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Irans Außenpolitik - "Mangel an strategischen Allianzen"

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Moskau, Peking, Brüssel: Irans Außenminister ist weit gereist, um das Atomabkommen zu retten. Feste Allianzen kann das Land aber nicht vorweisen, sagt Experte Fathollah-Nejad.

Flagge des Iran und Radiaktivitäts-Symbol
Flagge Irans und Radiaktivitäts-Symbol
Quelle: imago

heute.de: Kann Irans Außenminister mit den Ergebnissen seiner diplomatischen Reise wirklich zufrieden sein?

Ali Fathollah-Nejad: Die Frage ist kurzfristig schwer zu beantworten. Klar ist, dass es vor allem für die europäischen Konzerne trotz des politischen Willens schwierig sein wird, dem Schatten der US-Sanktionen zu entkommen. Wir werden in den kommenden Wochen sehen, ob sich die EU eine sichere legale Zone schaffen kann, um nicht ständig unter dem Damoklesschwert der US-Strafen agieren zu müssen. Zudem wird die Frage iranischer Ölexporte eine wichtige Rolle spielen.

heute.de: Iran hatte unlängst von der EU gefordert, sich innerhalb von 60 Tagen klar zum Atomabkommen zu bekennen. Was steckt hinter dieser Fristsetzung?

Fathollah-Nejad: Nach dem harten Exit Trumps steht die Regierung Rohani innenpolitisch unter Druck, zumal machtvolle Hardliner einen Kollaps des Atomabkommens begrüßen würden. Innerhalb der gesetzten Frist will man vor allem von der EU "Garantien" - so der Duktus seitens des Obersten Führers Ayatollah Khamenei - über weitergehende wirtschaftliche Vorteile erhalten. Man will, so die Bekundungen, diese Frist abwarten, um dann gegebenenfalls das Atomprogramm wieder hochzufahren.

heute.de: Wie sieht die außenpolitische Strategie Irans derzeit aus?

Ali Fathollah-Nejad
Dr. Ali Fathollah-Nejad arbeitet am Brookings Doha Center, er forscht an der Arbeitstelle "Politik im Maghreb, Mashreq und Golf" der FU Berlin sowie am Iran-Projekt der Harvard Kennedy School.
Quelle: Ali Fathollah-Nejad

Fathollah-Nejad: In der Regionalpolitik hat man im letzten Jahrzehnt einen allmählichen Wandel beobachten können - von einer defensiven Politik zum Schutze des Landes hin zu einer offensiven, die regionale Großmachtansprüche geltend macht. Dieser Mix zwischen defensiven und offensiven Elementen kristallisierte sich in einer Strategie, die Angriff als beste Verteidigung begriff, gepaart mit hegemonialen Ansprüchen.

Vor diesem Hintergrund versucht Teheran gegenwärtig vor allem in Syrien als Teil der De-Facto-Siegermächte seinen ökonomischen und militärischen Einfluss zu konsolidieren. International verfolgen unterschiedliche Fraktionen des Regimes verschiedene geopolitische Präferenzen - die Rohani-Regierung zugunsten des Westens und die Hardliner zugunsten des Ostens.  

heute.de: Wer hat das letzte Wort in außenpolitischen Fragen - die Regierung oder der geistliche Führer und seine Revolutionsgarden?

Fathollah-Nejad: Regionalpolitisch sind es eindeutig der Oberste Führer und die Revolutionsgarden. Die Regierung und das Außenministerium haben dort wenig zu melden. Alles in allem koexistieren zwischen diesen beiden Lagern Koordination und gemeinsame Ziele sowie Wettstreit und unterschiedliche Präferenzen.

heute.de: Welche Verbündete hat Iran in der Welt und vor allem im Nahen Osten?

Fathollah-Nejad: Das ist schwierig zu beantworten, zumal wir es in einer Welt wechselseitiger Abhängigkeiten weniger mit festen als mit temporären Allianzen zu tun haben. Auch die angeblichen Verbündeten Russland und China agieren nur nach eigenen Interessen. So versucht Teheran den Mangel an strategischen Allianzen auszugleichen durch die Bildung von politisch-militärischen Milizen und halbstaatlichen Akteuren, die asymmetrisch gegen Irans Rivalen - Saudi-Arabien, Israel und die USA - effektiv agieren können.

heute.de: Warum besteht Iran auf der Fortentwicklung seiner ballistischen Raketen?

Fathollah-Nejad: Aufgrund der konventionellen militärischen Überlegenheit seiner Kontrahenten sind diese Raketen integraler Bestandteil der Verteidigungsstrategie.

heute.de: Wie würde sich Irans Außenpolitik ändern, wenn das Abkommen aller Bemühungen zum Trotz scheitert?

Fathollah-Nejad: Das würde die Hardliner stärken und damit würde auch die von ihnen maßgeblich beeinflusste Regionalpolitik stärker als bislang entfesselt. Man darf auch nicht vergessen, dass die in Iran seit Wochen und Monaten anhaltenden Anti-Regime-Proteste regionalpolitisches Abenteurertum als Ablenkungsmanöver attraktiv erscheinen lassen.

Das Interrview führte Katharina Sperber.

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