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Präsident des Zentralrats der Juden - "Jeder Jude kennt Antisemitismus aus seinem Alltag"

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Der Zentralrat der Juden warnt vor einem wachsenden Antisemitismus. Vorfälle sollten bei einer eigenen Meldestelle angezeigt werden, sagt Präsident Josef Schuster im Interview.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden. Archivbild
Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden. Archivbild
Quelle: Peter Kneffel/dpa

heute.de: Warum tragen Sie keine Kippa?

Josef Schuster: Eigentlich gehört es zum jüdischen Religionsgebot, als Mann eine Kippa zu tragen. Aber letztlich machen es viele so, wie sie es im Elternhaus vorgelebt bekommen haben. Mein Vater hat keine Kippa getragen, nur in der Synagoge oder auf dem jüdischen Friedhof. Ich halte es genauso. Dass ich keine Kippa trage, hat also nichts mit Politik zu tun oder mit meinem Sicherheitsgefühl, sondern weil ich es von Zuhause so gewöhnt bin.

heute.de: Sie warnten bereits vor Jahren vor dem Tragen der Kippa in der Öffentlichkeit. Nun hat der Antisemitismus-Beauftragte Felix Klein das wiederholt - und ein Aufschrei geht um die Welt. Warum?

Schuster: Ich stehe nach wie vor hinter meiner Aussage und auch hinter dem, was Herr Klein gesagt hat. Es ist nicht überall in Deutschland gefahrlos möglich, sich als Jude mit Kippa auf der Straße zu zeigen. Der Unterschied ist: Wenn ich als jüdischer Vertreter das sage, ist das ein anderes Signal, als wenn das ein Vertreter der Bundesregierung sagt.

heute.de: Kapituliert die Regierung vor dem Antisemitismus?

Schuster: Im Gegenteil! Sie bekämpft ihn. Dazu gehört es, das Problem beim Namen zu nennen und nichts schönzureden. Das Entscheidende ist, dass daraus die richtigen Konsequenzen gezogen werden. Dazu trägt die Diskussion bei, die Herr Klein angestoßen hat.

heute.de: Juden sollen antisemitische Vorfälle bei einer eigenen Stelle melden. Vertrauen Sie der Polizei nicht mehr?

Schuster: Doch. Die neuen Meldestellen sollen die Polizei nicht ersetzen, sondern ergänzen. Sie können im Gegensatz zur Polizei auch Vorfälle erfassen, die unterhalb der Schwelle zur Strafbarkeit liegen. Manche Betroffene halten die Vorfälle, die sie erleben, auch für zu geringfügig, um zur Polizei zu gehen. Dadurch erhalten wir über die Polizei aber nur ein sehr unvollständiges Bild der Lage.

heute.de: Ist Antisemitismus in Deutschland wieder Alltag?

Schuster: Leider ja. Der Kölner Rabbiner Yechiel Brukner hat das erst kürzlich erfahren müssen. Als Rabbiner trägt er natürlich eine Kippa. Er war in einer U-Bahn unterwegs. Da kommt ein gehbehinderter älterer Herr. Der Rabbiner steht auf und will ihm Platz machen. Statt zu danken, sagt der Mann: "Das wird am Hass gegen euch nichts ändern." Das ist ein Einzelfall, aber jeder Jude kennt Antisemitismus aus seinem Alltag.

heute.de: Erleben Sie das auch - oder schirmen Ihre Leibwächter Sie vor Antisemitismus ab?

Schuster: Antisemitische Erfahrungen im persönlichen Gespräch oder auf der Straße mache ich nicht. Das hat auch mit dem Personenschutz zu tun. Aber auch, weil in Würzburg, wo ich lebe, recht wenig Antisemitismus zu spüren ist. Aber ich bekomme den Antisemitismus täglich in Briefen und in E-Mails zu lesen.

heute.de: Welcher Vorfall empört Sie derzeit am meisten?

Schuster: In einem Ortsteil von Hannover wurde einem älteren Ehepaar der Fußabstreifer angezündet und das Haus mit dem Wort "Jude" beschmiert. Wenn jüdische Menschen nicht mehr unbehelligt leben können, dann ist das eine neue Qualität, die ich mir so nicht hätte vorstellen können. Und ich bin von den Behörden irritiert, um es mal ganz vorsichtig zu sagen. Dieser Vorfall ist jetzt eine Woche her und es gibt noch keine Ermittlungserfolge.

heute.de: Beunruhigt Sie der wachsende Rechtspopulismus in Europa?

Schuster: Bei der Europawahl haben die Rechtspopulisten leider zugelegt. Besonders die Wahlerfolge der AfD in den neuen Bundesländern machen mir große Sorgen.

heute.de: Sprechen Sie inzwischen mit AfD-Vertretern?

Schuster: Es macht keinen Sinn, sich mit offiziellen Vertretern einer Partei zu treffen, die sich nicht von Funktionären mit rechtsextremem Gedankengut trennen will.

heute.de: Es gibt auch eine Vereinigung mit dem Namen "Juden in der AfD". Sprechen Sie auch nicht mit denen?

Schuster:
Der Zentralrat der Juden pflegt keinen Kontakt zur AfD und auch nicht zu dieser Gruppe. Das ist eine sehr kleine Gruppe von Menschen, die der AfD als Feigenblatt dienen. Ich habe keinerlei Verständnis für die "Juden in der AfD".

heute.de: Warum warnt der Zentralrat der Juden so stark vor muslimischem Antisemitismus, obwohl die meisten Fälle aus dem rechten Spektrum stammen?

Schuster: Laut Statistik sind 90 Prozent der antisemitischen Vorfälle dem rechten Spektrum zuzuordnen. Allerdings bildet die Statistik die Wirklichkeit nur bedingt ab. Denn alle Fälle, in denen ein Täter nicht ermittelt werden kann, werden automatisch der rechten Szene zugeordnet. Ich gehe davon aus, dass zwar ein Großteil der antisemitischen Vorfälle von rechts kommt, ein gewisser Anteil aber auch von Muslimen.

Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein empfiehlt Juden, nicht überall die Kippa zu tragen. "Es gibt No-Go-Areas für Juden in Deutschland", so Philipp Peyman Engel, Redakteur der Jüdischen Allgemeinen.

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4 min
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heute.de: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Anstieg des Antisemitismus und der Flüchtlingskrise?

Schuster: Mir ist es ganz wichtig zu sagen: Antisemitismus unter Muslimen gab es auch schon vor 2015. In Berlin kam es 2014 zu heftigen Demonstrationen mit Parolen wie "Kindermörder Israel" oder "Juden ins Gas". Daraufhin gab es dann die Kundgebung "Nie wieder Judenhass". Ich denke eher, dass das politische Klima insgesamt zu steigendem Antisemitismus führt.

heute.de: Was macht Ihnen Hoffnung?

Schuster: Die breite Unterstützung aus der Gesellschaft. Und viele Projekte machen uns Hoffnung. Aktuell hat der Zentralrat der Juden ein Projekt mit Unterstützung der Bundesregierung gestartet. Es geht darum, Vorurteile zwischen Juden und Muslimen abzubauen. Und zwar von beiden Seiten, denn auch wir Juden haben Vorurteile über Muslime. Das Schöne an dem Projekt ist: Es geht nicht um Verbände und Funktionäre, sondern um Individuen, die sich einfach als Menschen begegnen.

Das Interview führte Raphael Rauch - auf Twitter: @raphael_rauch

Kippa - sichtbares Zeichen jüdischen Glaubens

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