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50 Jahre CSD - "Wir dürfen uns nicht spalten lassen"

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Heute feiert Köln die Rechte von Schwulen und Lesben. Auch nach Einführung der "Ehe für alle" gebe es noch viel zu tun, sagt Stefanie Pawlak vom LSVD. Vor allem für Transmenschen.

Christopher Street Day in Köln am 07.07.2019
Christopher Street Day in Köln
Quelle: Reuters

heute.de: Köln galt lange Zeit als Schwulenhauptstadt Deutschlands. Gibt's eigentlich eine Lesbenhauptstadt?

Stefanie Pawlak: Hamburg, zumindest früher. Ich war da aber schon länger nicht mehr. Ich kann's also nicht bestätigen (lacht).

heute.de: Ihr Verband rät Journalisten, mehr Fotos von Lesben zu zeigen. Kommen Lesben zu kurz?

Pawlak: Hier findet unbewusst eine Diskriminierung statt. Frauen sind im politischen, wirtschaftlichen oder akademischen Leben unterrepräsentiert. Das zeigt sich dann auch in anderen Bereichen.

heute.de: Welches Lesben-Klischee nervt Sie am meisten?

Meine Frau und ich werden ständig gefragt, wer sich um den Haushalt kümmert. [...] So etwas nervt tierisch.

Pawlak: Meine Frau und ich werden ständig gefragt, wer sich um den Haushalt kümmert. In den Köpfen der Menschen gibt es eine geschlechtsstereotype Zuordnung von Aufgaben: Die eine bringt das Auto in die Werkstatt, ist also der Mann, und die andere putzt, sie muss also die Frau sein. So etwas nervt tierisch. Es ist müßig zu sagen, dass solche klischeehaften Rollenbilder auch in heterosexuellen Beziehungen nicht zwingend sind.

heute.de: Schon wieder ein Klischee, aber: Ist für Lesben die Frauen-WM das, was für viele Schwule der Eurovision Song Contest ist?

Pawlak: Hm, also meine Frau verfolgt die Frauen-WM schon intensiv. Ich nicht so, ich mag lieber Handball. Eurovision Song Contest mag ich, da laden wir immer Bekannte ein. Meine Frau findet die Musik schrecklich.

heute.de: Erleben Sie in Ihrem Alltag Homophobie?

Pawlak: Ich bin in einer privilegierten Situation: Ich bin Mitte 30, weiß, arbeite als Wissenschaftlerin in einem aufgeklärten Umfeld. Wir leben in einer Kleinstadt zwischen Köln und Düsseldorf, im Rheinland sind die Menschen tolerant. Und man sieht mir mein Lesbischsein nicht an. Da haben es andere sicher schwerer. Aber ich habe mein Verhalten durchaus angepasst: Meine Frau und ich küssen uns nicht in der Öffentlichkeit. Nicht, weil wir Angst hätten, sondern weil wir nicht auffallen wollen.

heute.de: Teilen Schwule und Lesben dieselben Anliegen?

Pawlak: Größtenteils ja. Manchmal gibt es Unterschiede, zum Beispiel beim Adoptionsrecht. Frauen bringen Kinder auf die Welt, da haben wir Lesben es einfacher. Uns verbindet aber die juristische und gesellschaftliche Diskriminierung. Leider.

heute.de: Warum ist mit der "Ehe für alle" noch nicht alles erreicht?

Das Bundesverfassungsgericht hat das dritte Geschlecht anerkannt. Aber es gibt noch viel zu tun. Die sexuelle Orientierung ist noch immer nicht durchs Grundgesetz geschützt.

Pawlak: In den letzten Jahren ist viel passiert. Es gab ja nicht nur die "Ehe für alle". Auch der Paragraf 175 wurde abgeschafft und die Verurteilten wurden rehabilitiert. Das Bundesverfassungsgericht hat das dritte Geschlecht anerkannt. Aber es gibt noch viel zu tun. Die sexuelle Orientierung ist noch immer nicht durchs Grundgesetz geschützt. Uns beunruhigen die steigenden Zahlen an Straftaten, die homo- oder transphob motiviert sind. Und auch Transsexuelle haben es nach wie vor rechtlich und gesellschaftlich sehr schwer.

heute.de: Hat das dritte Geschlecht die Situation von Transmenschen nicht deutlich verbessert?

Pawlak: Doch, auf Umwegen über eine ungewollte Öffnung eines Paragraphen im Personenstandsgesetz. Das ist jedoch ein Provisorium, von dem wir aktuell gar nicht so genau wissen, wie gut es in der standesamtlichen Praxis für Transmenschen zugänglich ist. Wir warten seit vielen Jahren auf eine neue Regelung des Transsexuellengesetzes. Uns liegt ein Gesetzentwurf vor. Diesen Entwurf der beteiligten Bundesministerien finden wir unsäglich. Wir wollen eine einfache Lösung, wonach transsexuelle Menschen nicht mehr schwierige, teure und im Ausgang ungewisse Verfahren durchleiden müssen. Das leistet das Gesetz nicht.

heute.de: Manche Schwule berichten, die Outings von Klaus Wowereit, Guido Westerwelle oder Thomas Hitzlsperger hätten ihnen geholfen. Wer war für Sie wichtig?

Pawlak: Anne Will. Mein Großvater mochte sie. Durch ihr Outing wurde ihm klar: Auch lesbische Frauen können erfolgreich sein.

Man denkt immer: Wenn man selbst einer Minderheit angehört, ist man etwas sensibler und empathischer. Das ist aber leider ein Trugschluss.

heute.de: Was ist mit Alice Weidel?

Pawlak: Ich halte ihre Politik für unsäglich. Man denkt immer: Wenn man selbst einer Minderheit angehört, ist man etwas sensibler und empathischer. Das ist aber leider ein Trugschluss. Umso wichtiger ist es, dass wir innerhalb der Schwulen- und Lesbencommunity den Zusammenhalt stärken. Es gibt populistische und reaktionäre Kräfte, die Minderheiten gegeneinander ausspielen wollen. Wir dürfen uns nicht spalten lassen. Wir können uns nicht ausruhen, es gibt noch viel zu tun. Und wir sollten die Menschen auf der Welt nicht vergessen, die in Todesangst und ohne rechtlichen Schutz leben müssen. Immer noch ist Homo- und Transsexualität in vielen Ländern geächtet, in einigen Ländern müssen Lesben, Schwule und Transmenschen gar um ihr Leben fürchten. Das dürfen wir nicht hinnehmen.

Das Interview führte Raphael Rauch. Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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