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Tag der Organspende - "Hauptsache jeder weiß, was Du wolltest"

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Immer weniger Deutsche haben einen Organspendeausweis. Das hat auch mit der zögerlichen Auseinandersetzung des Einzelnen mit dem schwierigen Thema zu tun, sagt Ärztin Barreiros.

Patient auf einer Intensivstation (Archivbild).
Patient auf einer Intensivstation (Archivbild).
Quelle: dpa

heute.de: Eine Intensivstation, fremde Geräte blinken und piepsen bedrohlich, der unverkennbare Geruch nach Krankenhaus sitzt in allem, dazwischen die Nachricht, dass ein Angehöriger einen Hirntod erlitten hat. Und fast sofort kommt die Frage: Wie sieht es mit dem Thema Organspende aus? Die viele ganz unvorbereitet trifft. Warum ist das so?

Ana Barreiros: Mit so einer Situation ist fast jeder überfordert. Zum einen liegt da der Verstorbene, der aber gar nicht tot ausschaut. Er wird intensivmedizinisch weiterbehandelt, um den Kreislauf aufrecht zu erhalten, das heißt er fühlt sich warm an, der Brustkorb hebt und senkt sich, das Herz schlägt. Das ist etwas sehr Abstraktes für die Angehörigen. Wir haben gelernt: Tod ist kalt, Tod ist steif. Und das ist sicherlich etwas ganz Wichtiges: Wenn ich mich einmal für oder gegen eine Organspende entschieden habe, dann nehme ich meinen Angehörigen in so einem Moment auch die Entscheidung ab. Das Ziel muss sein, dass jeder für sich selbst entscheidet: Ja oder Nein. Dann wissen es die Angehörigen und haben nicht das Gefühl, dass sie etwas falsch machen können.

heute.de: Aber noch nicht mal jeder Zweite hat einen Organspendeausweis, oder?

Barreiros: Wir haben in Deutschland eine große Diskrepanz zwischen denen, die - wenn man sie fragt - Organspende befürworten und denen, die wirklich bereit dazu sind. Ich ziele auf die aktuelle BZgA-Studie ab, nach der zwar 84 Prozent der Befragten Organspende gutheißen, aber nur 36 Prozent einen Ausweis haben. Sich wirklich hinzusetzen und sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen, das ist nicht einfach.

heute.de: Aber Menschen kümmern sich doch auch um ihr Testament, sie reden über die Art der gewünschten Bestattung, unterschreiben Patientenverfügungen. Das Thema Organspende scheint emotional besonders aufgeladen zu sein - viele sagen im Kopf Ja, im Bauch aber Nein. Woher kommt das?

Barreiros: Die meisten Patientenverfügungen nehmen zum Thema Organspende gar keinen Bezug - leider. Aber der Ansatz ist auch ein anderer. Bei der Patientenverfügung wird argumentiert, "bereite Dich vor, damit Du später nicht unnötig leiden musst." Bei der Organspende ist es anders. Ich muss einen gewissen Altruismus in mir spüren. Ich muss sagen, ich möchte jemand anderem damit helfen. Ich glaube, dass in Deutschland zu wenig darüber geredet wird. Dass es ohne Organspende keine Transplantation gibt. Und dass wir ohne Transplantation keine Leben retten können. Altruismus steht in unserer Gesellschaft nicht mehr so an vorderster Front. Aber trotzdem muss ich mich fragen: Brauche ich meine Organe noch, da wo ich hingehe. Und bin ich bereit, wenn ich sie nicht brauche, sie jemand anderem zu schenken. Ein anderes Leben zu retten.

heute.de: Das klingt jetzt sehr egoistisch. Schwingt in dem Zögern nicht noch mehr mit, als die Sorge um einen selber?

Barreiros: In das Thema Organspende spielen medizinisch-technokratische Aspekte rein, aber es kommen auch ganz viele seelische und emotionale Dinge hoch. Die sind kaum fassbar und individuell so unterschiedlich, dass man einfach nur sagen kann: "Entscheide Dich für Dich selbst. Ja und Nein ist beides gut - Hauptsache jeder weiß, was Du wolltest. Das ist das Allerwichtigste."

heute.de: Eine Umfrage der Barmer-Ersatzkasse hat gezeigt, dass sich viele eine Organspende-Pflicht wünschen. Mehr der dort versicherten Befragten wollen, dass jeder im Todesfall automatisch seine Organe spenden sollte, sofern nicht zu Lebzeiten widersprochen wurde.  Der schwierige Schritt, tatsächlich einen Organspendeausweis auszufüllen, würde ihnen so abgenommen. Eine solche Widerspruchsregelung wird in vielen EU-Ländern erfolgreich angewandt.  Wäre das nicht auch für Deutschland eine Lösung?

Barreiros: Natürlich. Wenn man sich für eine Kultur der Organspende entscheidet und Menschenleben retten will, dann ist es eigentlich eine logische Konsequenz, zu sagen, dass primär jeder Organspender ist. Aber es ist nicht das Allheilmittel. Man darf nicht glauben, dass die Spenden von knapp 800 auf 1.500 steigen, nur weil die Widerspruchslösung kommt. Dazu gehört mehr. Aber man muss aufpassen, mit wem man Deutschland vergleicht. Bei uns ist nur der Hirntod als Voraussetzung für eine Organspende erlaubt, in anderen Ländern kann man auch nach einem Herzkreislaufversagen spenden – zum Beispiel in Spanien.

heute.de: Die Zahl der Organspenden war 2017 auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Liegt das nur an den Patienten und ihren zögerlichen Angehörigen oder gibt es auch andere Gründe?

Barreiros: Natürlich. Zum Beispiel die Arbeitsverdichtung in den Krankenhäusern. Pflegenotstand, Ärztemangel - das sind große Themen. Die Organspende ist in Krankenhäusern eine Zusatzbelastung. Im Moment gibt es für eine Organentnahme eine Pauschale, egal, ob der Verstorbene fünf Tage oder fünf Stunden auf der Intensivstation lag. Die Kliniken sollen nicht an Organspenden reich werden aber auch um Himmels Willen nicht dafür bestraft werden.

Und dann darf man vor allem eines nicht außer Acht lassen. Die Medizin ist in Deutschland immer besser geworden. Wir haben ein sehr gutes Gesundheitssystem, zu dem jeder Zugang hat. Das ist in anderen Ländern nicht so. Wir haben eine richtig gute Neurochirurgie und Neurologie. Das heißt Menschen, die noch vor 15 Jahren an einem Hirntod gestorben und vielleicht Organspender geworden wären, kann man heute retten. Und so gerne ich mich für die Organspende einsetze - ich freue mich natürlich viel mehr über jedes Menschenleben, das man retten konnte.

Das Interview führte Nicola Frowein.

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