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Citizen Science - Jeder kann zum Forscher werden

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Vögel in freier Wildbahn zählen oder Briefe aus dem Ersten Weltkrieg sichten: Immer öfter arbeiten Bürger an Forschungsprojekten mit. Angestrebt wird Mitarbeit auf Augenhöhe.

Historischer Liebesbrief aus dem Ersten Weltkrieg
In der Europeana werden historische Dokumente gesammelt und digitalisiert. Quelle: Europeana 14-18 / CC-BYBest-SA license

Liebesbriefe, Tagebücher, Kriegsberichte – über 220.000 private Dokumente aus der Zeit des Ersten Weltkriegs warten darauf, transkribiert, also abgetippt, verschlagwortet und mit Orts- und Zeitangaben versehen zu werden. Die Dokumente wurden von der Europeana, der von der EU finanzierten virtuellen Bibliothek, gesammelt und digitalisiert. Transcribathon heißt das Projekt, das diese Dokumente per Internet nun allen Menschen zugänglich machen will.

Jeder kann mitmachen

Man muss kein Historiker sein, um bei Transcribathon mitzumachen. Jeder, der Zeit und Lust hat, die Briefe, Postkarten und Tagebücher zu entziffern, kann das Projekt unterstützen. "Sie müssen lediglich ein Benutzerkonto anlegen und können sofort mit der Arbeit beginnen", sagt Frank Drauschke von der Berliner Agentur Facts & Files, die die Transcribathon-Webseite entwickelt hat und das Projekt koordiniert. "Durch Ihren Beitrag helfen Sie mit, die Rätsel der Dokumente zu entschlüsseln und dieses Wissen für die Zukunft zu erhalten."

Transcribathon ist nur eines von vielen wissenschaftlichen Projekten, die auf die Mithilfe von interessierten Bürgern bauen. Experten sprechen von "Citizen Science"– Bürgerwissenschaft. Die Webseite Bürger schaffen Wissen ist in Deutschland die zentrale Plattform für solche Projekte. Sie wird von der gemeinnützigen GmbH Wissenschaft im Dialog zusammen mit dem Berliner Museum für Naturkunde betrieben und vom Bundesbildungsministerium gefördert.

Am Anfang war die Vogelzählung

Der Spatz ist der häufigste Vogel in deutschen Gärten.
Mit der VogelbeobacHtung fing alles an. Quelle: Nicolas Armer/dpa

"Citizen Science" hat ihren Ursprung in den USA. Das erste Projekt, bei dem Wissenschaftler auf die Mitarbeit von Bürgern setzten, fand bereits vor über hundert Jahren und zwar zu Weihnachten 1900 statt. Ornithologen riefen damals zu einer Vogelzählung auf, dem Christmas Bird Count. Seitdem wird diese Zählung jedes Jahr durchgeführt, um Veränderungen in der Artenvielfalt zu erfassen. Mittlerweile beteiligen sich über 50.000 Menschen aus 17 Ländern Jahr für Jahr an dieser Aktion.
Hierzulande setzten sich Projekte, die auf die Mitarbeit von Bürgerforschern bauen, erst später durch – in jüngster Zeit befeuert durch die Digitalisierung und die hohe Verbreitung von Smartphones. Apps ermöglichten eine schnelle und oftmals sehr genaue Aufnahme von Daten, sagt Florence Mühlenbein, Projektmanagerin bei "Bürger schaffen Wissen". Sie können zum Beispiel beim Bestimmen von Pflanzen und Tieren helfen. "Während früher das Bestimmungsbuch zu Rate gezogen wurde, übernimmt das heute die App", so die Expertin.

Über hundert Projekte

Natürlich lässt sich nicht jedes Forschungsvorhaben mit Bürgerbeteiligung abwickeln. Geeignet sind vor allem Projekte der "beobachtenden Wissenschaft", bei denen es um die Sammlung von Daten oder wie bei Transcribathon darum geht, Dokumente online zu bearbeiten. "Momentan haben wir 103 Projekte auf unserer Plattform", sagt Mühlenbein. Gut zwei Drittel sind in den Bereichen Biodiversität und Umweltmonitoring angesiedelt. Die anderen beschäftigen sich mit Themen aus den Bereichen Geschichte, Kunst und Gesundheit.

So sind beim Projekt Clusterkopfschmerzen erforschen Betroffene aufgefordert, per App eine Art Tagebuch über ihre Beschwerden zu führen und Hypothesen über die Auslöser ihrer Schmerzen und die Wirksamkeit von Behandlungsmethoden zu formulieren. "Reparieren statt wegschmeißen!" heißt es bei Repara/kul/tur, einem Projekt der TU Berlin, das sich mit Reparatur-Cafés und Offenen Werkstätten beschäftigt. Und wer auf seinem PC oder Smartphone freie Rechenkapazitäten hat, kann bei yoyo@home mitmachen und einen Teil seiner Rechenleistung für rechenintensive Forschungsarbeiten zur Verfügung stellen.

"Dialog auf Augenhöhe"

Wissenschaftliche Studien kosten Geld. Projekte, die auf die Mitarbeit von Laienforschern setzen, können kostengünstiger umgesetzt werden – etwa wenn es darum geht, über einen längeren Zeitraum kontinuierlich Umweltdaten zu sammeln. Sind Bürgerwissenschaftler also nur als kostenlose Hilfskräfte gefragt, um Routineaufgaben zu erledigen und die Kosten eines Projekts zu senken?

"Citizen Science leistet einen wichtigen Beitrag zu einer demokratischen, transparenten und in der Gesellschaft verankerten Wissenschaft", sagt David Ziegler von "Bürger schaffen Wissen". Ein solcher Ansatz schließe aus, dass Bürgerforscher von Wissenschaftlern lediglich benutzt würden, um Studien kostengünstig zu erstellen. Ihr aktiver und souveräner Beitrag zum Projekt müsse gewährleistet sein, meint Ziegler. Im besten Fall entwickele sich daraus dann ein "Dialog auf Augenhöhe".

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