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Nach Pittsburgh-Massaker - "Trumps Botschaften wirken sich aus"

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Besteht ein Zusammenhang zwischen der fremdenfeindlichen Rhetorik von US-Präsident Trump und der Zunahme des Antisemitismus in den USA? Der jüdische Historiker Brenner sagt ja.

Massaker in Pittsburgher Synagoge
Massaker in Pittsburgher Synagoge
Quelle: reuters

heute.de: Wie bewerten Sie den Anschlag von Pittsburgh?

Michael Brenner: Es handelt sich dabei um den brutalsten antisemitischen Anschlag in der Geschichte der USA. Dies ist zweifellos eine große Zäsur in einem Land, in dem bisher die meisten jüdischen Einrichtungen unbewacht oder wenig bewacht waren. Dieser Anschlag hinterlässt Spuren in Bezug auf das Gefühl, sich als Jude in den USA in Sicherheit zu befinden.

heute.de: Die Synagogen in Deutschland stehen unter Polizeischutz oder haben einen Sicherheitsdienst. Warum nicht in den USA?

Prof. Dr. Michael Brenner
Michael Brenner ist Professor für Jüdische Geschichte. Der Historiker lehrt an der LMU München und an der American University in Washington. Dort leitet er das "Center for Israel Studies".
Quelle: LMU München

Brenner: Bisher wird das sehr unterschiedlich gehandhabt. Aber sehr häufig gibt es überhaupt keine Kontrollen oder Sicherheitsvorkehrungen. Die jüdischen Gemeinden - wie auch die Kirchen - werden hierzulande aus eigenen Mitgliederbeiträgen finanziert, da gibt es keine staatlichen Zuschüsse, und hohe Sicherheitsausgaben können sich die meisten schlichtweg nicht leisten. Aber es gibt natürlich jetzt Aufrufe, die Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern.

heute.de: Bereits letztes Jahr wurden viele jüdische Gräber in den USA geschändet. Jüdische Organisationen beklagen seit Jahren einen Anstieg des Antisemitismus in den USA. Wie besorgniserregend nehmen Sie die Situation in Amerika wahr?

Brenner: Selbstverständlich muss man sich Sorgen machen. Ich würde den Anstieg des Antisemitismus aber nicht isoliert betrachten. Es gab bereits Anschläge auf Kirchen, Moscheen - und nun auch auf eine Synagoge. Die Zunahme rechtsradikaler Gewalt ist zweifellos das Ergebnis einer Politik, die manchen Rechtsextremen Legitimität und Ermutigung verleiht.

heute.de: Nach Israel gelten die USA als das Land, in dem jüdisches Leben am meisten blüht. Ein Trugschluss?

Brenner: Insgesamt fühlen sich die amerikanischen Juden weiterhin sicher. Im Gegensatz zu vielen europäischen Gesellschaften ist der Antisemitismus in den USA auch weiterhin nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen und auch nicht in breiten Gesellschaftskreisen salonfähig. Das muss man ganz deutlich sagen und davor warnen, dass sich in Europa eine gewisse Schadenfreude ausbreitet, die besagt: Nun geht es den amerikanischen Juden genauso wie den europäischen. Da gibt es weiterhin beträchtliche Unterschiede.

heute.de: Wer gilt in den USA als besonders anfällig für Antisemitismus?

Brenner: Die meisten antisemitischen Anschläge in den USA rührten von Rechtsradikalen her. Im Gegensatz zu Europa ist der radikal-muslimische Terror gegen jüdische Einrichtungen in den USA nicht sehr ausgeprägt. Vielleicht muss man hinzufügen: noch nicht.

heute.de: US-Präsident Donald Trump hat sich selbst als "die am wenigsten antisemitische Person" bezeichnet. Er steht Israel nahe, seine Tochter Ivanka ist zum Judentum konvertiert. Distanziert er sich ausreichend von antisemitischen Tendenzen, die von rechten Netzwerken wie "Breitbart" ausgehen?

Brenner: Trumps Verhältnis zum Judentum ist kompliziert - und wie vieles bei ihm ist nicht eindeutig zu verorten. Nicht nur die Tatsache, dass seine Tochter jüdisch geworden ist, sondern auch sein Aufwachsen in New York, wo er so viele Kontakte zu amerikanischen Juden hatte, machen ihn in gewisser Weise immun gegen einen primitiven Antisemitismus. Aber seine positiven Botschaften an Kreise, die fremdenfeindlich und rassistisch denken, wirken sich eben doch auf die Zunahme des Antisemitismus aus. Es ist auch ganz klar: In allen Umfragen spricht sich die große Mehrheit der jüdischen Wähler deutlich gegen Trump und die Republikaner aus, weit mehr als andere weiße Amerikaner.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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