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Erdbeben in L'Aquila 2009 - Wiederaufbau: Versprochen, gebrochen

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In L’Aquila warten die Menschen noch immer auf den versprochenen Wiederaufbau. Bei dem Erdbeben am 6. April 2009 verloren über 300 Menschen ihr Leben und über 60.000 das Zuhause.

"Hier haben Viele Schuld. Es gibt nicht nur einen Schuldigen. Wir könnten es uns einfach machen und sagen, die Politik ist schuld. Aber so einfach ist das nicht", sagt Giustino Parisse nachdenklich. Er hat bei dem Erdbeben von L'Aquila am 6. April 2009 seine ganze Familie verloren.

Es gab richtige Schlägereien, welche Firma den Zuschlag bekommt.
Giustino Parisse

Der Journalist aus dem kleinen Dorf Onna, das bei dem Beben fast völlig zerstört wurde, macht auch die Bürokratie, den schleppenden Beginn des Wiederaufbaus und unnötige Verzögerungen bei vielen Projekten verantwortlich. "Und meiner Meinung nach waren es oft auch Konflikte zwischen den Eigentümern, auch Neid und Eifersucht. Es gab richtige Schlägereien, welche Firma den Zuschlag bekommt", berichtet er.

Holzhäuser sind Dauereinrichtung geworden

In Onna ist dennoch eine Menge passiert, nicht zuletzt dank deutscher Hilfe. Mit drei Millionen Euro wurde allein der Wiederaufbau der Dorfkirche finanziert. Damit sollte ein wenig Schuld abgetragen werden für die andere, große Katastrophe, den der kleine Weiler am 11. Juni 1944 erleben musste.

Angela Merkel und Premierminister Silvio Berlusconi besichtigen die Erdbebenschäden in Onna am Rande des G8-Gipfels in L'Aquila
Angela Merkel und Silvio Berlusconi besuchen am 08.07.2009 Onna.
Quelle: imago

Damals hatte die deutsche Wehrmacht 17 Zivilisten exekutiert und dutzende Häuser gesprengt - als Vergeltung für einen vermeintlichen Partisanenangriff. Bereits im April 2011 hatte der damalige deutsche Botschafter Michael Geerts einen Masterplan für die Rekonstruktion des barocken L’Aquila überreicht, der bis heute nicht realisiert wurde.

Zwar herrscht auf der Hauptstraße mittlerweile wieder normales Leben. Bars, Cafés und Läden sind gut besucht. Aber wer um die Ecken schaut, in die Seitenstraßen, erkennt noch viele halbzerstörte Ruinen und Baustellen. Denn die Politiker, allen voran Silvio Berlusconi, hatten zwar den zügigen und vollständigen Wiederaufbau versprochen, dann aber wurden erst mal billige, provisorische Holzhäuser am Stadtrand errichtet, um den Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben. Sie sind längst zu Dauereinrichtungen geworden.

Unverändert gefährliche Bauweise

Und neue schwere Erdbebenserien lenkten die Aufmerksamkeit auf andere Zerstörungen: Amatrice, Norcia, immer wieder bebt die Erde dort, wo gleich vier tektonische Platten aufeinanderprallen - die Afrikanische und die Eurasische, die Adriatische und die Tyrrhenische, die sich tief unter dem Gebirge der Abruzzen ineinanderschieben. Täglich bebt dort die Erde ein dutzend Mal und öfter - meist unbemerkt. Erst wenn wieder ein großes Stück abbricht und sich dabei unvorstellbare Kräfte entladen, kommt es zu Erdbeben jenseits der Stärke 5 auf der Richterskala mit ihrer zerstörerischen Wirkung. Im Lauf der Jahre wandert diese Abbruchkante immer weiter Richtung Norden, und es ist somit keine Frage ob, sondern nur wann die nächste Katastrophe kommt.

Karte: L’Aquila in Italien
Das Erdbeben von L’Aquila in Italien ereignete sich am 6. April 2009 um 03:32 Uhr Ortszeit.
Quelle: ZDF

Nur ist die Natur nicht alleine schuld an den Toten und Verletzten. Es sind auch die Menschen, die dort leben. Denn noch immer wird in Italien, besonders bei Gebäuden jüngeren Datums, in der sogenannten "Grabplatten-Architektur" gebaut, das heißt, gerade Wände und darüber eine gegossene Betondecke. Wenn die Mauern dann bei einem Erdstoß brechen, auch weil vielleicht korrupte Baufirmen zu viel Sand in den Zement gemischt haben, kommt die Decke von oben und begräbt alles, was darunter ist.

Auch das ist die Schuld von Politikern auf allen Ebenen, weil sie es noch immer nicht geschafft haben, mit entsprechenden Bauvorschriften und deren Überwachung die Zahl der Erdbebenopfer einzudämmen, obgleich sie es immer wieder versprochen hatten. Und so ist L’Aquila auch zehn Jahre nach dem Beben eine lange Geschichte von Schuld, Versäumnissen und gebrochenen Versprechen geblieben.

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