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Ein immer noch gestörtes Verhältnis

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2019 im Auslandsstudio Istanbul - Ein immer noch gestörtes Verhältnis

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ZDF-Korrespondent Brase blickt zurück auf zwölf schwierige Monate in den deutsch-türkischen Beziehungen. Themen wie der Syrien-Krieg werden unter Kollegen kontrovers diskutiert.

Jörg Brase | ZDF-Korrespondent, in Şanlıurfa
Im Oktober berichtete ZDF-Korrespondent Jörg Brase aus der türkischen Stadt Şanlıurfa in der Nähe der türkisch-syrischen Grenze.

Am 17. Dezember gab Reporter ohne Grenzen seine Jahresbilanz 2019 heraus. Danach wurden weltweit 49 Journalisten ermordet, 389 sitzen in Haft. Tags darauf berichtete auch die "Hürriyet", die Tageszeitung mit der zweitstärksten Auflage in der Türkei, über den Jahresbericht: 

Lateinamerika sei nun fast so tödlich für Journalisten wie der mittlere Osten, heißt es da. Und die Hälfte der inhaftierten Journalisten sitze in China, Ägypten und Saudi-Arabien hinter Gittern, das ja für den brutalen Mord an Jamal Khashoggi verantwortlich sei. Dass die Türkei nach Syrien gemeinsam mit Vietnam auf Platz fünf der Liste rangiert, wird mit keinem Wort erwähnt. 25 Journalisten saßen Anfang Januar in Haft, so der Bericht von Reporter ohne Grenzen.

Türkische Medien beklagen die negative Presse in Deutschland

In der "Sabah", der größten Tageszeitung der Türkei, findet sich ein langer Artikel über ein Medienforum in Berlin zum Thema "Fake News". Die beiden Sabah-Abgesandten schließen ihre Rückschau auf das Treffen in Deutschland mit der Forderung, dass man sich auf türkischer wie deutscher Seite um den Kampf gegen negative Stereotypen kümmern solle.

Beispiele für die negativen Berichte ausländischer Medien laut "Sabah": der Umgang mit dem Foto von Fußballstar Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten sowie der in ihrer Wahrnehmung ignorante bis freundliche Umgang deutscher Journalisten mit PKK-Demonstrationen in Deutschland.

Im März verweigerte mir die Türkei die Pressekarte

Anfang des Jahres hatte die türkische Führung das Thema "negative ausländische Presse" bereits auf die Tagesordnung gesetzt, als sie mir die türkische Pressekarte verweigerte. Grund waren der Fall Böhmermann und ein Bericht über türkische Folterknäste in Frontal21. So jedenfalls erklärte es mir ganz offen vor ein paar Tagen ein netter Mitarbeiter des Presseamtes. Er erwarte allerdings für 2020 keine weiteren Schwierigkeiten. Der Ärger um die Pressekarte 2019, die mir nach großem Druck dann im März doch ausgestellt wurde, steckte ihm wohl noch in den Knochen.

Ja, wir haben ein Problem miteinander. Ein politisches und ein publizistisches. Fakt ist, dass Journalismus in der Türkei und in Deutschland unterschiedlich begriffen wird. Es gibt in der Türkei keinen überparteilichen Journalismus. Auch als Journalist ist man entweder für oder gegen Erdogan, ist man Kurde oder Alewit, Christ oder Muslim. In jedem Falle ist man parteiisch.

Journalismus ist hier politischer Kampf. Das geben selbst die Kollegen der "Cumhuriyet" zu, die von uns immer gerne als Vorkämpfer eines nur der Wahrheit verpflichteten Journalismus in der Türkei angeführt werden.

Die Wirtschaftskrise, die Abkehr von der Nato und Flüchtlinge: Themen gab es viele

Und wir? Wir berichten über die inhaftierten Kollegen, über den Niedergang der türkischen Wirtschaft, über den Sieg des Oppositionskandidaten Ekrem Imamoglu in Istanbul, über die Absetzung von Bürgermeistern der pro-kurdischen HDP, über löchrige Küstenkontrollen, über steigende Flüchtlingszahlen Richtung Griechenland und über eine völkerrechtswidrige Militäroffensive in Nordsyrien.

Wir berichten über eine Abkehr der Türkei von der Nato, den Bruch mit den USA und eine Annäherung an Moskau durch den Kauf russischer Luftabwehrbatterien und die Kooperation in Syrien. Und wir empfinden Phantomschmerzen, wenn wir nicht ausführlicher berichten über Kriegsverbrechen der Islamisten, die auf Seiten der Türkei in Syrien kämpfen. Oder über die Tatsache, dass immer noch - und eigentlich in steigender Zahl - Woche für Woche 100 bis 200 Terrorverdächtige in der Türkei festgenommen werden.

Bilden wir wirklich die wahre Türkei ab?

Ich führe Diskussionen mit meinen türkischen Mitarbeitern über Themen und Herangehensweisen, und ich spüre, dass auch sie der Meinung sind, wir berichteten zu negativ über ihr Heimatland. Das gibt mir zu denken. Wir sollten uns tatsächlich gelegentlich fragen, ob wir mit unseren Berichten immer das wahre Bild der Türkei, der USA oder Großbritanniens vermitteln. Oder ob wir uns nicht doch eher an Erdogan und seiner AKP oder an Trump und den Republikanern abarbeiten.

Wir werden einerseits in den inner-türkischen Polit-Machtkampf hineingezogen. Und erwähnt man andererseits der Ausgewogenheit halber, dass sich auch die kurdische YPG-Miliz in Syrien Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht hat, bekommt man einen Shitstorm kurdischer Aktivisten aus Deutschland ab.

Die Kurden sind aus dem Grenzgebiet zur Türkei abgezogen. Doch der Frieden scheint nach wie vor in weiter Ferne. ZDF-Korrespondent Jörg Brase hat Familien getroffen, die vor den Kämpfen geflohen sind. Sein Bericht aus der türkischen Grenzstadt Akcakale.

Beitragslänge:
2 min
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Wir möchten auch über E-Autos und die Haselnussernte berichten

Politik-Themen dominieren - also mal sehen, ob es gelingt, 2020 endlich die Berichte über den Orientexpress und die E-Bikes in Istanbul fertig zu machen, die seit Wochen und Monaten auf unseren Schreibtischen liegen. Oder über deutsch-türkische Start-ups, die vom hochmodernen türkischen Bankensystem schwärmen. Oder über einen türkischen Wirtschaftsaufschwung, den die deutsche Außenhandelskammer für das kommende Jahr vorhersagt. Oder über die türkische Produktion von E-Autos, die die deutschen Hersteller überholen könnte. Oder auch nur über die Haselnussernte und Fischfang an der Schwarzmeerküste.

Es ist viel in Bewegung in der Region. Nur eins ist dabei sicher: Das deutsch-türkische Verhältnis bleibt schwierig, politisch - und publizistisch.

Jörg Brase leitet das ZDF-Auslandsstudio Istanbul.

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