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Zum 90. Geburtstag - "Habermas geht es um Humanität"

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Verständigung als Königsweg in der Politik, aber auch im sozialen Miteinander: Die Botschaft des Philosophen Habermas sei aktueller denn je, findet die Professorin Frauke Berndt.

Archiv: Jürgen Habermas am 06.08.2013 in Athen
Jürgen Habermas wurde am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geboren. Heute lebt er in Starnberg. Am engsten verbunden ist sein Name aber mit Frankfurt am Main. Als Vater der Kritischen Theorie war er wichtiger Impulsgeber der Frankfurter Schule.
Quelle: dpa

heute.de: Warum ist Jürgen Habermas der wichtigste lebende deutsche Intellektuelle?

Frauke Berndt: Jürgen Habermas ist einer der bekanntesten Philosophen weltweit, weil er in prominenter Art und Weise die so genannte kritische Theorie international attraktiv gemacht hat. Dabei handelt es sich um die wichtigste politisch engagierte Theorie der Nachkriegsgeschichte. Sie war eine Antwort auf den Holocaust. Habermas hat mit seinem Denken insbesondere das Politikverständnis in entscheidender Weise parteienübergreifend geprägt.

heute.de: Für welche zentrale Botschaft steht Habermas?

Berndt: Für Habermas ist Politik Verhandlungssache - ein Abwägen, Unterscheiden und Ringen, bei dem das bessere Argument zählen sollte: "Der zwanglose Zwang des besseren Arguments", wie es der Philosoph formulierte. Das ist ein Politikverständnis, das derzeit massiv bedroht ist. Deswegen ist Habermas' Botschaft so aktuell: Verständigung ist der Königsweg sowohl in der Politik als auch im sozialen Miteinander. Damit geht es Habermas um nichts weniger als um Humanität, wie ich finde.

heute.de: Viele Studenten müssen Habermas' Buch "Strukturwandel der Öffentlichkeit" lesen. Warum ist dieses Buch so wichtig?

Berndt: Das ist die Habilitationsschrift von Jürgen Habermas aus dem Jahr 1962. Seit über 50 Jahren ist dieses Buch ein Klassiker in allen Geistes- und Sozialwissenschaften. Unter anderem behandelt Habermas darin die Bedeutung der Medien für die Politik. Aber er weist auch auf die Gefahr hin, dass die Medien nicht mehr unabhängig sind. Dadurch entsteht die Gefahr einer Manipulation durch die Medien.

heute.de: Welche anderen Habermas-Schriften halten Sie für besonders wichtig?

Archiv: Jürgen Habermas im Jahre 1966
Bundespräsident Steinmeier nannte Habermas eine "Stimme der kritischen Vernunft, die weit über Deutschland hinaus in der ganzen Welt Gehör gefunden hat".
Quelle: dpa

Berndt: 1968 hat Habermas eine Theorie über "Erkenntnis und Interesse" geschrieben. Sie ist für mich als Wissenschaftlerin besonders wichtig. Darin argumentiert er, dass unsere Wissenschaft nicht neutral ist. Eine Gesellschaft muss daher mit den Ergebnissen der Wissenschaft kritisch umgehen, weil es keine "reine" Wissenschaft im Elfenbeinturm gibt. Jede Wissenschaft will etwas, so dass wir darüber nachdenken müssen, ob wir dasselbe wollen.

Auch ein weiteres Habermas-Buch hat mich beeindruckt: die "Theorie des kommunikativen Handelns" von 1981. Das ist eine großangelegte, zweibändige Begründung des emanzipatorischen Handelns. Grob gesprochen geht es um eine Korrektur der Moderne: Habermas versteht die Epoche der europäischen Aufklärung, die im 18. Jahrhundert nicht zuletzt mit der Französischen Revolution begonnen hat, als unabgeschlossenes Projekt der Moderne. Er fordert, den eigentlichen Zweck der Aufklärung zu verwirklichen: die gute und gerechte Gesellschaft für alle Menschen.

heute.de: Was ist damit konkret gemeint?

Berndt: Wenn man es plakativ auf heutige Probleme übertragen möchte, dann könnte man durch emanzipatorisches Handeln zum Beispiel die Zerstörung unseres Planeten verhindern, indem man sich dafür einsetzt, den Klimaschutz gegen wirtschaftliche Interessen durchzusetzen und durch sein eigenes Verhalten dazu beizutragen. Die kurzfristigen Interessen der Wirtschaft wiederum folgen lediglich einem instrumentellen Handeln - und pokern dabei mit dem Schicksal der gesamten Menschheit.

Jürgen Habermas als öffentlicher Intellektueller

heute.de: Habermas hat sich immer wieder in politische Debatten eingemischt. Warum ist seine Stimme wichtig?

Berndt: Habermas betont Errungenschaften, mit denen wir seit einiger Zeit ziemlich leichtfertig umgehen. Fundamental für Demokratien ist die Gewaltenteilung, also die Unabhängigkeit von Legislative, Exekutive und Judikative. Habermas besteht darauf, dass das Rechtssystem die eigentliche Grundlage von Demokratien ist. Für seinen so genannten Verfassungspatriotismus ist Habermas durchaus angegriffen worden. Dabei gibt es genug Beispiele dafür, was auf dem Spiel steht, wenn er ausgehöhlt wird.

heute.de: Was unterscheidet Habermas von jüngeren Intellektuellen wie dem Franzosen Didier Eribon oder dem Israeli Yuval Harari?

Berndt: Ich halte wenig davon, Denkende miteinander zu vergleichen. Eribon und Harari sind wesentlich jünger, eine andere Generation, noch dazu in anderen kulturellen Kontexten. Sie haben daher ganz eigene und vor allem ganz andere Baustellen als Habermas. Habermas nimmt nicht eine Position unter anderen ein. Er hat eine ganze Denktradition in der Philosophie und politischen Theorie begründet - kein geschlossenes System, aber eben ein großes Paradigma.

Das Interview führte Raphael Rauch. Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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