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Nach dem Putschversuch in der Türkei - "Alles ist viel riskanter geworden"

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Ein Jahr nach dem Militärputsch ist die Türkei tief gespalten. Selbst Familien sind zerstritten. Jeder, der protestiert, muss um Job und Freiheit bangen. Auch der Journalist Bülent Mumay wurde inhaftiert. Das ganze Leben sei riskanter geworden, sagt er im Gespräch mit heute.de. Aber es gebe auch Hoffnung.

Was wirklich geschehen ist, in der Nacht vom 15. Juli 2016 ist noch immer nicht hundertprozentig geklärt. Was die Folgen sind, ist bekannt: 115.000 Menschen wurden bislang aus ihren Arbeitsverhältnissen entlassen, 55.000 Menschen verhaftet. Auch die …

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heute.de: Was hat sich in der Türkei seit dem Militärputsch verändert?

lent Mumay: Alles und nichts. Mit nichts meine ich, dass wir schon vor dem Putsch eine sehr autoritäre Regierung hatten, die den politischen Druck in den vergangenen vier bis fünf Jahren stetig erhöht hat. Das hat die Gesellschaft gefährlich gespalten, in diejenigen, die die Regierung unterstützen, und diejenigen, die mit diesem Vorgehen nicht einverstanden sind. Mit alles meine ich, dass nach dem Putsch die Spaltung der Gesellschaft noch tiefer geworden ist und der Druck der Regierung zugenommen hat. Alles ist viel riskanter geworden.

heute.de: Wie drückt sich das aus?

Mumay: Alle sind misstrauisch, und die Regierungsfans beschuldigen die anderen als Terroristen.

heute.de: Gibt es auch Streit in Familien und unter Freunden?

Mumay: Ja, vor allem in traditionellen und religiösen Familien. Weil diese Leute entweder Anhänger von Recep Tayyip Erdogan oder Fethullah Gülen waren. So lange die beiden mächtigen Männer sich einig waren, war alles in Ordnung. Aber als sie anfingen zu kämpfen, haben sich Menschen auf die eine oder die andere Seite geschlagen. Das führte sogar so weit, dass sich Paare trennten oder scheiden ließen. Zudem streiten Unterstützer der Regierungspartei AKP und Nichtreligiöse. Sie verdächtigen sich gegenseitig und hegen gegeneinander Vorurteile.

heute.de: Wenige Tage nach dem Putsch wurden Sie selbst festgenommen. Warum?

Mumay: Wenn Sie Journalist in der Türkei sind, gibt es Anschuldigungen, die wir alle kennen, wie "Beleidigung des Präsidenten" oder "Anstiftung zur Spaltung der Gesellschaft". Darauf war ich gefasst. Nach der Festnahme war ich allerdings schockiert, als mir vorgeworfen wurde, ich hätte den "Gülen-Putsch" unterstützt. Das war das Dümmste, was ich je gehört hatte. Lange Zeit haben Erdogan und Gülen zusammengearbeitet. 2010 verhafteten Gülen-Anhänger in der Polizei Journalisten. Ich habe damals dagegen protestiert und an einem Marsch gegen Gülen in Istanbul teilgenommen. Das alles weiß die Regierung natürlich. Aber sie versucht, alle ihre Gegner einzuschüchtern.

heute.de: Ihnen konnte nichts nachgewiesen werden?

Mumay: Nein, sie hatten keine Beweise. Nach vier Tagen haben sie mich freigelassen. Aber viele meiner Freunde sind noch immer im Gefängnis. Im Vergleich zu ihnen darf ich mich nicht beschweren. Es ist mir fast peinlich, wenn ich im Internet im Zusammenhang mit meinem Namen "Putsch und Festnahme“ lese. Aber ich kann in türkischen Medien nichts mehr veröffentlichen. Ich hatte meinen Job schon vor dem Putsch auf Druck der Regierung verloren. Jetzt aber würde mir überhaupt niemand mehr einen Auftrag geben.

heute.de: Nach dem Putsch wurden mehr als 50.000 Menschen festgenommen, darunter 150 Journalisten. Wie groß ist die Solidarität mit den Inhaftierten in der Türkei?

Mumay: Leider nicht sehr groß. Die Regierung setzt alle unter Druck. Wer einen gefangenen Journalisten unterstützt, riskiert nicht nur seinen Job, sondern auch seine Freiheit. Zwei Akademiker, die mit dem Putsch nichts zu tun hatten, Nuriye Gülmen und Semih Özakca, sind gegen ihre Entlassung aus dem Staatsdienst vor vier Monaten in den Hungerstreik getreten. Und was hat die Regierung gemacht? Sie wieder eingestellt? Nein, sie hat die beiden hinter Gitter gebracht, wo sie immer noch im Hungerstreik sind.

heute.de: Tut Europa genug, um den Menschen zu helfen?

Mumay: Einzelne und Nicht-Regierungsorganisationen zeigen viel Solidarität. Aber die Regierungen heucheln, sie gehen nur winzige Schritte oder tun gar nichts. Ihre internationalen und nationalen Interessen hindern sie daran, ihre Stimmen laut zu erheben.

heute.de: Vor einem Jahr sagte Erdogan, der Putsch sei ein Geschenk des Himmels. Was wollte er denn damit sagen?

Mumay: Ich glaube, dieser Satz wurde in der westlichen Presse überbewertet. Er meinte: Seht her, welches Desaster die Gülen-Anhänger angerichtet haben, Gott sei Dank, sind wir sie los.

heute.de: Am vergangenen Wochenende konnte die Oppositionspartei CHP Hunderttausende in Istanbul zum Protest mobilisieren. War das eine Eintagsfliege oder der Beginn einer Hoffnung?

Mumay: In den ersten Wochen nach dem Putschversuch unterstützen fast 99 Prozent der Gesellschaft die Regierung in ihrem Kampf gegen die Putschisten. Es war die Regierung, die diese Einigkeit zerbrach und den Notstand ausrief. Sie feuerte Tausende Offiziere und Akademiker, die keine Verbindung zum Putsch hatten. Das liberale und linke Personal wurde aus dem ganzen öffentlichen System entlassen. Das hat die Betroffenen wütend gemacht. Beim Verfassungsreferendum haben dann schon 49 Prozent der Wähler mit Nein gestimmt. Das war ein Hoffnungsschimmer für die Opposition. Und der Gerechtigkeitsmarsch der vergangenen Wochen von Ankara nach Istanbul war auch ein wichtiger Meilenstein.

Es sieht so aus, als ob die Opposition weiter wachsen wird. Und die Wirtschaftsdaten der Türkei und das internationale Ansehen der Regierung sehen nicht so gut aus. Aber es ist noch ein langer Weg bis zu den Präsidentschaftswahlen 2019.


Das Interview führte Katharina Sperber.

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