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Ex-Präsident Chirac ist tot - Frankreich trauert um einen Kämpfer

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Jacques Chirac hat Jahrzehnte lang die Politik in Frankreich geprägt. Sein Nein zum Irak-Krieg rechnen ihm viele hoch an - sein politisches Erbe ist auch umstritten. Ein Nachruf.

"Die Franzosen, egal welcher Überzeugung, haben gerade einen Freund verloren", schreibt François Hollande, einer seiner Nachfolger, der ihm viel zu verdanken hat. Denn auch wenn Chirac seit seinem Amtsrücktritt 2007 nicht mehr aktiv in die Politik Frankreichs eingegriffen hat, so war doch durchgesickert, dass er 2012 den Sozialisten unterstützt hatte und nicht den Kandidaten seiner eigenen konservativen Partei, Nicolas Sarkozy.

Die Franzosen, egal welcher Überzeugung, haben gerade einen Freund verloren.
François Hollande

Emmanuel Macron, der noch nicht einmal geboren war, als Jacques Chirac 1974 zum ersten Mal Premierminister wurde, hat gleich nach der Bekanntgabe des Todes eine Reise nach Südfrankreich abgesagt und wird heute Abend um 20 Uhr eine Fernsehansprache halten. Selbst Chiracs politischer Erzfeind und Vorgänger, Valery Giscard d’Estaing, erklärte sich  berührt von seinem Tod.

Zwölf Jahre Präsident

Für viele Franzosen war der Ex-Präsident in den letzten Jahren in der Tat zu einer väterlichen Figur aufgestiegen. Wohlwollend, mitfühlend, menschlich, vertraut wirkte der stattliche Mann, der mit seiner unnachahmlichen Stimme jahrzehntelang auf dem Bildschirm in jedem Wohnzimmer erschien und ertönte. Seine Lebensfreude, sein Appetit und seine Energie haben ihn den Franzosen sympathisch gemacht, auch wenn sein politisches Vermächtnis umstritten ist.

Über 40 Jahre bestimmte der Lehrersohn aus der Corrèze in Zentralfrankreich das politische Leben des Landes, seit er 1967 zum Abgeordneten in seiner Heimatregion gewählt wurde. Von 1967 bis 1974 war er Minister in verschiedenen Regierungen, 1976 gründete er die konservative Regierungspartei RPR, zweimal war er Premierminister von 1974 bis 1976 und von 1986 bis 1988, 18 Jahre lang Bürgermeister von Paris (1977-1995) und dann zwölf Jahre lang Staatspräsident (1995-2007). 

Nein zum Irak-Krieg und Nein zur Wehrpflicht

Zu seinem Vermächtnis der Jahre im Elysée zählen sein entschiedenes Nein zum Irak-Krieg 2003, das ihm viele Franzosen noch heute hoch anrechnen, das Ende der Wehrpflicht, die öffentliche Anerkennung der Verantwortung der Vichy-Regierung während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg und sein Weckruf vor dem drohenden Umweltdesaster ("Unser Haus brennt").

Auch sein konstanter Kampf gegen den Rechtspopulismus gehört zu seinem politischen Erbe. So verweigerte er 2002, als er im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahl gegen Jean-Marie Le Pen antreten musste, die traditionelle Fernsehdebatte vor der Stichwahl.  Zudem lehnte er jede Allianz mit dem Front National ab.

Viele Entscheidungen Chiracs umstritten

Viele andere seiner Entscheidungen sind weitaus umstrittener. Als er kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten die Atomversuche in der Südsee wieder aufnahm, sorgte er international für Empörung. Die Auflösung der Nationalversammlung 1997 war ein Desaster und führte zur Gründung einer sozialistischen Regierung, mit der er fünf Jahre lang auskommen musste.

Die damals junge Garde seiner Partei, allen voran sein Nachfolger Nicolas Sarkozy, kritisierten seine Unbeweglichkeit. Als "faulen König", verspottete ihn der ambitionierte Sarkozy öffentlich. Steigende Defizite und anhaltend hohe Arbeitslosigkeit schienen ihm Recht zu geben. Chiracs Beliebtheitswerte fielen in den Keller.

Als Pariser Bürgermeister Gelder veruntreut

Auch eine Reihe von Schmiergeld- und Korruptionsaffären aus der Zeit, als er Bürgermeister von Paris war, verfolgten Chirac in den letzten Jahren im Elysée-Palast. 2011 wurde er als erster Ex-Präsident für Veruntreuung öffentlicher Gelder zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Zu seinem Prozess erschien er allerdings nicht mehr. Es war still geworden um Jacques Chirac.

Nach einem Schlaganfall im Elysée im Jahre 2005, der den Franzosen erst verschwiegen worden war, kämpfte Jacques Chirac mit Gesundheitsproblemen. In den letzten Jahren zeigte er sich nur noch selten in der Öffentlichkeit, das letzte Mal 2014 bei der Verleihung eines Preises seiner Stiftung, gestützt auf seine Ehefrau Bernadette und François Hollande.

Der Tod seiner ältesten Tochter Laurence im April 2016 setzte ihm schwer zu. Sein enger Vertrauter und ehemaliger Minister Jean-Louis Debré, der ihn weiterhin jede Woche besuchte, sprach kürzlich von seiner Traurigkeit, dem schwindenden Gedächtnis. Weit weg erschien der Lebenskünstler und Frauenheld, der Fan von Corona Bier und deftigem Essen.

Frankreich trauert um "Giganten" der Politik

Heute ist ein Teil meines Lebens von mir gegangen.
Nicolas Sarkozy

Kurz nach der Bekanntgabe seines Todes durch seine Familie schalteten französische Sender auf Sondersendungen, es regnete Hommagen für den "Giganten" der Politik. Im Tode scheint Jacques Chirac zu gelingen, was er im Leben nicht geschafft hat: alle Franzosen hinter sich zu vereinen. Am besten zusammengefasst hat es sein Nachfolger und auch oft Gegner in der eigenen Partei, Nicolas Sarkozy: "Heute ist ein Teil meines Lebens von mir gegangen."

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