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Krankenkassen - Bürgerversicherung: "Schwammig und nebulös"

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Die SPD will eine Krankenversicherung für alle Bürger. Im heute.de-Interview spricht Gesundheitspolitik-Experte Martin Albrecht über die Hürden auf dem Weg zur Bürgerversicherung.

Archiv: OP-Besteck ist am 22.05.2014 in Mannheim, Baden-Württemberg, in der HNO-Klinik des Universitätsklinikums in einem Operationssaal während einer Operation zu sehen
Quelle: dpa

heute.de: Die Einführung einer Bürgerversicherung ist seit 14 Jahren in der Diskussion und wird heute von einer Mehrheit der Deutschen befürwortet. Ist die Zeit reif dafür?

Martin Albrecht: Reif mit Blick auf die Zustimmung der Bürger? Nach Umfrageergebnissen: Ja. Aber reif im Sinne, die Ideen wirklich umsetzen zu können? Nein. Da gibt es noch viele konzeptionelle Fragen zu lösen. Vieles ist schwammig, nebulös, noch nicht ausgereift und zu Ende gedacht. Aber erste Schritte sind möglich, wie das "Hamburger Modell" zeigt, wo der Senat im Sommer beschlossen hat, für Beamte ein echtes Wahlrecht zwischen gesetzlicher privater Krankenversicherung zu schaffen. Das Thema Bürgerversicherung ist aber hochkomplex, eine große Aufgabe.

heute.de: Befürworter sagen, die Bürgerversicherung könne für mehr Gerechtigkeit sorgen. Alle zahlen Beiträge in einen Topf und bekommen gleiche Leistungen. Die Rede ist von einem "Ende der Zwei-Klassen-Medizin".

Albrecht: Gerechtigkeit ist ein wesentlicher Punkt schon bei der Frage, wie ich mich überhaupt krankenversichern kann. Da haben wir heute ein System, das zwar historisch, aber nicht ordnungspolitisch begründet werden kann. Es teilt die Bevölkerung: die Angestellten nach der Einkommenshöhe und nicht abhängig Beschäftigte nach dem beruflichen Status. Danach entscheiden sich die Wahlrechte des Versicherungssystems. Das ist unter Gerechtigkeitsaspekten zumindest fragwürdig.

Zur Person

heute.de: Viele gesetzlich versicherte Patienten müssen länger auf einen Arzttermin warten als privat Versicherte. Diese Menschen erhoffen sich ein Ende dieser Ungleichbehandlung. Hilft da eine Versicherung für alle?

Albrecht: Was Patienten als Zwei-Klassen-Medizin empfinden, manifestiert sich für sie tatsächlich wesentlich bei den Termin-Wartezeiten. Diverse Untersuchungen belegen, dass es in bestimmten Regionen und ärztlichen Fachgruppen eine Benachteiligung von gesetzlichen Versicherten gibt. Offen ist, ob es zur Auflösung dieses Gerechtigkeitsdefizits eine Bürgerversicherung braucht oder ob es da einfachere Lösungen gäbe. Hierbei sollte man Aufwand und Kosten einer ganzen Systemumgestaltung im Auge behalten.

heute.de: Warum ist das so ein Mammutprojekt?

Albrecht: Es geht schon los bei der Frage, wie so eine Bürgerversicherung eingeführt werden soll: Gibt es einen sukzessiven Aufbau des Systems, wo wir uns nur auf die Neuversicherten konzentrieren oder findet man auch Regelungen für die Bestandsversicherten? Auch für die Frage nach dem Umgang mit den Alterungsrückstellungen von langjährig privat Versicherten fehlen noch klare Konzepte.

heute.de: Sie sagen, vieles sei noch nicht ausgereift. Mit Blick auf mögliche Beiträge und Leistungen ist für die Versicherten also noch alles offen?

Albrecht: So ist es. Wir haben diverse Studien zu dem Thema gemacht und uns mit Transformationsszenarien beschäftigt. Je nach Modell kommen sehr unterschiedliche Ergebnisse heraus, sowohl für die Versicherten als auch für die Beschäftigten der Privatversicherungen.

heute.de: Häufig ist von Synergieeffekten die Rede, von denen letztlich die Versicherten profitieren könnten. Wie steht es darum?

Albrecht: Modelle, die große Beitragssenkungsmöglichkeiten bei der Einführung einer Bürgerversicherung errechnet haben, kamen auf ihre Ergebnisse deshalb, weil sie die niedrigere Ärztevergütung der gesetzlichen Krankenversicherung angenommen haben. Inzwischen gilt das aber als unrealistisch. Denn wenn die höheren Privathonorare für Ärzte wegfallen, müssten diese zumindest teilkompensiert werden durch eine Anhebung der gesetzlichen Honorare, weil sonst wahrscheinlich viele Praxen wirtschaftliche Probleme bekämen.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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