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Nachfahre Martin Luthers - "Hier stehe ich und ich bin anders"

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Zur Predigt mit Luther? Das geht, in Bergisch-Gladbach. Dort lebt Jona Luther, Nachfahre von Martin Luthers Bruder Jacob.

Martin-Luther-Denkmal in Eisenach
Martin-Luther-Denkmal in Eisenach Quelle: dpa

heute.de: Der Name Luther hat großes Gewicht. Empfinden Sie dieses eher als Bürde oder als Antrieb?

Jona Luther: Also eigentlich weder noch. Ich bin vor allem ich selber - auf jeden Fall nicht Martin Luther, und das will ich auch nicht sein. Ich bin stolz auf das, was ich in meinem Leben erreichen kann und erreicht habe. Dass in meiner Ahnenreihe ein Martin Luther auftaucht, hat mit meinem Leben erst einmal nicht so viel zu tun. Man könnte es auch mit einem leicht abgewandelten Zitat Luthers sagen: "Hier stehe ich und ich bin anders."

heute.de: Und wie sehen das andere? Wie begegnen Ihnen Menschen, sobald sie wissen, dass Sie ein direkter Nachfolger der Familie des berühmten Reformators sind?

Luther: Natürlich kommt oft die Standardfrage, ob der Name ein Zufall ist oder ob wir verwandt sind. Meist ist es dann aber auch gut. In seltenen Fällen wird dann weiter nachgehakt, und manchmal entwickeln sich darüber auch Gespräche über Kirche und Glauben. Im Heimatland meiner Frau ist das übrigens anders. Sie stammt aus Südkorea, und dort haben Herkunft und Tradition der Familie ein größeres Gewicht als hier bei uns in Deutschland. Da kommt es schon vor, dass man mir und dem Namen Luther mit größerer Ehrfurcht begegnet.

heute.de: In Südkorea kennt man Martin Luther?

Luther: Aber ja, das Christentum ist in Südkorea sogar sehr weit verbreitet. Wenn man durch Seoul geht, sieht man an vielen Gebäuden ein Kreuz.

heute.de: Über Martin Luther weiß man ja eine Menge. Aber weiß man eigentlich Näheres darüber, wie Ihr Urahn Jacob Luther, der Bruder von Martin, gelebt hat?

Luther: Ich weiß da genau so wenig wie Sie. Ich halte auch nicht viel von diesem Kult um Ahnenreihen. Mein Vater hat schon gesagt: Es bringt nichts sich zu feiern, weil man einen berühmten Vorfahren hat. Aber natürlich kann und sollte man sich mit Martin Luther befassen, wenn man über Glaube und Kirche redet. Jeder kann ihn so näher kennenlernen. Aber nur wegen des Namens ist man ja nicht näher dran.

heute.de: Andererseits: Ihr Großvater war Pfarrer, Ihr Vater ebenso und Sie selbst sind in Ihrer Gemeinde als Prädikant aktiv - verpflichtet der Name Luther irgendwie dann doch?

Luther: Plus meine zwei Onkel, die ebenfalls Pfarrer sind, und meine Schwester, die Religionslehrerin geworden ist. Wahrscheinlich ist das einfach so, wenn man in einer Familie aufwächst, in der der Vater Pfarrer ist. Das prägt. Für uns gehörte Kirche schon als Kinder zum Alltag, Gespräche über Gott und die Welt waren da ganz normal.

heute.de: Haben Sie da auch schon mitbekommen, wie sich die Einstellungen zum Glauben und zur Kirche gewandelt haben?

Luther: Als Kind eher nicht, aber später habe ich mit meinem Vater so manchen Kampf über kirchliche Themen ausgefochten. Zum Beispiel über den Sinn und Unsinn der Konfirmation, die eigentlich als freie Entscheidung zur christlichen Gemeinschaft die "Zwangstaufe" als Baby im Nachhinein legitimieren soll. Wenn man aber daran teilnimmt, weil gesellschaftlicher Druck aufgebaut wird oder Oma dann ein Mofa schenkt, ist der Sinn wieder ausgehebelt. Auch wenn Eltern sonntags ihre Konfirmandenkinder alleine zum Gottesdienst schicken und nicht mitgehen, muss man darüber nachdenken und reden.

heute.de: Ist es da 500 Jahre nach der Reformation vielleicht wieder an der Zeit für neue Reformen?

Luther: Das ist ein spannendes Thema. Kommende Woche habe ich einen Gottesdienst, in dem es um ein Lied Luthers geht. Damit wurde auch lautstark singend den Feinden der Reformation entgegengetreten. Bei der Vorbereitung habe ich mir unter anderem die Frage gestellt: Mit welchen Liedern würden wir heute einer kirchenfeindlichen Demonstration begegnen? Würden die alten Lieder der Reformation da überhaupt noch passen? Vor 500 Jahren ging es ja um die Abgrenzung gegenüber der römisch-katholischen Kirche und gegenüber Strömungen der Reformation, die Luther nicht gutheißen konnte.

heute.de: Und heute?

Luther: Heute sieht die Welt anders aus, das harte Trennen von verschiedenen christlichen Konfessionen oder theologischen Strömungen sollte keine Rolle mehr spielen. Ich meine, wir Christen sollten trotz mancher Unterschiede gemeinsam in der Welt auftreten. Das kann man ein bisschen mit der vermutlich kommenden Jamaika-Koalition vergleichen: Da kommen die Beteiligten aus verschiedenen politischen Ecken, was sie aber nicht daran hindern muss und darf, gemeinsam eine gute Politik für Deutschland zu verfolgen. Wir Christen haben doch alle eines gemeinsam: das Bekenntnis zu dem einen Gott, der uns durch Jesus Christus nahegekommen ist und durch den Heiligen Geist in uns wirkt. Für uns Protestanten ist der Gegner nicht unser katholischer oder freikirchlicher Mitchrist, sondern die Entwicklung, dass Gott im Leben vieler Menschen keine Rolle mehr spielt. Wenn wir Menschen für gelebtes Christsein gewinnen wollen, können wir das nicht mit haarspalterischen theologischen Diskussionen. Wir sollten zeigen, dass es schön ist, ein Leben mit Gott und Jesus zu führen. Das muss, über alle Unterschiede hinweg, das Ziel sein.

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