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Chinesen sind eigentlich Anarchisten

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Aufbruch ins Studio Peking - Chinesen sind eigentlich Anarchisten

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Von Washington nach Peking: 2019 standen für meine Familie und mich große Veränderungen an. Umzug vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten ins Land der Anarchisten. Erste Eindrücke.

Einkaufsstraße in Peking
Peking - nach neun Jahren Washington der neue Arbeitsort von ZDF-Korrespondent Ulf Röller.
Quelle: picture alliance/robertharding

Im Juli bin ich in Peking angekommen. Noch voll vom Erlebten in Washington in den letzten neun Jahren. "Make America great again", hallte in den Ohren nach. Fast betäubt von der Lautstärke der USA, die mit Sicherheit nicht mehr die uneingeschränkte Weltmacht sind, aber immer noch die Aufmerksamkeit der Menschheit fesseln. Der chinesische Traum wirkte ein wenig geräuschloser. Pekings Machthaber stellen sich weniger breitbeinig in der Geschichte auf. Da spielt US-Präsident Trump immer noch in einer eigenen Liga.

Der "Chinesische Traum"

So kam ich also in Peking an. Schnell lernt man, dass hier noch wilder und hemmungsloser um das goldene Kalb getanzt wird. Der Vertrag der Mächtigen mit dem ohnmächtigen Volk basiert auf einem einfachen Versprechen. Wir machen euch reich und ihr haltet den Mund. Schon als ich mich in Berlin beim Botschafter für das Journalistenvisum vorstellen musste, hatte er mich nicht ganz ohne Stolz wissen lassen, dass China um die 700 Millionen Menschen aus der Armut befreit hat. Wahrlich eine Leistung - an die die chinesische Regierung auch unaufhörlich erinnert, vor allem, wenn jemand Zweifel am System äußert.

Ulf Röller zu 20 Jahre Macau
Am 20. Dezember berichtete Ulf Röller über den 20. Jahrestag der Rückgabe der früheren portugiesischen Kolonie Macau an China.

Der chinesische Traum ähnelt doch sehr dem amerikanischen. Den Kindern soll es einmal besser gehen. Nur mit einem großen Unterschied. In China glauben sie wirklich, dass sie ihren Traum leben. In Amerika dagegen glauben viele, dass ihrer stirbt.

Über zwei Millionen Soldaten dienen in der chinesischen Armee. Neben der wirtschaftlichen Stärke ist das Land längst auch eine militärische Supermacht. Ein Traum von neuer Größe.

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Überwältigende Menschenmassen

Das chinesische Volk macht sich Richtung Zukunft auf. Ohne zu zögern, bisweilen brutal und jeder will ein Stück abhaben vom großen Reichtum. Diese Dynamik spürt man gleich bei der Ankunft in Peking. Die Masse der Menschen überwältigt.

1,4 Milliarden Menschen unaufhaltsam auf dem Weg in ein besseres Leben.
Ulf Röller, ZDF-Korrespondent in Peking

Und die Vorstellungen von Räumlichkeit und Privatsphäre sind andere in diesem Land. Was wir als Drängeln empfinden, halten die Chinesen für normal. Jede Lücke wird am Aufzug am Flughafen besetzt. Wer nicht drängelt, bleibt zurück. Niemand entschuldigt sich fürs Drängeln, niemand scheint eine Entschuldigung zu erwarten. 1,4 Milliarden Menschen unaufhaltsam auf dem Weg in ein besseres Leben.

"Big Brother" schaut immer zu

Das Volks-Schubsen findet vor den Augen der Mächtigen statt. "Big Brother" ist Chinese. Überall sind Kameras und beobachten jede Bewegung. Viele stört das nicht. Im Gegenteil. Das soll helfen, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Der Überwachungsstaat gibt Sicherheit. Und doch könnte das Bild der Armee der Ameisen, die willenlos gelenkt werden wollen, nicht falscher sein. Chinesen sind eigentlich Anarchisten.

Nach außen spielen sie den loyalen Kommunisten, aber im täglichen Handeln suchen sie nach Wegen, Regeln zu umgehen. Im Großen gelten hehre Parteiparolen, die zu besonderen Feiertagen die Stadt verzieren. Damit feiert die Partei den einfachen Arbeiter, die Macht des Volkes und die Solidarität. Aber im Kleinen herrscht Regellosigkeit. Verkehrszeichen scheinen nur Vorschläge in China zu sein, Elektroroller surren in allen erlaubten und verbotenen Richtungen umeinander, ohne Licht, die Fahrer ohne Helm. Sicherheit nach Deutscher Industrie Norm scheint niemand zu vermissen.

Deutsche Autoindustrie eng mit China verbunden

Wer mit der deutschen Industrie über Menschenrechte oder Demokratie reden will, erntet Schweigen.
Ulf Röller, ZDF-Korrespondent in Peking

Ein Blick auf Chinas Straßen macht allerdings auch die neue Hackordnung der Länder in diesem Jahrhundert deutlich. Zum Beispiel zwischen Deutschland und dem Reich der Mitte. Deutsche Edelautomarken kurven massenhaft in Peking herum. Schnell wird klar: Ohne China ist die deutsche Autoindustrie nichts. Was wiederum heißt, dass unser Wohlstand von einer Diktatur abhängt. Auch das lernt man schnell als Neuankömmling: Wer mit der deutschen Industrie über Menschenrechte oder Demokratie reden will, erntet Schweigen. Der Wettkampf der Wertesysteme scheint entschieden, die Prioritäten sind auf beiden Seiten klar.

China ist ähnlich wie Amerika eine Gewinner-Gesellschaft. Die Sieger werden bewundert, Reichtum gibt Recht. Wachsende Einkommensunterschiede symbolisieren unterschiedliche Leistungsfähigkeit, keine grundsätzliche soziale Schieflage.

Europa als Kulisse

Der offizielle Held ist natürlich Mao, der verehrt wird, aber eben gut einbalsamiert in seinem Mausoleum liegt. Die Jugend bewundert Menschen wie den Gründer von Alibaba, Jack Ma, oder den Gründer von Huawei, Ren Zhengfei. Den durften wir in seiner Zentrale in Shenzhen besuchen. Selbst das Firmengelände an sich ist eine Botschaft.

Europa gilt nicht mehr als Ort der Zukunft, sondern nur noch als wunderbare, in die Jahre gekommene Kulisse, vor der reiche Chinesen wie Ren Zhengfei Wohlstand zelebrieren. Er hat alte europäische Städte nachgebaut, das Heidelberger Schloss oder die Altstadt von Verona. In den Gebäuden sitzt Chinas High-Tech-Elite und denkt sich neue Produkte aus, die den Weltmarkt dominieren. Bei Huawei bekommt der Besucher schon einmal einen Vorgeschmack auf das chinesische Jahrhundert.

Ren Zhengfei, Gründer des chinesischen Unternehmens Huawei, sieht sich in einer Schlacht. Amerika fürchtet eine von Huawei ausgehende Gefahr für die nationale Sicherheit. Zhengfei ist selbstbewusst: „Wir brauchen die USA nicht.“

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Kein einfaches Jahr für Peking

Das Land spürt den Rückenwind der Geschichte. Die Jahrhunderte der Erniedrigung durch den Westen sind vorbei. Für dieses wiedererstarkte chinesische Selbstbewusstsein steht der wohl mächtigste Mann der Welt: Präsident Xi Jinping. Auf Lebenszeit an der Macht. Endlose Kolonnen von Soldaten und Militärgerät, die auf der 70-Jahre-Parade zur Gründung der Volksrepublik in diesem Jahr an ihm vorbeizogen, ließen keine Zweifel aufkommen.

Zur gleichen Zeit zogen in Hongkong die Massen für Freiheit und gegen die Pekinger Machthaber auf die Straßen. Die Aufstände in der Sonderzone stehen für Risse. Denn es war kein ganz einfaches Jahr für Peking. Der Handelskrieg mit den USA, der sich zwar langsam zu entspannen scheint, hat auch Chinas Wirtschaft zugesetzt. Es wird schwer sein, die Erfolgsstory wie bisher weiterzuschreiben. Das erwartet aber die Bevölkerung. Die Aufstiegsperspektive ist der Kitt der Gesellschaft. Kommunismus interessiert nur noch wenige.

Kommunistische Kampflieder und italienische Opernarien

In einem der vielen Parks Pekings kann man erleben, wie die Alten gemeinsam kommunistische  Kampflieder und italienische Opernarien singen. Sie haben noch die Kulturrevolution durchlitten und nun genießen sie Chinas neuen Wohlstand und Frieden. Fragt man diese Generation nach dem Leben, so strahlen sie. So gut ging es dem Land noch nie. Glücklich Tanzen und Turnen sie miteinander. Und in den Bäumen sind die Überwachungskameras angebracht und beobachten sie. Zur Sicherheit - natürlich.

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