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Franziskus in Dublin - Irland zwischen den Päpsten

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Das katholische Irland ist im Wandel - auch wegen Missbrauchsskandalen. Wenn Papst Franziskus heute nach Dublin kommt, wird er auf tausende Gläubige treffen, und auch auf Kritiker.

Viele Iren freuen sich auf Franziskus - und posieren auch schon mal mit einer Wachspuppe.

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In Dublins katholischem Buchladen ist der Pappklappstuhl mit Papst-Aufdruck der Renner. Immer wieder müssen die Sitzhilfen nachbestellt werden. 500.000 Getreue werden erwartet, wenn Franziskus am Sonntag im Phönix-Park der irischen Hauptstadt die Messe lesen wird. Hier, wo Johannes Paul II. 1979 mehr als eine Million Gläubige anzog. 39 Jahre ist das her und für viele Iren eine Ewigkeit.

Irland im Wandel

Damals war die katholische Welt in Irland noch in Ordnung - Scheidung war verboten, Verhütung auch. Inzwischen ist die Republik zum Vorläufer in Sachen gleichgeschlechtlicher Ehe avanciert und im Mai haben zwei Drittel der Iren dafür gestimmt, das strikte Abtreibungsgesetz zu reformieren. Irland hat sich auch unter dem Einfluss Europas säkularisiert und liberalisiert. Ein Vorgang, der in den meisten europäischen Ländern sehr viel früher einsetzte, wurde hier dadurch beschleunigt, dass sich ungeahnte Abgründe auftaten.

Seit den 1990er Jahren kamen immer mehr Geschichten von Kindern ans Licht, missbraucht von Priestern, misshandelt von Nonnen. Besonders viele Fälle gab es in Irland, wo die Verquickung von Staat und Kirche so eng war, wo die Macht der Bischöfe tief in die Regierungsstellen hineinwirkte. Und wo der Katholizismus die nationale Identität formte - in Antithese zum Protestantismus der verhassten Engländer.

Das ist bei vielen Iren inzwischen ganz und gar vorbei. "Der Papstbesuch ist reine Geldverschwendung", schimpft Taxifahrer Paddy Donohoe, der seine Kundin am Papstkreuz im Phönix-Park absetzt. "Ich bete, ich glaube an Gott, aber mit dieser Kirche will ich nichts mehr zu tun haben. Zwei der Kardinäle, die beim letzten Papst- Besuch neben Johannes Paul II. standen, hatten Kinder. Was soll das Ganze?"

Missbrauchs-Opfer wehren sich

Priester Sean Fortune, der sich damals mit Johannes Paul II. fotografieren ließ, vergewaltigte wenig später den damals 15-jährigen Colm O'Gorman. Dieser leitet heute das Büro von Amnesty International in Irland, er ist mit seinem Partner Paul verheiratet, eine Lebensform, die die katholische Kirche nicht anerkennt. Und die beiden haben die beiden Kinder einer toten Freundin großgezogen. "Was an den Platz der katholischen Kirche in Irland treten wird? Wir, die Iren", sagt der 52-Jährige.

Seit mehr als 20 Jahren kämpft er dafür, dass die Kirche ihre Verantwortung für den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester anerkennt. "Der Vatikan soll endlich zugeben, dass er die Verantwortung für all das trägt. Er hat pädophile Priester von einer Gemeinde in die nächste verschoben, er hat die Vertuschung angeordnet. Das war kein Unfall", sagt O'Gorman. Er hat für den Sonntag, wenn Papst Franziskus die Messe lesen wird, eine "Alternative Veranstaltung" organisiert. Opfer, Angehörige und Freunde sind eingeladen, für Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe zu demonstrieren.

Opfer bemängeln schleppende Aufarbeitung

Marie Collins wird auch dort sein. Die heute 71-Jährige wurde von einem Priester vergewaltigt während sie sich als Jugendliche im Krankenhaus von einer Operation erholte. Jahrzehnte der Scham und der Depression mussten vergehen, bis sie endlich wagte, darüber zu sprechen. Bis März 2017 war sie die irische Vertreterin der päpstlichen Kommission zum Schutz Minderjähriger, doch dann trat sie unter lautem Protest zurück.

"Der Papst hat unsere Maßnahmen gutgeheißen, aber die Kurie machte keine Anstalten, sie umzusetzen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Strikte Schutzmaßnahmen für Kinder werden immer noch nicht überall befolgt." Die andere Klage der Opfer, die sich "Survivor" (Überlebende) nennen, um das existentiell Bedrohliche ihrer Situation klarzumachen, ist die, dass die Bischöfe immer noch nicht alle mit staatlichen Behörden zusammenarbeiteten, Archive nicht zugänglich gemacht würden.

 Kirche wehrt sich: Es hat sich viel geändert

Kevin Doran, Bischof von Elphin, predigte vergangenen Sonntag am Schrein von Knock zu Familien und klagte, sie sollten nicht glauben, was in den Medien stünde, "die Kirche nimmt die Vorwürfe sehr ernst". Auf Nachfrage des ZDF sagte er, es klinge immer so, als habe sich in der Kirche in den letzten 20 Jahren nichts geändert, "dabei arbeiten wir unermüdlich daran, die Kirche zu einem sicheren Ort für Kinder zu machen". Es sei vieles besser geworden, räumt auch Marie Collins ein. Aber solange nicht durch Gerichtsverfahren und Urteile klargemacht würde, dass die Kirche kein Rückzugsort für Sexualverbrecher ist, sei der Schutz mangelhaft.

Marina O'Connor hat Pappstühle für ihren Mann und ihre Schwestern gekauft, sie haben in Erwartung des Besuches gebetet, sie wird weiß-gelbe Fähnchen wedeln, wenn sie den Papst endlich sieht. "Wir hoffen, dass viele Iren Freude und Trost aus diesem Besuch ziehen werden, vor allem diejenigen, die von Mitgliedern unserer Kirche verletzt wurden."

Papst Franziskus hat sich in der vergangenen Woche in einem Brief an die Gläubigen in aller Welt auf die Seite der Opfer gestellt. Und eingestanden, dass die Kirche sie zu lange allein gelassen hat. Den Überlebenden reicht das nicht. Auch die meisten Katholiken Irlands erwarten von seinem Besuch mehr als warme Worte. Sie wollen Taten, die ihrer Kirche Glaubwürdigkeit zurückgeben.

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