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BER: Fluglärm-Protest - Am langen Arm verhungert

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In Berlin wird ein neuer Eröffnungstermin für den Flughafen verkündet. Im heute.de-Interview erklärt Antje Aurich-Haider, warum ihr der Sankt-Nimmerleins-Tag am liebsten wäre.

Blick am 21.11.2017 aus dem Tower der Deutschen Flugsicherung auf das Rollfeld vor dem Terminal des Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg (BER) in Schönefeld
Blick am 21.11.2017 aus dem Tower der Deutschen Flugsicherung auf das Rollfeld vor dem Terminal des Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg (BER) in Schönefeld Quelle: dpa

heute.de: Der Eröffnungstermin des neuen Hauptstadtflughafens verschiebt sich immer weiter. Damit bleibt auch der Fluglärm aus. Für Sie ist das großartig, oder?

Antje Aurich-Haider: Ja, vorläufig schon, aber wir erleben nur die Ruhe vor dem Sturm. Denn was dann kommt, wird richtig schlimm. Entgegen der ursprünglichen Pläne von 30 Millionen Passagieren im Jahr ist ja jetzt schon die Rede von 60 Millionen. Das wird nicht mehr erträglich sein. Im Ergebnis heißt das, dass die ganze Region verlärmt wird. Davor gruselt es mir.

heute.de: Der Flugbetrieb am "BER" sollte 2012 starten, dann 2013, 2014, 2017. Jetzt heißt es 2020 oder 2021. Wie haben sich die Verschiebungen auf das Engagement der Bürgerinitiativen gegen Fluglärm ausgewirkt?

Aurich-Haider: Die Leute gehen jetzt erstmal nicht mehr auf die Straße, weil das Thema bei vielen etwas aus dem Sinn ist, aber wir sind im Hintergrund gut organisiert und vernetzt - und unsere juristischen Klagen gegen den Flughafen laufen weiter.

heute.de: Welche Erfolge erhoffen Sie sich?

Aurich-Haider: Es ist grundsätzlich sehr schwierig, die Bürgerinteressen durchzusetzen, weil die politische Unterstützung fehlt. Wir fordern ja nichts Maßloses, sondern einfach nur einen fairen Interessenausgleich - etwa einen angemessenen Schallschutz für alle betroffenen Bürger und anwohnerfreundlichere Flugverfahren. Da sind wir auch mit den BER-Verantwortlichen, Politikern und Leuten von der Deutschen Flugsicherung im Gespräch. Aber es wird schwierig sein, zum Erfolg zu kommen.

heute.de: Zumal, wie Sie sagen, der Druck der Straße ausbleibt. Sie und Ihre Mitstreiter erwarten ein Wiedererstarken dieses Protests, wenn die BER-Eröffnung tatsächlich heranrückt. Aber ist es dann nicht zu spät?

Aurich-Haider: Die breite Masse muss den Fluglärm erst spüren, dann gehen die Leute auch auf die Straße. Dann werden wir hoffentlich auch die Politik besser erreichen. Der Protest hält ja nun schon seit 15, 20 Jahren an, aber bislang hört die Politik nicht auf die Leute.

Karte: Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“
Karte: Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“ Quelle: ZDF

heute.de: Herrscht bei Ihnen in Teltow heute noch absolute Ruhe am Himmel oder spüren Sie die Flugzeuge, die den Flughafen in Berlin-Tegel anfliegen?

Aurich-Haider: Die spüren wir eher weniger. Es sind selten mehr als zehn Flieger, die täglich über uns hinwegfliegen in etwa 2.000 Metern Höhe. Dennoch, wenn so ein Flugzeug über unser Haus fliegt, fängt es hier drinnen an zu brummen und zu schwingen, Nachts werden wir von den Flugzeugen wach. Wenn es wirklich 60 Millionen Passagiere im Jahr werden sollten, rechne ich mit täglich 200 Überflügen über Teltow. Lärm- und Schadstoffbelastungen werden die Menschen dann krank machen. Klar, ein Fenster kann man noch schließen, aber die Luft anhalten geht nicht auf Dauer.

heute.de: Sie engagieren sich seit sieben Jahren in der Bürgerinitiative "Teltow gegen Fluglärm". Haben Sie dennoch schon mal daran gedacht, wegzuziehen?

Aurich-Haider: Meine Familie ist hier verortet, die Kinder gehen hier noch zur Schule und dann in eine ganz andere Ecke zu ziehen, ist ein größerer Akt. Aber wenn der Flughafen dann mal aufmacht und wir hier in Teltow so massiv überflogen werden sollten, dann ziehe ich wohl auch weg.

heute.de: Wie nehmen Sie die Stimmung in Ihrer Stadt und in der Region wahr?

Aurich-Haider: Ich sehe mit Sorge, dass die Politik die Interessen der Flughafen-Anwohner überhaupt nicht ernstnimmt und die Leute stattdessen am langen Arm verhungern lässt. Das hat Folgen: In Brandenburg gehen viele Menschen schon nicht mehr wählen oder sie wählen Leute etwa aus der AfD, die sich dann vermeintlich für sie einsetzen.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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