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Meron Mendel über Israel - "Es ist ein Staat der starken Gegensätze"

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Meron Mendel lebt in Deutschland. In seinem Geburtsland Israel nimmt er immer noch Existenzängste wahr. Nicht nur er fragt sich, ob es Israel in 200 Jahren noch geben werde.

Kinder in Pilotenuniformen winken Flugzeugen der israelischen Luftwaffe.
Kinder in Piloten-Uniformen winken Flugzeugen der israelischen Luftwaffe. Quelle: ap

heute.de: Sie wurden 1976 in Israel geboren, fast 30 Jahre nach Gründung des Staates Israel. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit?

Meron Mendel: Ich bin in einem Kibbuz aufgewachsen in der Negev-Wüste im Süden Israels. Die Kibbuzim waren stark verbunden mit der Gründungsidee des Staates Israel, dem Zionismus. Und sie waren in den Zeiten meiner Kindheit sozialistisch geprägt. Das heißt, wir wurden kollektiv erzogen. Ich habe also nicht bei meinen Eltern gewohnt, sondern mit meinen Altersgenossen in einem Kinderhaus. Wir waren viel draußen in der Natur und haben in der Landwirtschaft auf dem Feld und mit Tieren gearbeitet.

heute.de: Wie würden Sie Israel heute beschreiben?

Mendel: Es ist ein Staat der starken Gegensätze - nicht nur klimatisch zwischen dem heißen Süden und dem kühlen Norden. Es gibt kaum ein anderes Land, wo auf so kleiner Fläche so viele Menschen mit unterschiedlichen religiösen Auffassungen leben. Hinzu kommen die Konflikte zwischen Israelis und Arabern und eine tiefe Kluft zwischen Arm und Reich. Israel hat eine sehr junge, dynamische Gesellschaft. Ich bin ein- bis zweimal im Jahr dort und bin immer wieder erstaunt, wie schnell sich vieles verändert. Die Mentalität der Israelis ist außerdem von einer großen Unruhe geprägt. Dadurch wird viel Kreativität frei. Deutschland ist viel behäbiger.

Zur Person:

heute.de:  Ist der Staat für junge Israeli etwas Besonderes oder schauen sie auf ihr Land wie beispielsweise Norweger auf Norwegen?

Mendel: Wir alle haben nicht permanent das Gefühl, in einem besonderen Land zu leben. Und doch gibt es auch in der zweiten und dritten Generation eine tiefe Verunsicherung angesichts der andauernden Bedrohung von außen. Auch junge Menschen fragen sich: Wird es Israel in 200 Jahren noch geben? Es ist ein Unterschied, ob man in einem Land geboren wird, das schon seit Jahrhunderten existiert und das es aller Wahrscheinlichkeit nach auch in den nächsten Jahrhunderten noch geben wird - oder ob man in ein Land geboren wird, das immer bedroht war und immer noch ist.

heute.de: Spielt die jüdische Religion eine entscheidende Rolle?

Mendel: Nicht für alle. In Israel sind 20 Prozent der Bevölkerung keine Juden. Und auch unter den 80 Prozent Juden sind viele nicht religiös. Der Zusammenhalt speist sich aus der gemeinsamen Geschichte in der Diaspora und aus kulturellen Aspekten.

heute.de: Haben Sie manchmal Heimweh?

Mendel: Manchmal sehne ich mich nach dem angenehmen Klima oder bestimmten Speisen. Aber am meisten fehlen mir die große Familie und die Freunde aus der Kindheit. In Deutschland lebe ich in der kleinen Kernfamilie mit meiner Frau und unseren zwei Kindern.

heute.de: Weltweit wird an der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern viel Kritik geübt. Warum nimmt dieser Aspekt in der Wahrnehmung so viel Raum ein?

Mendel: Es entspricht zunächst der medialen Logik, dass ein bewaffneter Konflikt viel mehr Aufmerksamkeit generiert als alltägliche Aspekte des Lebens in Israel. Seit dem Sechs-Tage-Krieg gehen Bilder von bewaffneten israelischen Soldaten um die Welt, die im Westjordanland der palästinensischen Zivilbevölkerung gegenüber stehen - das kommt dem Image des Staates Israel nicht unbedingt zu Gute, um es etwas polemisch auszudrücken. Übrigens: Kritik an der Politik Israels finde ich persönlich auch berechtigt, solange sie sich keiner antisemitischen Bilder bedient und die grundlegende Existenzberechtigung des Staats Israel nicht leugnet.

heute.de: Wäre die Chance auf Frieden größer, wenn die israelische Regierung die Siedler im Westjordanland nicht mehr unterstützen würde?

Mendel: Die Siedlungspolitik fördert sicher nicht den Frieden. Aber die Gesamtlage ist viel komplizierter als dass man sagen könnte, wenn es keine Siedlungen mehr gebe, dann würde automatisch Frieden herrschen. 2005 zog sich Israel aus dem Gazastreifen zurück. Das hat keineswegs zum Frieden geführt. Im Gegenteil, die Gewalt eskaliert.  

heute.de: Vor welchen Herausforderungen steht Israel jenseits des Nahost-Konflikts?

Mendel: Vor allem die junge Generation braucht bessere wirtschaftliche Perspektiven. Der Lebensstandard der Durchschnittsisraeli ist gesunken. Die meisten jungen Familien können sich keine eigene Wohnung kaufen. Eine weitere Herausforderung ist der Umgang mit den Einwanderern aus Afrika. Es geht um Rassismus und die Akzeptanz der anderen.

heute.de: In Deutschland zeigt sich inzwischen ein erschreckend offener Antisemitismus. Ist es für Sie als Israeli wie eine Lebensversicherung, dass Sie jederzeit ein Ticket kaufen und nach Tel Aviv fliegen können?

Mendel: Wir sitzen nicht auf gepackten Koffern. Denn wir stehen nicht vor einem zweiten Holocaust, auch wenn wir den wachsenden Antisemitismus mit Sorge beobachten. In der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main setzen wir uns gegen jede Art des Rassismus, Homophobie und Menschenfeindlichkeit ein. Denn es geht um mehr Toleranz und Miteinander und wir sehen, dass wir mit unserer Bildungsarbeit dazu beitragen können.

Das Interview führte Katharina Sperber.

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