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Britischer Politologe - "Johnson hat keinen klaren Kompass"

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Hart ins Gericht mit dem neuen Premier Boris Johnson geht der Politologe Colin Talbot. Er rechnet mit unberechenbaren Überraschungen. Das Brexit-Datum hält er für "lächerlich".

Boris Johnson vor seinem Büro in London
Boris Johnson vor seinem Büro in London
Quelle: reuters

Nach Einschätzung des Politologen Colin Talbot ist der neue britische Premierminister Boris Johnson kaum berechenbar. Selbst ein zweites Referendum würde ihn nicht überraschen.

heute.de: In Deutschland reibt man sich die Augen: Wie konnte es Boris Johnson nur in die Downing Street schaffen?

Colin Talbot: Die konservative Partei hat sich von einer Pro-EU-Partei zu einer Brexit-Partei gewandelt. Als Schlüsselfigur in der Brexit-Kampagne war Boris Johnson eine naheliegende Wahl, um die Konservativen durch den Brexit zu führen. 2016 ist er gescheitert, weil er sich damals mit Michael Gove gezofft hatte, der ebenfalls ein Brexit-Befürworter ist. Nun war die Zeit reif.

heute.de: Die Briten haben sich immer über die Amerikaner und Donald Trump lustig gemacht. Nun ist mit Johnson ein Populist britischer Premier.

Talbot: Es gibt in der Tat viele Ähnlichkeiten zwischen Trump und Johnson. Beide sind gut darin, offen zu lügen und rassistische Vorurteile zu bedienen. Beide haben sich auch um ein gewisses öffentliches Image bemüht. Boris Johnson heißt eigentlich Alexander Johnson und wird von seiner Familie und seinen Freunden "AJ" genannt. Seine "Boris"-Persona ist eine Marke für die Öffentlichkeit. Es gibt aber Unterschiede: Johnson ist sozialliberaler als Trump.

heute.de: Von welchen Strömungen hat Johnson profitiert?

Talbot: Vom Brexit - und dem Scheitern von Theresa May. Ihre Niederlage ging größtenteils auf Johnsons Konto und einer großen Gruppe von Ultras im Parlament, die Mays Rücktrittsangebot blockiert hatten. Johnson stimmte schließlich beim dritten Versuch selbst dafür, aber da war der Schaden schon angerichtet.

heute.de: In Deutschland kennt man Johnson vor allem als Populisten. Er war aber in Oxford, hat sogar ein Buch über Churchill geschrieben. Ist er ein verkappter Intellektueller?

Talbot: Natürlich ist Johnson intelligent, aber er lässt sich hauptsächlich von persönlichen Ambitionen leiten. Als Kind wollte er angeblich "König der Welt" sein. Seine "Biografie" - ich setze hier bewusst Anführungszeichen - über Churchill ist größtenteils eine Projektion von Johnsons eigener Persönlichkeit. Die meisten seriösen Historiker halten sie für Müll.

heute.de: Was ist Johnsons größtes Talent?

Talbot: Er ist ein Geschichtenerzähler und ein Entertainer. Seine Karriere begann im Journalismus, allerdings hatte er dort einen zweifelhaften Ruf. Was nicht in seine Geschichten passte, wurde passend gemacht - zulasten der Fakten. Seine Berichterstattung aus Brüssel für eine der wichtigsten britischen Zeitungen bestand aus völlig erfundenen und verzerrten Horrorgeschichten über die EU.

heute.de: Wenn man das laute Poltern abzieht: Wofür steht Boris Johnson?

Talbot: Johnson hat keinen klaren moralischen oder politischen Kompass.

heute.de: Wofür steht seine Wirtschaftspolitik?

Talbot: Er ist sozialliberaler als Trump und ich vermute, dass er ein ziemlich keynesianischer und finanziell liberaler Premierminister sein wird.

heute.de: Welche Meinung hat er zur Flüchtlingspolitik?

Talbot: Johnson hat nicht viel über Flüchtlinge gesagt. In der Vergangenheit vertrat er ziemlich liberale Positionen zur Einwanderungspolitik.

heute.de: Steigen mit der Wahl von Boris Johnson die Chancen auf ein zweites Referendum - weil Labour jetzt ein plakatives Feindbild hat?

Talbot: Die britische Politik fragmentiert sich rapide. In England gibt es jetzt vier Parteien, die auf jeweils etwa 20 Prozent der Stimmen kommen: die Konservativen, die Labour Party, die Liberaldemokraten und die neue Brexit-Partei. Hinzu kommen die Grünen mit fast zehn Prozent. In Schottland und Wales schneiden auch die nationalistischen Parteien gut ab.

heute.de: Welches Brexit-Szenario ist aus Ihrer Sicht am realistischsten?

Talbot: Ich wüsste nicht, warum Johnson ein wesentlich anderer Deal gelingen sollte als Theresa May. Die Chancen, dass er ihn durch das Parlament bekommt, sind sehr gering. Ebenfalls sehr gering sind die Chancen auf einen "No Deal"-Brexit. Die Mehrheit des Parlaments will einen Deal.

heute.de: Gelingt der Brexit zum 31. Oktober?

Talbot: Dieser Zeitplan ist lächerlich. Es müssen massenhaft Gesetze verabschiedet werden, aber das Parlament hat dafür nur vier Wochen Zeit. Das Parlament kann aber erst dann mit der Arbeit beginnen, wenn es weiß, wohin die Reise gehen soll.

heute.de: Was sollten wir sonst noch über Johnson wissen?

Talbot: Johnson ist durchaus in der Lage, Versprechen zu brechen - er hat es häufig in der Politik, in der Arbeit und in seinem Privatleben getan. Um ehrlich zu sein: Bei Johnson würde mich nichts überraschen. Auch nicht, wenn er eine Parlamentswahl oder ein zweites Referendum anberaumen würde.

Das Interview führte Raphael Rauch. Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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