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Sprengfallen in Mossul - "Wenn man eine Wohnung betritt, ist alles verdächtig"

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Der Irak hat die Terrormiliz Islamischer Staat aus Mossul vertrieben. Doch der Terror der Dschihadisten ist damit nicht vorbei: Ganze Viertel sind unbewohnbar, weil die Islamisten Bomben versteckt haben - in Teddybären, Schubladen, praktisch überall. Und das Finden und Entschärfen wird Jahre dauern.

In Bagdad haben Menschen den Sieg der irakischen Armee über die Terrormiliz IS in Mossul gefeiert. Sie versammelten sich auf den Straßen - es wurde getanzt und gefeiert. Mossul galt als letzte Hochburg des IS.

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Kleine Drähte ragen aus einem Plüschtier heraus. Für Experten ein sicheres Zeichen: Es handelt sich um eine Sprengfalle. Für die Bewohner der vom IS befreiten Städte im Irak sind die tückischen Bomben in der Regel aber nur schwer zu erkennen. Die Folgen sind oft tödlich. Eine Rückkehr in die eigenen Häuser ist so meistens unmöglich. In Mossul, wo sich die Kämpfer der sunnitischen Miliz bis vor wenigen Monaten verschanzt hielten, könnte es bis zu 25 Jahre dauern, bis Spezialeinheiten sämtliche Sprengsätze gefunden und entschärft haben.

Gerade in Mossul kommt noch eine weitere Gefahr hinzu: Nicht detonierte Bomben von den Luftangriffen der internationalen Koalition unter Leitung der USA. Um wenigstens diese möglichst schnell unschädlich zu machen, will Washington die Sicherheitskräfte vor Ort unterstützen. Unter anderem sollen die genauen Positionsdaten der einzelnen Abwürfe zur Verfügung gestellt werden. Der US-General Stephen Townsend betont, dass die Aufgabe sehr schwierig sei. Aber "wir werden einen Weg finden, ihnen zu helfen", sagt er.

IS verbreitet immer noch Angst und Schrecken

Die amerikanischen Blindgänger sind in Mossul trotzdem nur ein kleiner Teil des Problems. Die meisten Sprengsätze stammen von den vertriebenen Extremisten. Und diese wurden ganz gezielt versteckt, um zu töten. Oft genügt die kleinste Bewegung - etwa die Berührung eines Teddys, das Aufheben eines Staubsaugers oder das Öffnen eines Ofens. Auf diese Art verbreitet der IS in der zweitgrößten Stadt des Iraks auch nach seiner militärischen Niederlage noch immer Angst und Schrecken. "Wenn man eine Wohnung betritt, ist alles verdächtig", sagt ein Teamleiter der privaten Sicherheitsfirma Janus Global Operations, die mit den Aufräumarbeiten in mehreren irakischen Städten beauftragt wurde.

"Man kann nichts für das nehmen, was es zu sein scheint." Wegen der weiterhin angespannten Lage in Mossul wollte sich der Sprengstoff-Experte nur gegen Zusicherung von Anonymität gegenüber Reportern äußern.

In etwa einem Jahr könne zumindest wohl in Teilen des bis zuletzt umkämpften Westens der Stadt wieder Alltag einkehren, sagt der Chef des Räumungsteams. Doch erst in etwa zehn Jahren seien vermutlich die meisten Sprengsätze entschärft. Und selbst Jahre oder gar Jahrzehnte danach könnten in Baustellen und an anderen Orten immer wieder Bomben auftauchen.

90 Prozent der Altstadt zerstört

Nicht weniger als 90 Prozent der Altstadt im Westen von Mossul wurden seit dem Einmarsch der Islamisten vor drei Jahren zerstört - zunächst durch die IS-Kämpfer, später durch die Luftangriffe der USA sowie die für die Rückeroberung unvermeidliche Bodenoffensive der irakischen Streitkräfte.

Muhammed Mustafa ist von der Katastrophe persönlich betroffen. "Anfangs dankten wir Gott dafür, dass wir von unseren Unterdrückern befreit worden waren", sagt der 54-Jährige. Während des Vormarschs der irakischen Soldaten konnte er mit seiner Familie in den Osten der Stadt flüchten. Nach Ende der Kämpfe kehrte er dann kurz zurück, weil er wenigstens ein paar Sachen aus seinem Haus holen wollte. "In meiner Straße war alles kaputt, außer mein Haus", sagt der Restaurantbesitzer. "Aber an der Wand hing eine schriftliche Mitteilung mit der Warnung vor Sprengfallen."

Sicherheitskräfte hätten ihm erzählt, dass viele Gebäude noch nicht betreten werden könnten und dass viele Menschen beim Durchsuchen ihrer eigenen Häuser bereits durch die Explosion von Bomben getötet worden seien, berichtet Mustafa per Telefon. "Stellen Sie sich das vor - das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, kann ich jetzt nicht mehr betreten."

Zahl der ausgeklügelten Konstruktionen beispiellos

Die Zahl und die ausgeklügelte Konstruktion der selbst gebastelten Bomben seien beispiellos, sagt David Johnson, stellvertretender Leiter des Washingtoner Büros von Janus Global Operations. Seine Kollegen vor Ort würden die Sprengfallen meist genau dort finden, wo die Bewohner mit der höchsten Wahrscheinlichkeit unbeabsichtigt an die Auslöser geraten könnten.

Nach Angaben der Behörden werden die Explosionen zum Teil durch einfache Drucksensoren unter dem Straßenbelag oder in Hauseingängen ausgelöst. Oft seien die Vorrichtungen auch mit den Schaltern vergleichbar, die beim Öffnen einer Kühlschranktür das innere Licht anmachten. Diese hätten die Islamisten etwa in Schrankschubladen oder unter Schutthaufen platziert.

Das Ausmaß der Zerstörung ist so groß und die Gefahr so hoch, dass weder die Behörden noch Hilfsorganisationen bisher eine realistische Einschätzung dazu geben können, welcher Aufwand und wie viel Geld am Ende erforderlich sein werden, um die Stadt wieder vollständig bewohnbar zu machen.

50 Bomben in einer Rohrleitung

Das vor Ort tätige Team von Janus Global Operations hat sich in den vergangenen zwei Wochen zunächst darauf konzentriert, die grundlegende Infrastruktur zu sichern. Allein am Mittwoch hätten die Männer in einer einzigen Rohrleitung 50 Bomben entdeckt, sagt der Leiter der Gruppe. Als ehemaliger Sprengstoff-Experte der US-Marine sei er schon oft im Irak und in Syrien im Einsatz gewesen. So etwas wie in Mossul habe er aber noch nie zuvor gesehen.

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