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Schere zwischen Arm und Reich - Jeder Zehnte armutsgefährdet – trotz Arbeit

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Die Wirtschaft in Deutschland brummt. Trotzdem ist fast jeder zehnte Deutsche von Armut bedroht – und das trotz Arbeit. Woran liegt das? Und wie lässt sich das ändern?

Lagerist
Lagerist Quelle: imago

12.880 Euro – diese Summe entscheidet, ob ein Deutscher von Armut bedroht ist oder nicht. Wer im Jahr 2016 weniger Geld zum Ausgeben hatte, gilt laut dem Europäischen Statistikamt (Eurostat) als armutsgefährdet. Und das traf auf fast jeden zehnten Erwerbstätigen über 18 Jahren in Deutschland zu. Laut Markus Promberger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung liegt das besonders an der Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse, deren Entlohnung und Stabilität unterdurchschnittlich sei: "Man könnte sagen: Das was früher Arbeitslosigkeit, strukturelle Arbeitslosigkeit oder ein Teil davon war, hat sich mittlerweile in prekäre Beschäftigung verwandelt."

Zugespitzt bedeutet das, wer 2005 noch als arbeitslos galt, ist heute vielleicht prekär beschäftigt. Wenngleich Promberger einschränkt, dass man keine Aussage über die einzelnen Biografien treffen könne. Er stellt allerdings fest: "Was wir auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene beobachten ist, dass sich die Arbeitslosigkeit im gleichen Zeitraum verringert, in dem die prekäre Beschäftigung anwächst."

Weniger als 1.073 Euro im Monat – trotz Arbeit

Seit Jahren steigt die Zahl derer, die arbeiten und trotzdem nicht genügend haben, um ein normales Leben zu führen. Urlaub ist nicht drin, größere Anschaffungen wie ein Auto schon gar nicht. Selbst für ein paar Restaurant-Besuche mit Freunden reicht es selten. 2006 lag die Zahl der Deutschen, denen es so ging, noch bei 4,8 Prozent. Zehn Jahre später sind es fast schon doppelt so viele.

Infografik: Armutsgefährdung in Deutschland
Quelle: Eurostat

Ihnen stehen weniger als 60 Prozent des deutschen mittleren Einkommens zur Verfügung – für 2016 bedeutet das konkret: Weniger als 12.880 Euro oder umgerechnet etwa 1.073 Euro im Monat.

Gleichzeitig attestieren die sogenannten Wirtschaftsweisen der deutschen Wirtschaft eine Boomphase. Sie warnen sogar davor, dass sie sich überhitzen könnte. Die Arbeitsagentur meldet Rekordzahlen: Niedriger war die Arbeitslosenquote seit der Wiedervereinigung nicht. Eigentlich müsste es den Deutschen also so gut gehen wie lange nicht. Es herrscht fast Vollbeschäftigung. Doch genau hier liegt das Problem. Eine Arbeitsstelle schützt längst nicht mehr davor, in Armut abzurutschen. Das zeigen die aktuellen Zahlen von Eurostat. Während die Zahl der Arbeitslosen gesunken ist, ist die Zahl derer, die zwar arbeiten und trotzdem nahe der Armutsgrenze leben, gewachsen.

Trendwende durch mehr Bildung und mehr Mindestlohn

Um das zu ändern, bräuchte es eine Mischung aus langfristigen und kurzfristigen politischen Maßnahmen. Langfristig müsse die Politik Bildungsinvestitionen besonders auf die Gruppe der Armen lenken, sagt Promberger: "Dabei muss man verstärkter, als dies jetzt schon geschieht, auf nachholende berufliche Qualifikationen setzen. So dass die Menschen einen Bildungsaufstieg schaffen, was ihnen letztlich stabilere Jobs und höhere Löhne bringt."

Promberger räumt aber auch ein, dass dies nicht mit allen gelingen werde, ein Teil werde immer ungelernt oder angelernt bleiben. "Dafür braucht es den Mindestlohn, der konsequent ausgebaut werden muss. 8,50 Euro sind zu wenig. Das führt einen nicht weit übers Existenzminimum, je nachdem wie man es berechnet, und ob man Kinder zu versorgen hat. Das ist noch kein sicherer Abstand zur Armutsgrenze, auch weil man diese Jobs sehr leicht wieder verliert."

"Masse für Umverteilung ins Sozialsystem und Löhne"

Die Zeit sei reif für solche Investitionen, gerade weil die deutsche Wirtschaft in den letzten Jahren regelrecht gebrummt habe. "Jetzt haben wir tatsächlich Masse für die Umverteilung ins Sozialsystem, aber auch für Löhne. Dadurch käme auch ein Wachstumseffekt hinzu, die Binnennachfrage würde gestärkt. Das könnte dazu beitragen, dass unser Wachstum nachhaltiger wird", erklärt Promberger.

Die Arbeitnehmer dürften sich allerdings nicht nur auf die Politik verlassen, damit sich die Schere zwischen Arm und Reich wieder schließe. "Ich würde den Menschen in Niedriglohnjobs raten, sich zu organisieren und für bessere Bedingungen einzusetzen. Der Staat alleine wird es nicht richten." Oft gehe dies auf niedrigerer Ebene einfacher. "Wenn sich benachteiligte Arbeitnehmer in einem Betrieb zusammentun, dann können sie auch in kleineren Gruppen zum Betriebsrat oder zum Chef gehen. Dann möchte ich den Chef sehen, der nicht schaut, ob er ihnen entgegenkommen kann, gerade bei der guten Arbeitsmarktlage momentan." Promberger nimmt aber auch die Arbeitnehmer in die Pflicht und fordert von ihnen, "selbst in berufliche Bildung zu investieren. Bildung und Organisation - altmodisch aber richtig, meine ich".

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