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Japanologe zum Thronwechsel - "Eine reale Zeitenwende für die Bevölkerung"

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Japan wartet auf seinen neuen Kaiser. Eigene politische Impulse wird er dem konservativen Land aber kaum geben können, erklärt der Japanologe Harald Fuess im makro-Interview.

Kaiser Akihito und Prinz Naruhito
Kaiser Akihito und Prinz Naruhito (im Januar 2018).
Quelle: imago

makro: Japan pflegt als letztes Land der Welt noch ein Kaisertum. Ist die Zeit in Japan stehen geblieben? Oder ist dieses Kaisertum am Ende nicht doch für viele Japaner sentimentale Folklore?

Harald Fuess: Das Kaisertum in Japan existiert seit über tausend Jahren, wobei sich die Funktion des Kaisers im Laufe der Zeit immer wieder gewandelt hat. Seit dem letzten Jahrhundert hat sich Japan immer wieder an europäischen Monarchien orientiert, um das Kaisertum in Staat und Gesellschaft zu positionieren. Kontrovers war vor allem die Rolle des Kaisers Showa, der sowohl im Zweiten Weltkrieg als auch während des Wirtschaftswachstums Kaiser war. Heute wird das Kaisertums von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung als ein Symbol des Landes und als ein internationales Alleinstellungsmerkmal anerkannt.

makro: Wie epochemachend ist denn dieser Thronwechsel tatsächlich?

Fuess: Es ist eine reale Zeitenwende für die Bevölkerung, da alle offiziellen japanischen Dokumente und Urkunden nach dem Kaiserjahr und nicht nach der christlichen Zeitrechnung datiert werden. Zeitperioden in Japan werden deswegen auch in der Umgangssprache in der kaiserlichen Zeitrechnung angegeben, die damit zur Identität von Japan als einem besonderen Land beiträgt. Mit dem neuen Kaiser und seiner Gattin wird ein Kaiserpaar den japanischen Chrysanthementhron besteigen, das in der Nachkriegszeit geboren wurden und im Ausland studiert hat, jedoch sind die zeremoniellen Aufgaben so stark vorgegeben, dass man von dem Generationswechsel keine eigenen politischen Impulse erwarten darf.

makro: Japan war über viele Jahre eine wirtschaftliche Führungsnation, hat insbesondere in der Hightech-Industrie weltweit den Takt vorgegeben. Kann Japan heute diese Position noch verteidigen?  

Fuess: Japan gehört auch weiterhin zu den drei größten Volkswirtschaften der Welt mit einem deutlichen Abstand zu Deutschland. Die japanischen High-Tech-Industrien der Vergangenheit haben Hardware produziert wie Autos, Fernseher oder Computer, heute sind weltweit allerdings eher Software Produzenten gefragt. Ein japanisches Google beispielsweise gibt es nicht.

In einigen Wirtschafts- und Kulturbereichen ist Japan durchaus ein konkurrenzfähiger Trendsetter wie die internationale Verbreitung von Videospielen, Comics und Zeichentrickserien zeigen. Japan wird von jungen Leuten in Europa heute nicht mehr als eine wirtschaftliche Bedrohung, sondern als ebenbürtiges, wenn auch exotisches "Cool Japan" gesehen.

Karte Japan - Hauptstadt Tokio
Unter den größten Volkswirtschaften der Welt liegt das ostasiatische Inselreich Japan hinter den USA und China auf Rang drei. Führend ist das Land mit seinen gut 127 Millionen Einwohnern vor allem als Exporteur von Industriegütern und High-Tech. Autos, Maschinen und Elektronik sind Japans wichtigste Ausfuhrgüter. Mit 377.930 Quadratkilometern ist Japan etwas größer als Deutschland. Die meisten Einwohner des gebirgigen "Landes der aufgehenden Sonne" drängen sich in den Küstengebieten. Allein in der Metropolregion Tokio wohnen 35 Millionen Menschen.
Quelle: ZDF

makro: Japans Gesellschaft ist überaltert, der Wirtschaft fehlen Fachkräfte. Und trotzdem gibt es starke Widerstände gegen Zuwanderung und die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt. Wie konservativ müssen wir uns das moderne Japan vorstellen?

Fuess: Die japanische Bevölkerung schrumpft seit einigen Jahren und ein Ende dieses Prozesses ist nicht absehbar. Japan hat im internationalen Vergleich eine sehr hohe Lebenserwartung und eine sehr niedrige Geburtenrate. Es ist ein sozial konservatives Land mit einem verhältnismäßig rigiden Arbeitsmarkt mit dem Ergebnis, dass es wenige Frauen in Führungspositionen schaffen und der Anteil von Ausländern in der Bevölkerung gering bleibt trotz aller mehr oder weniger ernsthaften Versuche der Regierung, diese Lage zu ändern.

makro: In Europa sorgt die extrem lange Untersuchungshaft des Automanagers Carlos Ghosn für Unverständnis. Will man an ihm ein Exempel statuieren? Sind ausländische Manager in Japan etwa unerwünscht?

Der ehemalige Nissan-Chef Carlos Ghosn. Archivbild
Der ehemalige Nissan-Chef Carlos Ghosn. Archivbild
Quelle: Eugene Hoshiko/AP/dpa

Fuess: In Japan enden fast 99 Prozent der Gerichtsfälle mit einer Verurteilung, da die Staatsanwaltschaft nur in eindeutigen Fällen eine Anklage erhebt. Meist ist ein vollständiges Geständnis des Angeklagten ein wichtiges Beweismittel für die Verurteilung. Um solche Geständnisse zu ermöglichen, erlauben die japanischen Rechtspraktiken eine im internationalen Vergleich lange Untersuchungshaft ohne Rechtsbeistand oder Kontakt mit der Familie.
Es ist auch möglich, eine Person mehrmals hintereinander in Untersuchungshaft zu nehmen, wenn neue Anklagepunkte untersucht werden sollen. Diese Rechtspraktiken werden auch bei normalen Japanern als auch bei bekannten japanischen Managern angewandt. Ungewöhnlich ist im Fall Carlos Ghosn nur, dass diese japanischen Praktiken einen Superstar der internationalen Managementelite betreffen und damit weltweites Interesse hervorrufen.

Das Interview führte makro-Moderatorin Eva Schmidt.

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von Katharina Sperber
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