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Island vor erstem WM-Spiel - Wikinger rechnen nicht, sondern stürmen los

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Isländer im WM-Fieber: Kann ihr Team das EM-Fußballmärchen wiederholen? Gleich im ersten Spiel ein harter Brocken: Argentinien. Aber: Wikinger rechnen nicht, sondern stürmen los.

Mit einem Lada wollen isländische Fußballfans tausende Kilometer von Island zu den Orten, an denen Islands WM-Team antritt reisen. Auf Instagram berichten sie von unterwegs.

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Wenn Islands Fußballer heute Nachmittag in Moskau gegen Argentinien ihr erstes WM-Spiel bestreiten, sind die Erwartungen in der Heimat riesengroß: 330.000 Isländer hoffen auf eine Wiederholung des Fußballmärchens, das vor zwei Jahren die zerstrittene Nation für einige Wochen begeisterte. Damals spielten die Wikinger unentschieden gegen den Favoriten aus Portugal, erkämpften einen Sieg gegen Österreich und als Krönung schossen sie England aus dem Turnier - erst Frankreich stoppte die isländische Erfolgsserie.

Jetzt wollen die Isländer gegen Argentinien das zweite Kapitel ihres Fußballmärchens aufschlagen. "Es ist ein Vorteil, gleich im ersten Spiel gegen einen solchen Brocken zu spielen", findet Grimur Sigurdsson, der für den isländischen Sender RUV vom Fussball in Russland berichten wird. "Argentinien muss ja gewinnen, Messi muss das Turnier gewinnen, Island hat nichts zu verlieren - und war in der Rolle des Underdogs immer am stärksten", erklärt Reporter Sigurdsson.

Präsident Johannesson: "Wir sind alle ein Team"

Ihr Team in Russland anfeuern wollen auch Kristbjörn Kjartansson und Gretar Jonsson. Die beiden hatten bei einer Verlosung im Internet einen klapprigen Lada gewonnen. "Sollten wir nicht mit der Klapperkiste nach Russland fahren, haben wir herumgeblödelt", erzählt Kristbjörn. Irgendwann kamen sie aus der Geschichte nicht mehr raus. Sie machten das Vehikel fit für die 15.000 Kilometer lange Reise von Reykjavik zu allen Spielorten ihrer Mannschaft in Russland, spritzten den Wagen in nationalem Blau und lackierten noch eine Fahne drauf. Mit dem Emblem von "Tolfan" ("12. Mann") im Fenster, dem Fanclub der Nationalmannschaft, fuhren sie vor ein paar Tagen bei Staatspräsident Gudni Johannesson vor und klopften an seine Tür. In Island ist so was möglich.

Johannesson, der vor zwei Jahren während der EM gewählt wurde (für diese Wahl wurden damals sogar Wahlurnen nach Frankreich geflogen, weil zehn Prozent der Isländer das Spiel ihrer Mannschaft gegen Frankreich nicht verpassen wollten), wünschte den Jungs eine gute Reise und drückte die Hoffnung aus, dass sie möglichst lange ihrem Team durch Russland folgen. "Es ist ganz einfach. Wir stehen hinter unseren Jungs und Mädels im Sport sowie im Leben, wo immer sich Isländer präsentieren. Wir sind alle ein Team", sagt Präsident Johannesson.

Russland kein einfaches Reiseland für Fans

Kristbjörn und Gretar haben vor einer Woche die Fähre zum Kontinent genommen und sind jetzt auf dem Weg nach Moskau – über Instagram berichten sie von ihren Erlebnissen. Hoffentlich bleiben ihnen die schlechten Erfahrungen vieler anderer Fußballfans erspart, denn so einfach wie vor zwei Jahren, als sie per Flugzeug binnen weniger Stunden nach Frankreich zum Spiel ihrer Mannschaft reisen konnten, ist es in Russland nicht.

Neben den Einreiseformalitäten ins Gastgeberland der WM ist auch die Suche nach einer Unterkunft nicht so einfach. "Viele Isländer hatten Ärger mit den Hotels in Russland: Zugesagte Buchungen wurden plötzlich storniert und den Fans zum Zehnfachen des Ursprungspreises wieder angeboten", weiß Reporter Sigurdsson. Viele von denen, die eines der 3.000 Tickets pro Spiel ergattert hatten, mussten ihre Reisepläne aufgeben, weil einfach alles zu teuer wurde. So werden sie zu Hause am Fernseher - oder viel wahrscheinlicher - beim großen Public Viewing im Stadtpark von Reykjavik mitfiebern. Ein gemütliches Kino zeigt die Spiele ebenso wie eine Brauerei, die Freibier ausschenkt, sobald Island ein Tor schießt.

"Wir sind der Außenseiter, ganz klar", sagt Sportreporter Sigurdsson. "Die haben den Millionär Messi, wir haben Birkir Sævarsson, der für Reykjavik spielt und tagsüber Salz in die Geschäfte ausliefert. Seine Firma hat ihm für die WM frei gegeben", weiß Sigurdsson. Birkir hat in den letzten Jahren jedes Match durchgespielt, er und seine Mitkicker kennen sich noch aus Kindertagen, viele spielen seit Jahren zusammen. "Sie sind beste Freunde, eine richtige Bruderschaft. Und als isländischer Fan bist du Teil dieser Gemeinschaft. Man kann sagen, jede Familie hat ihren besten Mann ausgesucht, um gegen Messi und Ronaldo zu spielen", beschreibt Sigurdsson die enge Verbundenheit der Isländer mit ihrem Team. 

Isländer rechnen nicht, sondern stürmen los

Vielleicht kann dieser Geist Islands Mannschaft helfen, das Achtelfinale zu erreichen, mit Argentinien, Nigeria und Kroatien sind sie in einer "Todesgruppe" gelandet - immerhin, gegen Kroatien haben sie in den letzten Jahren mehrfach gewonnen, aber es müssen auch Überraschungen gegen die starken Südamerikaner und die Afrikaner her. "Schaffen wir das, ist eines sicher: In der nächsten Runde warten Mannschaften, die nicht noch stärker sind als die, die wir dann schon bezwungen haben", sagt Sportreporter Sigurdsson.

Isländer sitzen nicht da und berechnen ihre Chancen, sie nehmen ihr Herz in beide Hände und stürmen los, wie einst die Wikinger, entweder gehen sie gnadenlos unter oder kommen als Sieger zurück. "Als ich Kind war, war Island nur ein Fleck auf der Landkarte, mitten im Nordatlantik. Wir schafften es zu keinem großen Turnier, brachten gerade mal eine Handvoll Sportler zu Olympia und unsere Zeitungen brachten es als Schlagzeile, wenn wir in einem ausländischen Film erwähnt wurden", erinnert sich der 30-jährige Grimur Sigurdsson. Diese Zeiten haben sich geändert - auch durch die Fussballer von der Insel. 

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