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Jüdischer Gemeindetag - "Worüber reden wir eigentlich?"

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Kippa tragen, Chanukka feiern: Jüdisches Leben in Deutschland gehört natürlich dazu. Und doch ist das Eis dünn. Die Ängste sind da. Ein Besuch beim Jüdischen Gemeindetag in Berlin.

Als er die Zahlen nennt, geht ein Raunen durch den Saal. Eine zweistellige Prozentzahl plus wird es dieses Jahr wieder bei den antisemitischen Straftaten sein. 2018 waren es 1.800, 20 Prozent mehr im Vergleich zu 2017, sagt Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes. 2019 ist noch nicht rum, aber es werden wieder mehr sein. "Das", sagt Münch, "ist ein besorgniserregender Trend". Beleidigungen, Volksverhetzung, Körperverletzungen, bis hin zu den Anschlägen auf die Synagoge in Halle. "Sie werden Ziel bleiben", sagt Münch. Sie - das sind die Deutschen jüdischen Glaubens.

"Ein gesellschaftlicher Klimawandel"

Etwa 1.200 Besucher sind von heute bis Sonntag in Berlin beim Jüdischen Gemeindetag. Ein Treffen, das ähnlich wie die Kirchentage alle drei Jahre stattfindet und ein Gradmesser für die Stimmung unter den Juden ist. "In Deutschland zu Hause" heißt das Motto. Es stand schon lang vor dem Anschlag fest. Trotzdem, sagt Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, habe man überlegt, ob man nach Halle lieber ein Fragezeichen hinter das Motto setzen muss. Sie haben es nicht getan. "Wir sind selbstverständlich Teil der deutschen Gesellschaft", sagt Schuster. Jüdische Gemeinden ließen sich nicht mit Waffen oder Bomben vertreiben. Wer das wolle, "muss Deutschland verlassen".

Was wir brauchen, ist ein gesellschaftlicher Klimawandel. Wir brauchen nicht nur einen Ausstieg aus der Kohle, sondern auch einen Ausstieg aus Rassismus und Antisemitismus.
Josef Schuster

Halle habe trotzdem ein Umdenken bewirkt. Große Teile der Gesellschaft hätten verstanden, sagt Schuster, dass "mit Sonntagsreden" das Antisemitismus-Problem nicht zu lösen sei. Zufrieden ist der Zentralratspräsident aber lange nicht. "Was wir brauchen, ist ein gesellschaftlicher Klimawandel." Ohne Angst könnten derzeit in Deutschland Juden ihren Glauben nicht leben. "Wir brauchen nicht nur einen Ausstieg aus der Kohle, sondern auch einen Ausstieg aus Rassismus und Antisemitismus." Diese Gesellschaft müsse in ihrem Einstehen für Minderheiten ebenso engagiert sein wie in ihrem Klimaschutz-Bemühen seit Greta.

Geschändeter Friedhof nur Hausfriedensbruch?

Dass es daran im Alltag hapert, wissen viele Besucher des Gemeindetages. Pedro Benjamin Becerra zum Beispiel. Er ist Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Delmenhorst. Als der historische Friedhof mit Hakenkreuzen geschändet wird, werden nach zwei Täter gefasst. Doch weil sie sich gegenseitig beschuldigen, kann ihnen letztlich nur Hausfriedensbruch nachgewiesen werden. Die Friedhofsschändung, Störung der Totenruhe, Sachbeschädigung bleibt ungesühnt. "Worüber reden wir eigentlich?" fragt sich Becerra. Und bricht ab, weil ihm die Tränen kommen.

Harry Schnabel, Mitglied der Gemeinde in Frankfurt und im Vorstand des Zentralrates, findet, "die Strafgesetze werden in beschämenden Maße nicht angewandt". Sein Beispiel ist eine Mail an seine Gemeinde: "Advent, Advent eine Jude brennt" und weitere schlimme Sachen stehen darin. Eine Frau wird als Täterin ermittelt. Die Staatsanwaltschaft Stralsund verurteilt sie zu 900 Euro - zu zahlen an die Stiftung Luftrettung. Zu milde Urteile, unsensible Staatsanwälte und Richter, die unterschiedlich urteilen, kein Vertrauen in die Behörden - viele antisemitische Straftaten werden gar nicht erst angezeigt. Der Rechtsstaat, sagt BKA-Präsident Münch, muss sich "eindeutig" anpassen. "Wir müssen eine Kehrtwende organisieren."

Bislang, sagt Katharina von Schnurbein, Antisemitismusbeauftragte der Europäischen Kommission, "hat der politische Wille dafür gefehlt". Damit sich etwas ändert, habe "es leider die Anschläge in Europa gebraucht". Erst allmählich werde nun spürbar, dass Antisemitismus "nicht ein Problem der Juden, sondern ein Problem des Rechtsstaats ist".

"Ich bin Jude." - "Na, und?"

Thorsten Schmermund und seine Familie kennen diese Diskussionen alle. Sie gehören zur Gemeinde in Marburg. Die Enttäuschung über die Schmähmails, auch Anfeindungen des Sohnes in der Schule gab es. Trotzdem sieht er auch das Bemühen in Marburg, dass alle Glaubensgemeinschaften miteinander gut auskommen und füreinander einstehen. Das Gemeindetreffen in Berlin ist auch ein großes Fest des Glaubens, wo orthodoxe und liberale Juden miteinander streiten. "Ich bin einfach neugierig, wen man hier so trifft, auf die Gespräche", sagt Schmermund.

Das kann für den Alltag stärken. Das beste sei doch, findet Schmermund, wen jemand auf die Feststellung "Ich bin Jude" fragt "Na, und?". Doch soweit sei man in Deutschland - leider - noch nicht.

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