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Jelinek-Uraufführung in Hamburg - Trumps Welt als "Muppet Show"

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Elfriede Jelineks Stück "Am Königsweg" kreist um einen US-Präsidenten, Turbokapitalismus und Rechtspopulismus. Unter großem Beifall ist das Werk in Hamburg uraufgeführt worden.

Archiv: Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg
Archiv: Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg Quelle: dpa

Eine erste Lesung gab es schon im März in New York, im Sommer dann strahlte der Bayerische Rundfunk eine Hörspielfassung aus. "Am Königsweg", das neue Stück der österreichischen Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, kreist um US-Präsident Trump und wird seit Monaten heiß diskutiert. Umso größer war die Spannung vor der Uraufführung am Samstagabend im ausverkauften Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Am Ende spendeten die Zuschauer der revueartigen Inszenierung von Falk Richter mit acht Darstellern sowie Figuren aus der Fernseh-"Muppet Show", die mit Pistolen herumfuchteln, und Kasperpuppenspiel in einer Loge stürmischen Beifall.

Blindheit als Leitmotiv

Blindheit ist das Leitmotiv dieser Aufführung, die den Zuschauer mit gigantisch wilden Bildern, grellen Tönen und teils wüsten Wort-Kalauern zu überwältigen trachtet. "Ich arme Blinde weiß nicht, was kommt", erklärt jedoch erst einmal - bevor der altmodisch pompös bemalte Vorhang hochgeht - eine königlich auftretende, funkelnd geschmückte ältere Frau im grünen Samtumhang. Theaterlegende Ilse Ritter spielt die Person, die man wohl als zweites Ich der Autorin Jelinek ansehen darf. "Was spricht denn der Gott, was sagt er? Er sagt Ihnen eine blendende Zukunft voraus", ruft sie aus und bekundet damit ihre eigene Machtlosigkeit. "Alle von uns sind blind", raunt Ritter und blickt beschwörend ins Publikum.

Es geht um die Zusammenhänge

Dann öffnet sich die Bühne und präsentiert dreieinhalb Stunden einen Jelinek'schen, mit Klischees jonglierenden Assoziationsstrom. Zur politischen und sozialen Lage einer Welt, in der ein Mann wie der soeben als "Gott" bezeichnete Donald J. Trump zum Präsidenten der USA gewählt wird.

Die 71-jährige Jelinek soll das Werk noch am US-Wahlabend begonnen haben. Dabei geht es ihr nicht nur um eine bestimmte Person in einem fernen Land, sondern um Strukturen - um von ihr wahrgenommene Zustände und Zusammenhänge von Turbokapitalismus, Ausbeutung, Volksverdummung und Ausländerfeindlichkeit.

Riesig und hektisch flirren in Hamburg Medienbilder, die das Gesagte illustrieren. Musik dröhnt. Ein Tiger mit blutenden Augen starrt von einer Empore ins Geschehen. Ein schnörkeliger Balkon links, ein Konferenztisch rechts und ein goldener Königsthron sind weitere Utensilien einer Fake-Welt voller Anmaßung und Brutalität.

Deutsche Bank als Bösewicht

"Wenn man bewusstlos ist, kann jeder an einem herumstochern. Man fühlt es ja nicht", benennen zwei Männer und zwei Frauen, die mit blutigen Verbänden um die Augen zu blinden Sehern werden, die Situation der Bevölkerung. "Die Gewalt hat eine solche Kraft, dass sie unmöglich von selbst verschwinden wird", warnen sie. Sie sagen aber auch: "Unter Blinden kann kein Blinder König sein - er glaubt es nur."

Doch blinde Seher, die nach antiker Vorstellung die Wahrheit erkannten, spielen bei Jelinek nicht lange eine Rolle - weil eben alle Menschen blind seien. Einen Sonderpart als Bösewicht bekommt die Deutsche Bank zugeschoben: Verantwortlich gemacht für grassierende Armut und Zerstörung, wird sie im Balkon von den Muppets Waldorf und Statler als launige alte Deppen repräsentiert.

Anlehnung an Chaplins "Diktator"?

Und der titelgebende König, sarkastisch immer wieder als Gott oder auch Erlöser am Kreuz bezeichnet? Benny Claessens gibt ihn voller Wucht als dickes Kind im lachsfarbenen Rüschenhemd und Pappkrone. Ein Kind, das twittert, aber auch gern mal aufstampft und sich wütend auf den Boden schmeißt. Das vor allem aber mit der Weltkugel in Form eines Plastikballs spielt - wie die Hitler-Figur in Chaplins Film "Der große Diktator" von 1940.

Ritters Autorin - die vermutlich für die Intellektuellen insgesamt steht - formuliert denn auch zum Schluss Resignation. "Ich führe mein Wort davon", sagt die Alternde, sich ihrem Sterben nahe fühlend. 

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