weniger Anhänger.

Das Interview führte Markus Schaller.

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