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Jüdisches Leben in Deutschland - "Du? Deine Nase ist doch gar nicht so krumm"

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Hanna, Polina und Konstantin finden, dass ihr jüdischer Glaube eigentlich kein großes Thema sein sollte. Doch häufig ist es anders. Mit heute.de teilen sie ihre Erfahrungen.

Hinter den wieder aufgestellten Mauerwerk-Resten der im Dritten Reich von den Nazis zerstörten Mainzer Synagoge steht am 08.07.2014 die neue Synagoge in Mainz
Hinter den wieder aufgestellten Mauerwerk-Resten der zerstörten Mainzer Synagoge steht die neue Synagoge
Quelle: dpa

Hanna, Polina und Konstantin teilen dieselben Freuden, Träume und Sorgen von Millionen anderen Jugendlichen in Deutschland. "Eigentlich sollte auch unsere Religionszugehörigkeit kein besonderes Thema sein", sagt Hanna (18) in die Runde, die sich in einem Mainzer Café zusammengefunden hat. In ihrem Alltag erleben die Drei aber immer wieder etwas anderes.

Irritierende Reaktionen

Der Grund: Sobald Mitmenschen erfahren, dass Hanna, Polina (22) und Konstantin (26) jüdisch sind, passiert häufig etwas Irritierendes. In den Augen der anderen werden sie plötzlich zu etwas ganz Besonderem. Die besten Reaktionen, so Hanna, seien noch die, wenn Leute sagten: "Jüdin? Cool, dass ich endlich mal eine kennenlerne – von euch gibt's ja so wenige in Deutschland."

Hanna ist eine kluge und selbstbewusste junge Frau, die sich seit Jahren in der Jugendarbeit ihrer jüdischen Gemeinde engagiert. In ihrer Schule aber hat sie ihre Religionszugehörigkeit lange verschwiegen. Erst als sie den katholischen Religionsunterricht nicht mehr besuchen wollte, kam das Thema auf, erinnert sich Hanna: "Manche Mitschüler haben Witze gemacht: Du, Jüdin? Deine Nase ist doch gar nicht so krumm! Oder: Zeig mal her deine Goldzähne!"

Zahl der Antisemiten im Osten gestiegen

"Das volle Programm also – da weißt du nicht, ob du lachen oder weinen sollst", sagt Polina. "Die meinten das gar nicht bös', glaub ich, das ist denen einfach so rausgerutscht", antwortet Hanna, aber es klingt etwas unsicher. "Das ist einfach nur traurig", sagt Konstantin knapp. Seinen Familiennamen oder ein Porträtbild will er genauso wie die beiden Frauen nicht veröffentlicht sehen – "das ist zu persönlich". Sie sagen, sie hätten keine Angst, erkannt zu werden. Aber die Vorsicht vor unangenehmen Überraschungen ist spürbar.

Damit stehen sie nicht allein: Obwohl eine aktuelle repräsentative Studie der Universität Leipzig zu dem Ergebnis kommt, dass zumindest in Westdeutschland die Judenfeindlichkeit leicht zurückgegangen sei – und im Vergleich zu 2016 statt fünf Prozent der Befragten nur noch 4,2 Prozent "manifest antisemitisch" seien, herrscht in vielen jüdischen Gemeinden die Sorge vor Übergriffen. Weitere Befunde der Leipziger Soziologen Oliver Decker und Elmar Brähler sind dazu geeignet, diese Sorgen zu verstärken. So zeigten sich in diesem Jahr in Ostdeutschland 5,2 Prozent der befragten Bürger eindeutig antisemitisch; im Vergleich zu 4,1 Prozent im Jahr 2016.

Viele Deutsche denken, Juden hätten etwas Besonderes an sich

Hinzu kommt, dass der Aussage, "Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns" im Osten 39,6 Prozent der Befragten entweder voll oder in Teilen zustimmten; in Westdeutschland waren es 26 Prozent. Für Polina, Konstantin und Hanna verbergen sich hinter diesen Zahlen persönliche Erlebnisse, auf die sie lieber verzichtet hätten. "Was sagst du etwa in der Schule, wenn jemand meint 'Du bist 'ne seltene Spezies'?", fragt Hanna in die Runde. "Ich bin doch kein Tier!"

Aus den Lautsprechern im Café dringt laute, knallige Popmusik, am Tisch herrscht einige Augenblicke Stille, die Hanna mit den Worten durchbricht, dass das "bestimmt nicht so gemeint" gewesen sei. Nichts Böses also. Aber auch nichts Gutes. Erfahrungen wie diese erklären vielleicht mit, weshalb manche Kinder ihre jüdische Identität verbergen. Konstantin unterrichtet Jungen, die keine Noten wollen und noch zusätzlich den Ethikunterricht besuchen, um einen Zeugniseintrag im Fach "Jüdische Religion" zu vermeiden. "Das sind keine Kinder von Traurigkeit, aber sie wollen ihren Mitschülern nicht offenbaren, dass sie jüdisch sind", erklärt Konstantin.

Lob für Aufarbeitung der Vergangenheit

Das muss sich ändern, sind sich die Drei am Tisch einig. Schließlich ist Deutschland ihr Zuhause, das sie lieben. "Auch, weil das Land eine starke Demokratie ist", wie Konstantin sagt. Ein Land, das sich seiner Geschichte stelle und die Verbrechen aus der mörderischsten Zeit nicht verschweige. Auch jene Taten vor allem von Paramilitärs der Nationalsozialisten, die während und unmittelbar nach der Reichspogromnacht im November 1938 mehr als 400 Juden erschlugen, ertränkten, erschossen oder in den Selbstmord trieben; 1.400 Synagogen zerstörten, Tausende Wohnungen verwüsteten und mehr als 7.000 Geschäfte plünderten.

Die Hitler-Anhänger begannen damals, jüdisches Leben in Deutschland zu vernichten – und der Staat ließ es geschehen, schützte seine Bürger nicht. "So etwas darf nie wieder passieren – egal, welcher Religion man angehört", sagt Polina. Auch deshalb wird sie an diesem Freitag während eines offiziellen Gedenkens ein Gedicht vortragen, in dem auch ihre Hoffnung zum Ausdruck kommt, dass alle Menschen in diesem Land ohne Angst ihre Identität leben können.

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