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Journalistin zur Lage in Malta - "Mut heißt nicht, keine Angst zu haben"

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In Malta ist die Pressefreiheit in Gefahr. Die investigative Journalistin Caroline Muscat berichtet - sie führt die Arbeit der ermordeten Daphne Caruana Galizia weiter.

Ein Demonstrant hält ein Bild der Journalistin Daphne Caruana Galizia hoch, aufgenommen am 29.11.2019 in Vallette (Malta)
Die Ermordung der Journalistin Caroline Muscat führt weiter zu Demonstrationen für die Pressefreiheit in Malta.
Quelle: Reuters

Nach dem Mord an der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia vor zwei Jahren sind mehrere Politiker in Malta zurückgetreten. Auch Premierminister Joseph Muscat hat seinen Rücktritt angekündigt. Die EU hat reagiert und einen Beobachtergruppe geschickt. Im Land führt Caroline Muscat - der Nachname ist auf Malta sehr verbreitet, die Journalistin ist nicht mit dem Premier verwandt oder verschwägert - von The Shift News Galizias Arbeit weiter. Auch sie wird massiv bedroht und muss um ihr Leben fürchten. Heute.de hat mit ihr über die aktuellen Entwicklungen auf Malta und die Situation für investigative Journalisten gesprochen.

heute.de: Was sagen Sie zu dem angekündigten Rücktritt von Premier Joseph Muscat im Januar?

Jeder Tag, den Joseph Muscat im Amt bleibt, ist ein Tag, an dem die Aufklärung in dem Mordfall gefährdet wird.
Caroline Muscat, Journalistin für "The Shift News"

Caroline Muscat: Jeder einzelne Tag, an dem Premier Muscat weiter im Amt bleibt, ist ein Tag, an dem die Demokratie in Malta verleugnet und beleidigt wird. Diese Regierung hat jegliche Legitimität verloren. Es geht nicht darum, die sozialdemokratische Partei von Muscat zu stürzen.

Es geht darum, dass die Regierungsspitze in ernsthafte Korruptionsskandale verwickelt ist. Das wissen wir seit der Veröffentlichung der Panama Papers. Diese Verbindung wurde unter anderem als erstes von Daphne Garuana Galizia aufgedeckt. Zwei Jahre lang haben wir Journalisten Beweise über Beweise veröffentlicht, nicht nur über die Panama Papers, sondern über etliche weitere Skandale der Regierungsspitze.

Nun sind wir an einem Punkt angekommen, an dem Teile der Regierung in einen Mordanschlag verwickelt sind. Jeder Tag, den Joseph Muscat im Amt bleibt, ist ein Tag, an dem die Aufklärung in dem Mordfall gefährdet wird. Joseph Muscat hat die im nahestehenden Personen geschützt. Es kann keine Gerechtigkeit geben, solange er an der Macht ist.

heute.de: Wie meinen Sie das genau?

Muscat: Es gab diverse Gutachten von Beobachtern, wie beispielsweise von Pieter Omtzigt, einem Sonderberichterstatter des Europarats, die bereits vor Monaten angemahnt haben, dass der Premier zu viel Macht hat.

Premier Muscat ist nicht nur Regierungschef, er kontrolliert und ernennt den Leiter der Polizeibehörde, er ernennt den obersten Staatsanwalt und jeden Richter. Er hat so die absolute Kontrolle über die Ermittlungen.
Wir können nicht bis Mitte Januar warten, bis Joseph Muscat zurücktritt, weil in dieser Zeit Beweise vernichtet werden könnten. Er muss sein Amt sofort verlassen, damit es wenigstens die Chance auf Gerechtigkeit in dieser Sache gibt.

heute.de: Wie ist die aktuelle Situation für Journalisten auf Malta?

Muscat: Wir müssen zunächst über die Medienlandschaft in Malta sprechen, um eine Sache klar zu machen. Die meisten Medienhäuser in Malta stehen unter direkter Kontrolle der politischen Parteien. Es gibt nur zwei unabhängige Zeitungen und ein paar wenige unabhängige Online-Portale. Für sie ist es extrem schwierig, die Menschen zu erreichen, weil zu allem Übel das staatliche Fernsehen direkt von der Regierung kontrolliert wird.

Darum hat es so lange gedauert, bis die Wahrheit ans Licht kommt. Es hat zu lange gedauert, bis die Informationen der unabhängigen Medien die Menschen erreicht haben. Und als sie veröffentlicht wurden, wurden sie zerstückelt, geframet und verändert.

Jetzt erst wird den Menschen klar, was wir Journalisten bereits seit zwei Jahren sagen. Darüber hinaus verbreitet die Regierung ihre Agenda im großen Stile bei Social Media.

heute.de: Was ist das größte Problem für die Journalisten selbst?

Jedes Mal, wenn ein Journalist einen Skandal aufdeckt und die Polizei nicht ermittelt, macht das den Journalisten immer verletzlicher.
Caroline Muscat, Journalistin für "The Shift News"

Muscat:  Das Problem mit dysfunktionalen Institutionen ist, dass jedes Mal, wenn ein Journalist einen Skandal aufdeckt und die Polizei nicht ermittelt, macht das den Journalisten immer verletzlicher. In all den Jahren ist mit der Anzahl der Skandale, die wir mit unseren Recherchen bei The Shift News aufgedeckt haben, auch unsere Bedrohung gestiegen.

Die Regierung vereint hinter sich eine Vielzahl von Online-Trollen, die es auf Journalisten und Aktivisten abgesehen haben. Sie veröffentlichen persönliche Details über uns und unsere Adressen. Besonders schlimm ist die Lage für Frauen. Es wird dazu aufgerufen, sie zu stalken, zu belästigen und zu vergewaltigen. Es wird die schlimmste Sprache benutzt, die man sich nur vorstellen kann. Wenn man diese Drohungen der Polizei melden möchten, kümmert sie sich nicht darum.

Vor zwei Jahren wurde die regierungskritische Journalistin Daphne Caruana Galizia durch eine Bombe getötet. Drei Männer wurden festgenommen, jetzt geht es um die Hintermänner. Wegen des Drucks hat Regierungschef Muscat nun seinen Rücktritt erklärt.

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2 min
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heute.de: Haben Sie Angst?

Muscat: Wir sind alle in Gefahr. Jeder, der Enthüllungsgeschichten veröffentlicht. Es gibt nur wenige investigative Journalisten in Malta und diese wenigen, die an solchen Recherchen arbeiten, sind in jedem Fall in Gefahr. Ich kann mich nicht frei bewegen, ich kann mein Auto nicht benutzen, meine Sicherheit wird ständig überprüft. Wir machen, was wir können, aber schlussendlich müssen wir unseren Job machen, die Arbeit kommt immer zuerst.

Ich werde oft als furchtlose Journalistin bezeichnet, aber das gefällt mir nicht. Mut heißt nicht, keine Angst zu haben. Journalisten müssen keine Helden sein, sie müssen im Interesse der allgemeinen Öffentlichkeit ihre Arbeit machen können. Es geht nicht darum, furchtlos zu sein, sondern darum, das zu tun, was getan werden muss.

Das Interview führte Alica Jung.

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