Sie sind hier:

Kandidaten stehen fest - Rennen um May-Nachfolge: Johnson gegen Hunt

Datum:

Die konservative Fraktion im britischen Unterhaus hat zu Ende gewählt: Von zehn Kandidaten sind nur Boris Johnson und Jeremy Hunt übrig. Der klare Favorit: Johnson.

Britischer Außenminister Jeremy Hunt tritt im Rennen um May-Nachfolge gegen Boris Johnson an
Britischer Außenminister Jeremy Hunt tritt im Rennen um May-Nachfolge gegen Boris Johnson an
Quelle: Reuters

Die Kandidaten für die Stichwahl im Rennen um das Amt des konservativen Parteichefs und britischen Premierministers stehen fest: Außenminister Jeremy Hunt tritt gegen Boris Johnson an. Hunt bekam bei der fünften und letzten Abstimmungsrunde in der Fraktion 77 Stimmen und setzte sich damit gegen Umweltminister Michael Gove durch, der 75 Stimmen bekam. Bei der Stichwahl haben die Parteimitglieder das letzte Wort - bis Ende Juli soll feststehen, wer neuer Parteichef und damit Nachfolger von Premierministerin May wird.

Boris Johnson: Beliebter Blonder mit großer Klappe

Als Mitschüler David Camerons in Eton hat Johnson es letzterem nie verziehen, Premier geworden zu sein. Einen Posten, den er klar schon lange für sich selbst im Auge hat. Seine Hinterlassenschaft als Londoner Bürgermeister ist umstritten, immer wieder beeindruckte der ehemalige Journalist - noch immer zahlt ihm der "Daily Telegraph" jährlich eine Viertelmillion für seine wöchentliche Kolumne - durch seinen Wortwitz. Je wichtiger aber wurde, was der Mann sagte, desto leiser wurden die Lacher.

Als Außenminister war Johnson eine klare Fehlbesetzung. Brüssel sah in ihm von Anfang an den unehrlichen Brexit-Fan, der den Briten mehr Geld für ihre Krankenhäuser versprach, könnte man nur endlich den EU-Mitgliedsbeitrag einsparen. Auf Auslandsreisen trat er von einem Fettnapf in den nächsten.

Unverzeihlich sein Auftritt vor einem Komitee in London, vor dem er zum Fall der im Iran inhaftierten Britin Nazanin Zaghari-Ratcliffe sprechen sollte, und diese ganz gegen die Verteidigungslinie der britischen Regierung als Journalistin bezeichnete. Genau das hatten sie und ihr verzweifelt um ihre Freilassung kämpfender Mann immer bestritten. Die iranische Regierung klagte sie in Folge der umstürzlerischen Propaganda an und erhöhte ihr Strafmaß.

Doch Theresa May schmiss Johnson  nicht raus, ihr schien es besser, den unter den Mitgliedern beliebten Blonden mit der großen Klappe in ihrem Zelt zu haben. Ein Zelt, das Johnson von sich aus verließ, als May den sogenannten Chequers-Plan ankündigte. Er warf der Premierministerin vor, sie wolle aus Großbritannien einen "Vasallenstaat der EU" machen.

Im Kampf um Mays Nachfolge hat Johnson angekündigt, sein Land am 31. Oktober aus der EU zu führen - ob mit oder ohne Deal. Wie genau hat er nicht erklärt. Allerdings sagt er inzwischen auch, dass er einen ungeordneten Brexit nur als letzten Ausweg in Erwägung ziehen würde.

Hunt und das Handycap der Vergangenheit

Großbritanniens Außenminister Jeremy Hunt. Archivbild
Großbritanniens Außenminister Jeremy Hunt. Archivbild
Quelle: Matt Dunham/AP/dpa

Jeremy Hunt hat in der Kampagne 2016 für den Verbleib in der EU gestimmt. Das - so hofft das Johnson-Lager - mache ihn zu einem leichten Gegner. Die Basis fordert, nachdem Theresa May in ihren Augen versagt hat, einen hundertprozentigen Brexit-Mann an der Spitze. Und auch wenn Hunt sich inzwischen durch einen bei Konvertiten häufig anzutreffenden Übereifer auszeichnet, ist seine Vergangenheit ein schweres Handycap.

Fast sechs Jahre lang war der 52-jährige Gesundheitsminister verhasst beim ärztlichen Personal, aber ausdauernd und entschieden. In den Augen seiner Kollegen gilt er als kompetent und als Außenminister hat er sich im Gegensatz zu seinem Vorgänger nur wenige Fehltritte geleistet, sieht man mal davon ab, dass er auf dem Parteitag der Konservativen 2018 die Europäische Union mit der Sowjetunion verglich. Hunt hält einen Austritt aus der EU ohne Deal für selbstmörderisch und hat gesagt, er werde deshalb auch nicht um jeden Preis am 31. Oktober gehen.

Mehrheit der Tory-Mitglieder glaubt an Johnson

Beide Kandidaten werden in den kommenden vier Wochen durchs Land ziehen und gemeinsam vor der Basis auftreten. Das erste sogenannte "Husting" findet am Samstag in Birmingham statt, das letzte am 17. Juli in London. Dann liegt die Entscheidung bei den rund 130.000 konservativen Parteimitgliedern im Land. Per Briefwahl bestimmen sie, wer Großbritanniens nächster Premier wird. Und die Basis der Konservativen ist wild entschlossen, den Brexit durchzuziehen, je schneller, desto besser - und fast egal um welchen Preis. Selbst das Auseinanderbrechen des Vereinigten Königreichs nehmen sie in Kauf. 

In einer kürzlich von "yougov" geführten Umfrage unter den Tory-Mitgliedern gaben 63 Prozent an, sie würden eher Schottland aufgeben als den Brexit, 61 Prozent sagten, der Austritt aus der EU sei ihnen wichtiger als ein gutes Wirtschaftswachstum, 59 Prozent könnten auf Nordirland verzichten und immerhin 54 Prozent würden das Ende der konservativen Partei ertragen, wenn nur endlich der Brexit käme.

Nur bei der Frage, ob es der Brexit wert sei, dass Jeremy Corbyn Premierminister wird, entschied sich eine Mehrheit dagegen. Ähnlich entschieden reagieren die Tories auch bei der Frage nach dem nächsten Premier. 77 Prozent glauben, dass Johnson den Job gut machen wird. Wenn also in den nächsten Wochen nicht noch etwas Unvorhergesehenes geschieht, rückt der Tag näher, an dem Boris Johnson sein Glück versuchen kann, das Königreich aus der EU zu führen. Das Ergebnis der Kandidatenkür wird für die Woche vom 22. Juli erwartet.

Die Autorin auf Twitter: @dianayz

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.