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Studie mit zwiegespaltenem Fazit - Von der "gespaltenen" zur "verlorenen Mitte"

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Rechtes Denken scheint normaler zu werden: Müssen die Ergebnisse der neuen "Mitte-Studie" Sorgen machen oder Mut? Beides, sagt Mitautorin Beate Küpper im heute.de-Interview.

Archiv: Ein- und Zweifamilienhäuser in einem Neubaugebiet, aufgenommen am 01.08.2014
Was denkt die Mitte? Das ist die Kernfrage der jährlichen "Mitte-Studie" der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Quelle: dpa

Mit ihrer regelmäßigen Studie durchleuchtet die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung regelmäßig die Einstellungen, die in der Mitte der Gesellschaft mehr oder weniger verbreitet sind. Zum inzwischen siebten Mal hat sie dafür eine repräsentative Erhebung durchführen lassen - die Ergebnisse erläutert Mitautorin Beate Küpper im Interview.

heute.de: Während in der vorangegangenen Studie von 2016 noch die Rede von einer "gespaltenen Mitte" war, spricht die neue "Mitte-Studie" von einer "verlorenen Mitte". Wie schlecht ist es um unsere Gesellschaft bestellt?

Beate Küpper: Meine Antwort fällt zwiegespalten aus: Tatsächlich hätten viele im Vergleich zu 2016, als wir unsere "Mitte-Studie" mit dem Titel "Gespaltene Mitte - Feindselige Zustände" überschrieben haben, nochmals einen deutlichen Rechtsruck erwartet. Diesen konnten wir so nicht feststellen. Über die Bevölkerung hinweg hat die Verbreitung von rechtspopulistischen Einstellungen nicht zugenommen. Der Großteil der Deutschen befürwortet die Demokratie, begrüßt die Vielfalt der Gesellschaft und fordert eine Stärkung der EU - das ist die gute Nachricht.

AfD-Demonstration am 27.05.2018 in Berlin

Rechtes Gedankengut in Deutschland - Studie: Der Mitte geht der Kompass verloren

Die Mitte steht auf sumpfigen Boden und droht ihre demokratische Orientierung zu verlieren, bilanziert die Friedrich-Ebert-Stiftung ihre neue Studie. Die wichtigsten Erkenntnisse.

von Michael Kniess

Die schlechte Nachricht: Rechtspopulistische Einstellungen sind stabil, und das heißt: Sie sind in der Mitte normaler geworden. Ein Drittel äußert zugleich auch nicht-liberale Einstellungen zur Demokratie, stellt gleiche Rechte für alle infrage. Das Interessante ist dabei, dass es sich bei diesem Drittel der Befragten zum Teil um dieselben handelt, die prodemokratisch und proeuropäisch denken. Wir haben deshalb den Eindruck gewonnen, dass die gesellschaftliche Mitte zunehmend auf matschigem Boden steht und einige eben auch drohen, im Sumpf zu versinken. Viele scheinen ihren Kompass und ihre demokratische Orientierung zu verlieren.

heute.de: Wie ist diese paradoxe Situation zu erklären?

Küpper: Was den wirklich offenen, harten Rechtsextremismus angeht, scheinen die Menschen hierzulande wachgerüttelt worden zu sein. Dieser wird aber abgelöst von neurechten Einstellungen, die deutlich mehr Zuspruch finden. Darin spiegelt sich ein Rechtsextremismus in zunächst harmloser erscheinenden Meinungen wider. Darin steckt aber das alte völkische Denken, verpackt in einem neuen Gewand und in einer modernen Sprache, die mit Ausdrücken wie "Ethnopluralismus" oder "Identität" agiert.

Das ist auf den ersten Blick nicht so leicht als rechtsextrem erkennbar, umso leichter lassen sich neurechte Varianten verbreiten. Sie werden nicht mehr nur durch neurechte Gruppierungen wie die "Identitäre Bewegung" ins Netz und auf die Straße getragen, sondern dringen auch in Wahrnehmungen und Meinungen der gesellschaftlichen Mitte ein. Wir erleben eine gefährliche Normalisierung dieser Denkmuster nach dem Motto: "Was ist denn eigentlich schlimm daran, so zu denken?"

heute.de: Die Studie befasst sich insbesondere auch mit Verschwörungsmythen. Weshalb dieser Schwerpunkt?

Küpper: Wir leben in Zeiten, in denen Nachrichten als "Fake News" abgetan und wissenschaftliche Erkenntnisse - etwa zum Klimawandel - offen infrage gestellt werden. Wir waren selbst entsetzt über den teilweise hohen Zuspruch, den Verschwörungstheorien finden. So meinen beispielsweise 46 Prozent der Befragten, es gäbe geheime Organisationen, die Einfluss auf politische Entscheidungen haben.

Diesen Aspekt wollten wir deshalb näher beleuchten, weil eine gesunde Skepsis gegenüber Autoritäten und Institutionen zwar für eine Gesellschaft wichtig ist, aber wenn Verschwörungstheorien sogar Gewalt legitimieren, dann können sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie als solche gefährden. Denn jene, die solchen Verschwörungsmythen glauben, sind zugleich misstrauischer gegenüber dem politischen System, sie zeigen eine höhere Gewaltbereitschaft gegen andere und stimmen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit rechtspopulistischen und rechtsextremen Einstellungen zu.

heute.de: Zusammenfassend: Inwieweit macht die Studie Mut oder gibt Anlass zur Sorge, was die gesellschaftliche Entwicklung hierzulande betrifft?

Küpper: Beides trifft für mich zu. Mir macht Mut, dass sich so viele Menschen mit Überzeugung prodemokratisch und proeuropäisch positionieren und mit ihren Aussagen deutlich gemacht haben, dass sie voll und ganz hinter diesen Ideen stehen. Gleichzeitig bereitet mir der aufgeweichte Boden große Sorge. Wir müssen aufpassen, dass nicht mehr und mehr Menschen zum Teil bewusst und zum Teil auch unbewusst in den sumpfigen Matsch abrutschen.

Wir treffen zunehmend auf Meinungen, insbesondere auch bei Jüngeren, die im demokratischen Sinne grenzwertig sind. Deshalb ist mit der Studie auch die Mahnung an Politik und Medien verbunden, mehr Engagement für politische Bildung und das Erklären von Demokratie aufzuwenden. Denn Demokratie bedeutet mehr, als nur eine Meinung zu haben. Verbunden damit ist auch die mühselige Frage, sich damit auseinanderzusetzen, inwieweit diese Meinung auch durch unser Grundgesetz gedeckt ist und ob wir wirklich in einer Gesellschaft leben wollen, in der Minderheiten offen abgewertet werden mit all den damit verbundenen möglichen Folgen.

Das Interview führte Michael Kniess.

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