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Thomas Bach und die Menschenrechte - "Wir sind keine Weltregierung"

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Was haben Olympia und die Menschenrechte miteinander zu tun? Das IOC müsse da neutral bleiben, laviert Thomas Bach bei diesem Thema herum - im Gegensatz zur Olympischen Charta.

Zu seiner Zeit als Fechter war Thomas Bach ein Meister im Ausweichen.
Zu seiner Zeit als Fechter war Thomas Bach ein Meister im Ausweichen, wie er heute noch japanischen Studenten demonstriert. Als IOC-Chef sind seine Qualitäten im Ausweichen umstritten.
Quelle: AP

Als Florettfechter hatte es Thomas Bach zu einer großen Meisterschaft im Ausweichen und Fintieren gebracht, 1976 gewann er Olympiagold im Mannschaftswettbewerb. Als Wirtschaftsanwalt und -berater übte er später seine rhetorischen Fähigkeiten. Seit 2013 nun ist der 65-Jährige gewählter Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und bewegt sich ständig auf diplomatischem Parkett. Aller Routine zum Trotz gerät der höchste Funktionär des Weltsports dennoch zuweilen ins Schwimmen. 

Bemerkenswertes Interview

Auf die heikle Frage, wie sich das IOC als Hüter der olympischen Idee in Menschenrechtsfragen zu verhalten habe - etwa im Falle Chinas, dessen Hauptstadt Peking im Jahr 2020 die Olympischen Winterspiele beherbergt - hat Bach in einem bemerkenswerten Interview mit dem Deutschlandfunk nun so geantwortet: "Wir sind keine Weltregierung, die dafür Sorge tragen kann, dass ein souveränes Land Gesetze verabschiedet, bestimmte Standards einhält." Das sei "die Aufgabe der Politik", weshalb das IOC bei den Vereinten Nationen lediglich als Beobachter angesiedelt sei. "Die Verantwortung des IOC bezieht sich auf die Olympischen Spiele."

Der IOC-Präsident Thomas Bach bei einer Pressekonferenz; Schweiz; 26.06.2019
Thomas Bach bei einer IOC-Pressekonferenz in Lausanne. (Archivbild)
Quelle: dpa

Wie diffizil diese Position ist, zeigt schon der Blick in die Olympische Charta, das Gesetz des IOC. In den "Grundlegenden Prinzipien" heißt es dort, das Ziel des Olympismus bestehe darin, "den Sport überall einer harmonischen Entwicklung des Menschen dienstbar zu machen, um so der Schaffung einer friedliebenden Gesellschaft förderlich zu sein, die sich der Bewahrung der Menschenwürde verpflichtet fühlt."

Überall also. Keine Rede von einer Beschränkung auf den Gastgeber der Olympischen Spiele.

Die Werte und die Realität

In der Regel 3 der Charta, welche die Zugehörigkeit zur olympischen Bewegung regelt, sind die Bestimmungen ebenfalls klar: "Jede Form der Diskriminierung eines Landes oder einer Person aufgrund von Rasse, Religion, Geschlecht oder aus politischen und sonstigen Gründen ist mit der Zugehörigkeit zur olympischen Bewegung unvereinbar." Insofern dürften eigentlich keine Olympische Spiele in China stattfinden, dessen Staatsorgane etwa die Rechte der Minderheit der Uiguren aus diesen Gründen stark einschränkt. Auch die freie Presse, die in den neuen Verträgen für die Gastgeber der Olympischen Spiele ab 2024 garantiert werden muss, existiert in China nicht. 

Schon oft prallten die hehren Werte, die das IOC von jeher in seinen Regularien vertritt, in der Geschichte seiner Bewegung auf andere Realitäten. Ein besonders krasses Beispiel: die Olympischen Spiele 1936 in Berlin, die das IOC durchführen ließ, obwohl jüdische Sportler in Deutschland seit 1933 ausgegrenzt wurden und kein fairer Wettbewerb möglich war. Kurz vor den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi handelte das IOC aus, die homophobe Gesetzgebung in Russland für die Zeit der Spiele aussetzen zu lassen.

Das olympische Dilemma

Damals kritisierte der Sportphilosoph Volker Schlürmann von der Sporthochschule in Köln, das IOC habe in seiner gesellschaftlichen Funktion versagt: "Wenn das IOC olympischen Sport betreibt, der gegen jede Form von Diskriminierung und Menschenrechtsverletzung steht, der sich für Völkerverständigung und Frieden in der Welt einsetzt, dann ist Olympia als politische Veranstaltung zu verstehen." Dann müsse das IOC auch "im Sinne dieser Werte und grundlegenden Prinzipien aktiv agieren".

Bach entgegnet diesem Argument nun, das IOC müsse "politisch strikt neutral" bleiben, "um die Universalität der Spiele zu sichern". Und weiter: "Wenn wir uns in die eine oder andere politische Richtung bewegen würden, würden wir die Spiele einer Zerreißprobe aussetzen." Andererseits dürfe das IOC "aber auch nicht so naiv sein, dass wir, wie in der Vergangenheit manche sagten, apolitisch sein müssen." Was auch immer zu diesem Thema aus der IOC-Zentrale in Lausanne kommt: Es ist und bleibt ein einziges Lavieren in diesem olympischen Dilemma.

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