Sie sind hier:

Erdogan als Trauzeuge - "Özil ist sein eigener Paparazzo"

Datum:

Özils Hochzeit birgt Gesprächsstoff. Trauzeuge des Ex-Nationalspielers war der türkische Präsident Erdogan. Ein gefährliches Signal, findet der Islamwissenschaftler Schulze.

v.r.: Emine Erdogan, Präsident Erdogan; Mesut Özil;  Amine.
Glamouröse Hochzeit in Istanbul: Emine Erdogan, Präsident Erdogan; Mesut Özil und seine Braut Amine. (v.r.)
Quelle: Pool Presidential Press Service/AP/dpa

heute.de: Ist Mesut Özil ein Diplomat in deutsch-türkischen Fragen?

Reinhard Schulze: Özil ist alles andere als ein Diplomat. Ein Diplomat sollte zurückhaltend sein und seinen Narzissmus gut verstecken können. Özil ist eher darum bemüht, seinen Marktwert als Person von öffentlichem Interesse durch geschickt aufgenommene Bilder zu erhöhen. Er ist gewissermaßen sein eigener Paparazzo.

heute.de: Was meinen Sie damit?

Özil hat das Parkett seiner Hochzeit in Istanbul nicht diplomatisch genutzt, etwa um die Lage der Journalisten zu verbessern, die in türkischen Gefängnissen einsitzen.

Schulze: Özil fand die ersehnte Aufmerksamkeit, als er 2018 kurz vor der Präsidentschaftswahl in der Türkei Erdogan medienwirksam ein Trikot des FC Arsenal überreichte. Sein eher politisch begründeter Rücktritt aus der Nationalmannschaft ist nicht minder undiplomatisch gewesen.

Und Özil hat das Parkett seiner Hochzeit in Istanbul nicht diplomatisch genutzt, etwa um die Lage der Journalisten zu verbessern, die in türkischen Gefängnissen einsitzen.

heute.de: Welches Signal sendet Özil, wenn er als ehemaliger Spieler der deutschen Nationalmannschaft Erdogan zu seinem Trauzeugen macht?

Schulze: Er sucht die Patronage durch einen international umstrittenen Staatspräsidenten. Das spricht nicht gerade für sein Selbstvertrauen. Damit hat Özil signalisiert, dass er nicht nur aus der Nationalmannschaft, sondern auch aus der Öffentlichkeit in Deutschland zurückgetreten ist. Seine neue Rolle ist nun die eines erfolgreich globalisierten jüngeren türkischen Mannes, der zu seinen Wurzeln zurückgefunden hat. Man wird sehen, ob Erdogan versuchen wird, ihm trotz entgegenstehender Gesetzeslage als Hochzeitsgeschenk die Rückkehr zur türkischen Nationalität zu ermöglichen.

heute.de: Fußballer sind Vorbilder. Was bedeutet Özils Verhalten für junge Deutsch-Türken?

Schulze: Özil stützt einen Prozess, der eine deutsch-türkische Identität kulturell neu zu definieren sucht. Özils Selbstporträt als Internationaler und zugleich türkischer Traditionalist trägt dazu bei, unter Türkeistämmigen das Selbstbild eines modernen türkischen Internationalen zu verbreiten. In diesem Selbstbild wird Deutschland dann zum Ort der globalen Welt, die Türkei zum Ort einer kulturellen Heimat. Immerhin ist dies ein besseres Angebot als jenes, das sonst der abgehängten Jugend gemacht wird. Sie muss oft in prekären Verhältnissen leben.

heute.de: Was läuft schief in Deutschland, wenn sich nicht mal ein gut verdienender Fußballstar hundertprozentig willkommen fühlt?

Schulze: Über Jahrzehnte gab es in Deutschland keine strukturierte, moderne Integrationsarbeit. Die Einwanderer wurden bis auf bestimmte Verwaltungsbereiche sich selbst überlassen. Özil bedient ein wachsendes Ressentiment unter Einwanderern, ein Sündenbock zu sein. Dieses Ressentiment ist nicht immer unbegründet, jedoch müsste man von jemandem wie Özil erwarten, dass er gemeinsam mit seinen Landsleuten Verantwortung gegen rassistische Deutschtümeleien übernimmt und damit ein anderes Rollenbild schafft.

heute.de: "Man muss verstehen, wie Türken ticken ..." Dieser Erklärungsversuch sorgte letztes Jahr für Diskussionen. Ticken Deutsch-Türken wirklich anders?

Schulze: Schon vor einigen Jahren veröffentlichten deutsche Medien Studien, wonach sich fast die Hälfte der türkeistämmigen Deutschen in die Türkei zurücksehne, zwei Drittel lieber unter sich seien und sich mehr als ein Drittel "strengreligiös" sehe. Daher würden Deutsch-Türken anders ticken.

Doch in gleichen Studien wird gezeigt, dass über 70 Prozent der Türkeistämmigen die Aussage bejahen: "Ich möchte mich unbedingt und ohne Abstriche in die deutsche Gesellschaft integrieren." Türkeistämmige, die sich wie Özil kulturell an die Türkei zurückbinden, ticken nicht anders, vielmehr teilen sie mit vielen Landsleuten einen Hang zu Tümeleien, seien diese nun deutsch oder türkisch.

heute.de: Die deutsch-türkischen Beziehungen scheinen zurzeit relativ stabil - verglichen mit den letzten Jahren. Täuscht der Eindruck?

Schulze: In der Tat versucht die deutsche Regierung seit dem Sommer 2018, die deutsch-türkischen Beziehungen ökonomisch und politisch zu stabilisieren. Hermesbürgschaften werden nicht mehr begrenzt, die Reisehinweise wurden zur Förderung des Tourismus zeitweise entschärft und Erdogan wurde zu einem Staatsbesuch in Berlin empfangen. Stabilität bedeutet hier allerdings eher die Wahrung eines Status quo, der verhindern soll, dass sich mit Blick auf die Flüchtlingsfrage die europäisch-türkischen Beziehungen insgesamt verschlechtern.

heute.de: Was empört Sie am meisten an Erdogans Politik?

Schulze: Erdogans nationalistisch-islamische Politik und sein Gigantismus haben das Land tief gespalten. Seine Selbstinszenierung als neuer Atatürk kann die Spaltung nicht überdecken. Leidtragende sind die türkische Zivilgesellschaft, die fast mundtot gemacht wurde, und die demokratische, rechtstaatliche Ordnung, die immer tiefer ausgehöhlt wird. Wer wie Özil in Erdogans Inszenierung unkritisch mitspielt, muss sich nicht wundern, wenn ihm misstraut wird. Dieses Misstrauen hat nichts mit einer Türkeistämmigkeit zu tun. Es gilt für jeden, der Erdogans Spiel mitspielt.

Das Interview führte Raphael Rauch.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.