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Gauck wird Gastprofessor - Der Präsident im Abklingbecken

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Sein Studium ist ewig her. Jetzt steht er auf der anderen Seite: Joachim Gauck ist Gastprofessor in Düsseldorf. Mehr Abstand zu Berlin geht fast nicht. Seine Themen sind geblieben.

Archiv: Joachim Gauck am 17.01.2018 in Interlaken (Schweiz)
Gefragter Redner: Alt-Bundespräsident Joachim Gauck. Quelle: dpa

Viel hat sich nicht geändert. Er kommt in einer Traube von Kameras und Fotografen, es sind hunderte Menschen, die ihn hören wollen und dafür lange anstehen. Das war in seiner Zeit als Bundespräsident meistens auch so. Jedenfalls wenn er nicht im Osten des Landes unterwegs war. Auch in Düsseldorf demonstriert man gegen ihn, aber mehr als fünf Studenten sind es nicht.

Zwei Vorlesungen wird er in diesem Semester an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf halten, eine Podiumsdiskussion kommt dazu. Diese Gastprofessur wird gerne an bekannte Menschen vergeben, die die wichtigen Fragen der Gesellschaft ansprechen. Helmut Schmidt hatte sie schon, Marcel Reich-Ranicki, Richard von Weizsäcker, Joschka Fischer und Ulrich Wickert auch. "Nachdenken über das Eigene und das Fremde" ist an diesem Nachmittag Gaucks Vortrag überschrieben. Sein Herzensthema der zweiten Amtshälfte.

Mehr Wissen, mehr Streit, mehr Dialog

Gauck ist gut vorbereitet, wie sich das für einen Gastprofessor gehört. Hier vermittelt nicht jemand Wissen, sondern schöpft aus seinem. Er zitiert Soziologen, Kulturhistoriker, Psychologen, garniert mit den Erfahrungen aus seinem Leben. Das ist sehr kurzweilig. Aber nicht nur das. Natürlich nicht, sonst könnte man ja die entsprechende Bücher in der Unibibliothek lesen. Die politische Botschaft bleibt. Gauck fragt, warum wir gerne in exotische Länder fahren, aber das Fremde in unserer Umgebung ablehnen? Abschottung könne nicht die Lösung sein, aber eben auch nicht die Beliebigkeit der globalen Welt. Das Bedürfnis, sagt Gauck, "nach einer Verwurzelung im Eigenen" sei unterschätzt worden. Heimat und eine weltoffene, globale Welt müssten sich aber nicht ausschließen. "Für mich hat ein Nationalstaat nur dann Chance auf eine fruchtbare Entwicklung, wenn er auf einer offenen Gesellschaft beruht."

Das klingt professoral theoretisch, angesichts der Zuwanderung in den vergangenen drei Jahren und europäischer Zerfallsprozesse ist es das aber nicht. Er sei sich nicht sicher, ob man sich über die Folgen der Migration wirklich bewusst sei, sagt Gauck. "Die Integrationspolitik wird einen langen Atem brauchen und viel Schwieriges zu gestalten haben." Statt Angst zu haben, müsse man diese Schwierigkeiten angehen. Und das heißt für ihn: Keine Parallelgesellschaften und Clan-Strukturen bei Zuwanderern akzeptieren, kein Antisemitismus, kein Ausschluss von Mädchen vom Schwimmunterricht etwa. Die Rücksichtnahme auf andere Kulturen könne nicht wichtiger sein als die Wahrung der eigenen Grund- und Menschenrechte. Und es nütze auch nichts, Zigeuner nun Sinti und Roma zu nennen. Davon gehen die Probleme des Zusammenlebens ja nicht weg. Es brauche "mehr Wissen übereinander. Mehr Dialog. Mehr Streit. Mehr Bereitschaft, im jeweils anderen unsere eigenen Ängsten, aber auch neue Chancen zu sehen."

Unterbeschäftigt scheint Gauck nicht

Dafür bekommt Gauck viel Applaus. Die Zuhörer, viele Bildungsbürger, wenig Studenten, hören ihm gerne zu. Gauck fremdelt nicht mit dem Rheinland. Eine Brise Humor und ein guter Schuss Selbstverliebtsein ist beiden eigen. Gauck ist jetzt 78 Jahre alt, vor gut elf Monaten ist er aus Schloss Bellevue ausgezogen. Fünf Jahre lang waren Jahreswechsel immer ähnlich: Aufzeichnung Weihnachten mit dem Bundespräsidenten, Aufzeichnung Weihnachtsansprache, Besuch der Sternsinger, Neujahrsempfang der Bundesregierung und sonstiger wichtiger Menschen, Neujahrsempfang des diplomatischen Corps. Jetzt sind die Termine andere.

Er wird eingeladen, um die Fastenaktion von Brot für die Welt zu eröffnen, er spricht beim Gottesdienst von Amnesty International, beim Alpensymposium in Interlaken und auch mal vor Schülern in Ribnitz-Damgarten. Er ist Laudator für Barack Obama und Can Dündar und wird selbst ständig geehrt: Ehrendoktorwürde der Universität Münster, Ludwig-Ehrhardt-Preis, Leopold-Lucas-Preis der Universität Tübingen, den Bambi. Am Samstag kommt der Carlo-Schmidt-Preis in Mannheim dazu, weitere sind schon angekündigt. Er ist nun Ehrenvorsitzender des Vereins "Gegen das Vergessen - Für Demokratie", den er selbst einst mitgründete. In Berlin-Mitte, unweit des Reichstages, hat er sein Büro, zwei persönliche Referenten, eine Sekretärin, er reist kreuz und quer durchs Land. Unterbeschäftigt scheint Gauck nicht.

"Wir leben nicht in Weimar"

Nur große Interviews zur Lage der Nation, zu Jamaika, GroKo und Co, die findet man nicht. Seinem Nachfolger sagen, wie es geht? Das schickt sich nicht. Er wolle, hatte er in einem Abschlussinterview seiner Amtszeit für die "Bild"-Zeitung gesagt, nicht den Eindruck vermitteln, "ich hielte mich für unverzichtbar - das habe ich nicht vor". Die Bemerkung, dass man angesichts der AfD-Wahlergebnisse "nicht gleich in Hysterie verfallen muss" kann er sich dann doch nicht verkneifen. "Wir leben nicht in Weimar."

Gauck bekommt mehr Einladungen, als er annimmt. Nach Verschnaufpause, wie er es sich vor einem Jahr gewünscht hat, sieht das irgendwie nicht aus. Nur Fragen, die er nicht beantworten will, beantwortet er auch nicht. "Schöne Frage, schönes Thema für ein nächstes Seminar", sagt er in Düsseldorf. Er muss nicht mehr zu allem etwas sagen. Ein Präsident im Abklingbecken.

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