Sie sind hier:

Brexit - die irische Angst - "Wir wissen weniger als je zuvor"

Datum:

"Auf die Politik warten, dafür haben wir keine Zeit mehr", erklärt Martin McVicar, Geschäftsführer des irischen Gabelstapler-Bauers Combilift. Er hat die Brexit-Spielchen satt.

Gabelstapler
Gabelstapler der Firma Combilift.
Quelle: ZDF/Andreas Stamm

Es fällt schwer, in der neuen Firmenzentrale und Produktionsstätte auch nur ein Staubkorn zu finden, so aufgeräumt und übersichtlich wirkt es hier. Für 50 Millionen Euro hat das Unternehmen auf der grünen Wiese in Monaghan, eine Autostunde nördlich von Dublin, ein Zeichen gesetzt: Man ist auf Wachstumskurs. Gegründet vor 20 Jahren von Martin McVicar und Robert Moffett, zwei Ingenieuren mit einer Idee, hat sich Combilift zu einem mittelständischen Vorzeige-Unternehmen gemausert.

Ein kleiner Koloss auf der grünen Wiese

"Ja", erklärt McVicar, "der deutsche Mittelstand, diese analytische, flexible Art, an das Geschäft ranzugehen, ist durchaus eines der Vorbilder für die Geschäftsentwicklung gewesen, gerade das Aus- und Fortbildungssystem." Dazu passt, ähnlich wie bei so vielen Mittelständlern in Deutschland, dass man mit einem innovativen, platzsparenden Rangier-Konzept bei ihren Gabelstaplern ein international mehr als konkurrenzfähiges Produkt geschaffen hat. Exporte in 85 Länder, eine kleine US-Filiale. Es könnte alles so schön sein – hinge da nicht ein Damokles-Schwert namens Brexit über der Firma.   

Mitten in die Bauphase für die neue Zentrale platzte das Nein der Briten zur EU. Ein Schock, denn trotz aller Internationalität – die britischen Nachbarn sind die wichtigsten Kunden – und mehr, so McVicar. "Jeder vierte von 6.000 Gabelstaplern, die wir im Jahr zusammenbauen, geht nach Großbritannien. Unser größter Markt. Und zwölf bis 14 Prozent unserer Zulieferungen kommen von dort. Nach dem Referendum waren wir verunsichert, aber optimistisch. Wird schon. Jetzt, mehr als zwei Jahre später, sind wir verunsichert, wissen weniger, was passieren wird, als je zuvor."

Kostentreiber Brexit

Was sie wissen – der Brexit ist schon jetzt schlecht fürs Geschäft. Das britische Pfund hat 15 Prozent an Wert verloren seit Juni 2016. Für den im Euroraum heimischen Hersteller bedeutet das – er musste die Preise Anfang des Jahres um 4,5 Prozent erhöhen. Das Produkt sei gut, die Briten werden weiter kaufen, davon sind sie hier überzeugt. Aber sie wissen, es droht ein No-Deal-Brexit, die Briten könnten ohne eine Vereinbarung in sechs Monaten aus der EU krachen, eine Art Albtraum für McVicar. "Dann würden wir mit unserem wichtigsten Markt nach Regeln der Welthandelsorganisation WTO handeln. Sofort wären nochmal 4,5 Prozent Zölle fällig, die wir dann an die Kunden weitergeben müssten."

Die Unklarheit über die Ausgestaltung des Brexit hat für die britische Wirtschaft schon jetzt spürbare Auswirkungen. Statt auf in Großbritannien gefertigte Teile setzen immer mehr Unternehmer auf Fabrikate aus anderen EU-Ländern.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Die Verhandlungen können sie nicht beeinflussen, und so langsam verlieren sie das Vertrauen und die Hoffnung, dass Brüssel und London das wirklich hinkriegen. Die Kosten durch mögliche Zölle für britische Kunden: Schicksal. Aber auch noch Zölle zahlen für die Zulieferteile aus dem Vereinigten Königreich? "No way", sagt McVicar. "Wir haben deshalb eine strategische Entscheidung getroffen. Bis wir Klarheit haben, werden wir uns Zulieferer nur noch in der EU suchen." Eine Entscheidung, die auch britische Zulieferer trifft, die fast seit Anbeginn der Firmengeschichte mit im Boot sitzen. Das prominenteste Opfer: der Sitz der Fahrzeuge. Nun macht man es sich auf dem Gabelstapler in einem Modell aus deutscher Produktion gemütlich. Der alte Hersteller muss weichen. "Das bringt uns beim Einkauf Kostensicherheit, egal was in Sachen Brexit passiert."   

Märchen statt Lösungen

Sicherheit – in unsicheren Zeiten ein kaum zu unterschätzendes Gut. "Die Kunden bestellen jetzt, wir bauen ab Dezember zusammen, das Gerät geht im April raus. Und ich kann den Kunden nicht sagen", so McVicar, "was es genau kostet wegen des Brexits."

Kein Plan, auch was den zweiten Knackpunkt in den Brexit-Verhandlungen angeht: die Frage nach der irischen Grenze. Fast jeder zehnte der 550 Mitarbeiter kommt aus dem britischen Nordirland, die Grenze ist keine zehn Kilometer entfernt. "Das letzte, was wir wollen," erklärt McVicar, "wäre eine harte Grenze, an der nordirische Mitarbeiter viel Zeit verlieren. Und diese Kollegen zahlen heute ihre Steuer- und Sozialabgaben in Irland. Bleibt das oder müssen sie die dann in Nordirland abführen? Alles ist unklar."

Combilift-Geschäftsführer Martin McVicar
Combilift-Geschäftsführer Martin McVicar
Quelle: ZDF/Andreas Stamm

Wenn McVicar anfängt, über die Lösungsvorschläge nachzudenken, wie Zölle und Kontrollen organisiert werden können im Falle eines Deals, sieht er nicht viel glücklicher aus. "Da höre ich von technischen Lösungen, so wie das deutsche Mautsystem sie anbietet. Durchfahren, elektronisch registriert. Das hat nur leider nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun." Ein typischer Lkw lade beispielsweise Teile in Deutschland auf, dann noch mehr in den Niederlanden. Dann gehe es nach England, dort komme einiges dazu, etwas raus, dann gehe der ganze Mix nach Irland. "Es gibt keine technischen Systeme, die das können, das sind Märchengeschichten", erklärt der Ingenieur und Tüftler.

Partner in der EU bleiben

Bleibt die Hoffnung, dass die Verhandlungen doch noch gut ausgehen. Die schwindet mit jedem neuen Tag, mit jedem neuen Brexit-Polit-Theater. Combilift versucht alles, um die Folgen des Brexits zu stemmen. Man sei flexibel und innovativ genug, da gut durchzukommen. Davon sind sie überzeugt. Doch richtig leiden werden die britischen Zulieferer, die gesamte britische Wirtschaft. Denn Großbritannien verscherzt es sich gerade mit 27 Partnern. Für Irland, für ihre Firma, bleibt ein funktionierendes System mit all diesen Partnern. Ein Handelsblock, der gemeinsam stark auftritt in der Welt. Was Exporte in alle Welt einfacher macht. Darauf vertrauen sie, egal welcher Brexit auch immer kommen mag.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.