Sie sind hier:

Vom Auswärtigen Amt geprägt - Fischer hat bei sich "Einiges korrigiert"

Datum:

"Die Jahre im Auswärtigen Amt haben anscheinend doch veranlasst, dass er bei sich selbst Einiges korrigiert hat", so Wolfgang Gerhardt in einem Gastbeitrag über Joschka Fischer.

Archiv: Joschka Fischer
Joschka Fischer Quelle: dpa

Es gibt wohl kaum eine Persönlichkeit in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, die einesteils sehr einheitlich, andernteils sehr umstritten besprochen, erörtert und diskutiert worden ist wie Joschka Fischer. Auch ich gehöre zu denen, die sich mit unterschiedlichen Bildern von ihm zu befassen hatten, die diese entgegengenommen haben, hin und wieder besprochen und kommentiert haben. Am Ende bleibt eine Bewertung, die auch ein Stück seinem von ihm selbst bestimmten Lebenslauf entspricht. Ich habe seine Lebensgeschichte, wie andere auch, mit Zurückhaltung, auch in Teilen mit kritischen Bemerkungen begleitet, seine Haltungen zumindest in der Anfangsphase oft arrogant und besserwisserisch empfunden und das auch in einer Bundestagsdebatte gesagt.

"Geradlinig unkompliziert"

Wenn man versucht, Menschen gerecht zu werden, muss man sich allerdings auch in gewissen Abständen immer selbst überprüfen, ob man zu weiteren Erkenntnissen und damit zu weiterer Beurteilung kommt, wenn man sich selbst auch kritisch in eigener Meinungsbildung hinterfragt. Die Aufsätze, die ich heute von ihm lese, die Beurteilung internationaler Sachverhalte, die er sehr geradlinig unkompliziert, aber ich muss zugeben, meist sachangemessen trifft, teile ich in der überwiegenden Zahl seiner Veröffentlichungen.

Ein Mensch ist immer Kind seiner Zeit, auch Kind seiner Umstände, auch Kind seines Umfeldes. Aber man muss so offen sein, dass man auch seine Entwicklung angemessen beurteilt und ihr nicht nur mit Vorurteilen begegnet. Die Jahre im Auswärtigen Amt, die vielfältigen internationalen Begegnungen, einfach die dringende Kenntnisnahme von Realitäten, haben aus meiner Sicht anscheinend doch veranlasst, dass er bei sich selbst einiges korrigiert hat. Er kann deshalb von einem Betrachter auch verlangen, dass er sich selbst damit beschäftigt und eine neue Überlegung erstnimmt und sie nicht nur deshalb ablehnt, weil man früher vielleicht andere Positionen vertreten hat.

"Ich korrigiere einen Teil meines früheren Urteils"

Die Chance, dass sich Schritt für Schritt Positionen entwickeln werden, die einen Prozess in Gang gesetzt haben, muss man ernst nehmen. Deshalb, aufgefordert heute etwas zu Joschka Fischer zu sagen, muss ich mir selbst eingestehen, dass ich einen Teil meines früheren Urteils gerne korrigiere, weil ich davon ausgehe, dass auch Joschka Fischer sich weiterentwickelt hat.

Die Begegnungen mit den wirklichen Realitäten bei Beibehaltung des Wunsches, etwas zu verändern, bringt eben doch immer auch ein Stück neue Politik hervor. Ralf Dahrendorf hat das einmal recht zutreffend beschrieben mit der Äußerung, dass Politik, wenn man sie betreiben will, immer auch auf eine Veränderung  abzielt. Dass sie aber keine Wirkung entfalten kann, wenn sie Realitäten ignoriert oder in Wunschdenken argumentiert.

"Ich würde ein Glas Wein mit ihm trinken"

Eigentlich ist das nach meiner Einschätzung der Entwicklungsweg von Joschka Fischer. Dass er ihn beschritten hat, ist anzuerkennen, und dass er auf diesem Weg auch ein gutes Stück für die deutsche Außenpolitik vorangekommen ist, finde ich sehr angemessen und akzeptabel. Er hat sich zu einem respektablen Außenpolitiker entwickelt. Er hat die Welt gesehen, wie sie ist, ohne aufzugeben, sie in seinen Gedanken weiterzuentwickeln, die in jedem Schritt nicht unbedingt meine sein musste.

Aber er hat sich bewegt. In Deutschland hat man dazu eine vielleicht immer etwas schwierige Einstellung. Wenn jemand sich bewegt, glaubt man, er ließe Prinzipien so einfach dahingleiten und sei eher opportunistisch veranlagt, als dass er standfest bleibe. Das ist nicht meine Beurteilung. Die Weiterentwicklung, die Betrachtung der Wirklichkeit, die Joschka Fischer in den letzten Jahren und auch schon in den Zeiten als Außenminister sich angelegt hat, trifft auf meine Zustimmung. Deshalb würde ich seinen Weg beurteilen als Kind seiner Zeit, wie ich es im Grunde genommen auch bin, wenn auch mit gänzlich anderem Lebenslauf.

Aber am Ende sehe ich eine Entwicklung einer Position, die in den internationalen Bezügen anregend, kein Blatt vor dem Mund nehmend, realitätsbezogen, aber deshalb nicht starrsinnig ist. Sie findet bei mir - mit Blick auf frühere, deutlichere Abgrenzungen - heute eine durchaus zustimmende Wertschätzung. Wenn er mich anriefe und vorschlüge, ein Glas Wein zusammen zu trinken, würde ich seine Einladung annehmen.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.