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Anne Frank als Vorbild - "Sie hat den Optimismus nicht verloren"

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Vor 90 Jahren wurde Anne Frank geboren. Sie gilt als bekanntestes Opfer des Holocaust. Ihre Botschaft der Hoffnung sei immer noch aktuell, sagt die jüdische Studentin Lena Prytula.

Anne Frank
Anne Frank starb im Februar 1945 im KZ Bergen-Belsen, ihr Tagebuch wurde weltberühmt.
Quelle: ap

heute.de: Wofür bewundern Sie Anne Frank?

Lena Prytula: Anne Franks Hoffnung berührt mich - selbst in einer ausweglosen Situation hat sie den Optimismus nicht verloren. Und sie hat ein wichtiges Zeugnis über das Leben in Angst, Verfolgung und Unterdrückung verfasst. Es ist eine Mahnung für uns alle.

heute.de: Wann haben Sie zum ersten Mal das Tagebuch der Anne Frank gelesen?

Prytula: Im Alter von zwölf Jahren habe ich es versucht. Aber mir war’s dann zu heftig und ich habe die Lektüre abgebrochen. Mit 16 habe ich das Tagebuch dann komplett gelesen.

heute.de: Hat die Lektüre Wunden in Ihrer Familiengeschichte aufgerissen?

Prytula: Nein, meine engen Vorfahren sind glücklicherweise nicht im KZ gelandet. Aber als Jude fühlt man sich automatisch dem Holocaust verbunden. Es ist wichtig, dass wir der Shoah gedenken - auch, damit so etwas nie wieder passiert. Juden wurden verfolgt und vernichtet, nur weil sie Juden waren. Das ist eine Tragödie für die ganze Menschheit. Wir sind dazu da, um zu sagen: Wehret den Anfängen! So etwas kann sich leider weiderholen.

heute.de: Erleben Sie in Ihrem Alltag Antisemitismus?

Prytula: Ja, leider. Ich trage eine Kette mit einem Davidstern um den Hals. Da werde ich schon manchmal dumm angeschaut. Abends traue ich mich manchmal nicht allein aus dem Haus. Besonders schlimm war es in der Grundschule.

heute.de: Was haben Sie damals erlebt?

Prytula: Ein muslimischer Junge hat mich ins Jungenklo eingesperrt und mich als Jüdin beschimpft. Es fielen Sprüche wie "Du Judensau" und "Du gehörst vergast". Die Lehrer haben weggeschaut, nichts ist passiert. Auf dem Gymnasium war es dann besser.

heute.de: Als angehende Lehrerin werden Sie das sicher anders handhaben.

Prytula: Mobbing unter Kindern und Jugendlichen ist leider ein großes Thema. Da entstehen tiefe Verletzungen. Ich möchte als Lehrerin dafür sorgen, dass sich jeder wohl fühlt und sich frei entfalten kann.

heute.de: Was empört Sie am meisten?

Prytula: Jüdisches Leben ist in Deutschland nach wie vor nicht normal. Ich muss mir vieles anhören, wenn ich sage, dass ich Jüdin bin. Dann fallen Sätze wie: "Du siehst gar nicht jüdisch aus." Oder: "Ich dachte, nach 1945 gab es gar keine Juden mehr in Deutschland." Mich empört auch, dass Juden in Berlin Angst haben, eine Kippa zu tragen oder ein israelisches Restaurant zu besuchen. Das Judentum sollte so selbstverständlich sein wie das Christentum und der Islam.

heute.de: Wie wichtig ist Ihnen das Judentum persönlich?

Prytula: Ich engagiere mich in der jüdischen Studentenarbeit. Ich bin aber nicht streng religiös. Der Schabbat ist mir zu anstrengend, aber ich feiere jüdische Feste und halte die Fasttage ein. Ich esse kein Schweinefleisch, achte sonst aber nicht darauf, ob das Essen koscher ist oder nicht. Ich lebe wie die meisten Juden das Judentum ganz locker.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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