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Streit um Atomabkommen - Iran-Sanktionen: "Nur noch zur Ruhe kommen"

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Die Iraner leiden unter den US-Sanktionen. In ihrer Not stellen sich mehr und mehr hinter das Regime in Teheran, statt sich aufzulehnen.

Alltag im Iran
Alltag im Iran
Quelle: dpa

Er sei noch nie bei diesem Protestmarsch mitgegangen, sagt Masud Khatibi. Heute sei es das erste Mal. Wie immer nach dem großen Freitagsgebet auf dem Gelände der Universität in Teheran drängen sich danach Tausende Menschen auf der Straße und demonstrieren gegen die Erzfeinde des Irans: gegen Israel und die USA. Doch diesmal richtet sich ihr Zorn auch gegen die Europäer, und Masud Khatibi stimmt ihnen zu: "Die EU hat nichts unternommen. Die Amerikaner haben das Atomabkommen vor einem Jahr einfach aufgekündigt", meint Khatibi. "Ich denke, der Iran hat eine weise Entscheidung getroffen. Die Regierung hat das Abkommen noch nicht verlassen, aber hat damit gedroht, das zu tun." Nein, sagt der Englisch-Lehrer, er sei wirklich nicht mit allem einverstanden, was das Regime im Iran tue. Aber jetzt müssten sie laut werden im Iran, damit die Welt das Land nicht allein lasse.

Viele Iraner wollen jetzt raus aus dem Atom-Deal

Für unseren ärmeren Teil der Gesellschaft ist das Leben zurzeit sehr hart. Meine Kinder sitzen zu Hause rum, sind arbeitslos.
Tahere Mabudi

So wie Masud Khatibi denken viele Iranerinnen und Iraner. Und wie Masud Khatibi unterstützen immer mehr Menschen den harten Kurs ihrer Regierung. "Wir müssen raus aus dem Atom-Deal", sagt Ali Sharifi, der regelmäßig an den Freitagdemonstrationen teilnimmt. "Wir wurden von Anfang an belogen, und sie werden uns immer weiter belügen!"  Auch viele Frauen im schwarzen Tschador kommen vom Gebet. "Die Lage im Land ist unerträglich", sagt Tahere Mabudi. Die Hausfrau und Mutter muss mit sehr wenig Geld auskommen und klagt über den Druck durch die US-Sanktionen gegen den Iran. "Für unseren ärmeren Teil der Gesellschaft ist das Leben zurzeit sehr hart. Meine Kinder sitzen zu Hause rum, sind arbeitslos. Ich habe ein behindertes Kind. Und alles ist so teuer geworden."

Tatsächlich sind die Preise auf den Märkten in den vergangenen Wochen um das Doppelte und Dreifache nach oben gegangen. Die Inflationsrate nähert sich der 50-Prozent-Marke. Zwiebeln, Kartoffeln und vor allem viele Früchte sind für viele Menschen mit kleinem Einkommen kaum noch zu bezahlen. "Die Inflation hat uns alle fest im Griff", sagt Mehdi Keramati, ein Kunde im Gemüseladen am Tajrish-Platz im Norden Teherans. "Vor drei Monaten war es noch ok. Aber heute setzen die Händler die Preise fest, wie sie wollen."

Der Iran ist ein reiches Land, doch wir leben hier wie die armen Schlucker.
Vajihe Hosseinzad

Die Hausfrau Vajihe Hosseinzad stimmt ihm zu, meint aber, dass die Regierung gegen die Preistreiberei vorgehen sollte. "Der Iran ist ein reiches Land", sagt sie, "doch wir leben hier wie die armen Schlucker". Kaum jemand glaubt nach der jüngsten Eskalation im Streit mit den USA daran, dass es tatsächlich einen Krieg geben könnte. "So weit wird hoffentlich niemand gehen", sagt Yusef Khorshidi, ein Beamter aus Teheran. "Wir hoffen darauf, dass es vielleicht doch eine Einigung gibt. Denn wir wollen endlich wieder zur Ruhe kommen."

Geschäftsleuten droht Bankrott

Kurz nachdem Präsident Rohani am Mittwoch verkündet hatte, dass der Iran Teile des Atomabkommens von 2015 nicht mehr einhalten werde, verhängte US-Präsident Trump weitere Sanktionen gegen das Land, diesmal gegen die Metall- und Bergbauindustrie. Im Südwesten Teherans finden sich zahlreiche Metall-Großhändler, Klempnereibetriebe und Schweißereien. Die Geschäftsleute sind frustriert, viele sagen, dass sie schon seit Langem unter den Sanktionen leiden, und dass die neuerlichen Strafmaßnahmen nur beschleunigen, was sowieso bald gekommen wäre, nämlich die Firmenpleite.

"Die Nachfrage ist schon vor Monaten eingebrochen", sagt einer, der seinen Namen nicht nennen möchte. "Ich kann vielleicht noch ein halbes Jahr durchhalten, vielleicht noch neun Monate, aber dann ist Schluss, wenn sich die Lage nicht verbessert." Einige Großbetriebe, die unter der Kontrolle der mächtigen Revolutionsgarden stünden, hätten Verbindungen und würden über ihre Kanäle weiter Handel treiben und Umsätze machen. "Aber wir Kleinbetriebe und Mittelständler haben keine Chance", sagt er. "Wir müssen minderwertige Metalle aus Russland importieren, und die Kilopreise haben sich mittlerweile verfünffacht."

Hardliner weiter fest im Sattel

Die US-Sanktionen haben das Land fest im Griff. "So schlimm wie diesmal war die wirtschaftliche Lage weder kurz vor der islamischen Revolution vor 40 Jahren noch während des iranisch-irakischen Kriegs in den Achtzigern", sagt der Politikwissenschaftler Sadegh Zibakalam. Dass die USA dadurch ihr Ziel eines Politikwechsels im Iran erreichen, sieht er nicht. "Die Sanktionen werden das System nicht zerschmettern, aber es werden immer mehr gute Leute das Land verlassen und auswandern", meint Zibakalam.

Vielleicht bereuen einige, dass sie die Gelegenheit zu Verhandlungen während der Obama-Ära nicht wahrgenommen haben.
Politikwissenschaftler Sadegh Zibakalam

Er sieht die Hardliner um Revolutionsführer Ali Khamenei im Aufwind und hat wenig Hoffnung, dass diese Machtelite zu Verhandlungen mit den USA bereit sein könnte. "Für sie käme Verhandeln einer Kapitulation gleich. Vielleicht bereuen einige, dass sie die Gelegenheit zu Verhandlungen während der Obama-Ära nicht wahrgenommen haben", sagt Zibakalam. Doch die Hardliner sieht er im Iran weiter fest im Sattel.

Und so leidet ein Volk immer stärker unter den Sanktionen und versammelt sich im Zweifel hinter einem Regime, das es zu stürzen nicht die Kraft und nicht den Willen hat. So würden die Hardliner in Washington genau das Gegenteil von dem erreichen, was sie sich zum eigentlichen Ziel gesetzt haben: statt eines Regimewechsels die Stärkung der Religiös-Konservativen im Iran.

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