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70 Jahre FSK - Fast 250.000 Filme, Serien und Clips geprüft

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Zensur gibt es in Deutschland nicht, doch Jugendschutz ist bei Filmen erwünscht. Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft sorgt für Altersbegrenzungen - seit 70 Jahren.

FSK-Siegel auf DVD
Quelle: imago

Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Städte liegen in Trümmern, Lebensmittel sind knapp, die Bevölkerung sucht nach Ablenkung. Fernsehen gibt es noch nicht, also geht man ins Lichtspielhaus, ins Kino. Was dort gezeigt wird, kontrollieren die Militärbehörden der drei Besatzungsmächte in den westlichen Zonen.

Ihre Zulassungen erfolgen nach drei Maximen:

  1. Wahrung der militärischen Sicherheit,
  2. politische Umerziehung und
  3. Bereinigung von nationalsozialistischen und imperialistischen Inhalten.

Eine Prüfung unter dem Aspekt des Jugendschutzes wird nicht vorgenommen. Kinder und Jugendliche haben Zugang zu jeder öffentlichen Filmvorführung. Das soll sich ändern.

1948 wird die FSK konzipiert

Also richten die Kultusminister der Länder der drei westlichen Besatzungszonen eine Kommission ein, die Vorschläge für einen Jugendschutz entwickeln soll. Mit in der Kommission: Vertreter der Filmwirtschaft. Nach Jahren der Zensur in Nazi-Deutschland wollen sie behördliches Eingreifen und staatliche Reglementierung verhindern. Nach dem Vorbild der in den USA geltenden "Production Codes" konzipieren sie im Jahr 1948 die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft.

Das Gremium, das im Sommer 1949 erstmals zusammentritt, besteht aus Vertretern der Filmwirtschaft, der Länder, der Katholischen Jugend Bayerns und der Kirchen. Als ersten Film prüft die FSK am 18. Juli 1949 im Biebricher Schloss in Wiesbaden die Komödie "Intimitäten" von Paul Martin.

Der Film war ein sogenannter "Überläufer". Noch in der NS-Zeit hergestellt und 1944 von der NS-Filmprüfstelle verboten, wurde er 1947 von der Alliierten Militärzensur freigegeben. Nun lag er der FSK zur Prüfung vor und erhielt die Kennzeichnung: Freigegeben zur öffentlichen Vorführung ab 16 Jahren, nicht geeignet für die stillen Feiertage.

Die Filmwirtschaft erreicht ihr Ziel

Die ersten Prüfungen sind noch ein Probelauf. Die Altersfreigabe spielt eine untergeordnete Rolle. Es gilt vor allem im Sinne der Besatzer zu prüfen, ob von den Filmen nationalsozialistische, staatsfeindliche oder militaristische Tendenzen ausgehen, danach erst, ob sie "entsittlicht" wirken. Mit Inkrafttreten des Grundgesetzes am 24. Mai 1949 entfällt die Militärzensur.

Wenige Monate später, am 28. September 1949, übertragen die Alliierten Militärbehörden offiziell ihre Kontrollbefugnis auf die FSK. Die Filmwirtschaft hat ihr Ziel erreicht: Sie kontrolliert selbstständig ihre eigenen Produkte - und übernimmt im Gegenzug Aufgaben, die erst zwei Jahre später staatlicherseits im "Gesetz zum Schutze der Jugend in der Öffentlichkeit" festgelegt werden.

Ein Filmausschnitt aus "Gier nach Liebe" (1955), mit dem "zu" tiefen Dekolletee von Brigit Bardot und der dazugehörige Zurückweisung der FSK (Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft), am 10.09.2011 im Deutschen Filmhaus in Wiesbaden
Nicht freigegeben: In den 1950er-Jahren konnte auch ein "zu tiefes" Dekolleté für diese Einstufung durch die Prüfer der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft sorgen. Ein Werbefoto für den Film "Gier nach Liebe" mit Brigitte Bardot durfte deshalb nicht gezeigt werden. (Archivbild)
Quelle: dpa

Skandale machen die FSK bekannt

Filmplakat "Die Sünderin"
1951 sorgte "Die Sünderin" mit Hildegard Knef für Krisensitzungen. (Filmplakat)
Quelle: imago

Das Jugendschutzgesetz von 1951 sah erstmals die Einstufung von Filmen nach Altersgruppen vor. Fast 250.000 Filme, Serien und Clips haben die Prüfer der FSK seitdem überprüft. Bei den allermeisten verlief die Einstufung nach Altersstufen unspektakulär. Ein paar Skandale aber haben die FSK bekannt gemacht.

1951 sorgte "Die Sünderin" mit Hildegard Knef für Krisensitzungen und Demonstrationen. Wenige Tage vor dem Filmstart lehnte die FSK die Freigabe zunächst auch für Erwachsene ab. Der Film verharmlose Prostitution, das Töten auf Verlangen sowie die Selbsttötung.

Beste Reklame für den Film. Am Ende wurde der Film mit neun zu vier Stimmen ab 18 Jahren freigegeben. Die Vertreter der Kirche verließen aus Protest vorübergehend die FSK. In einigen Städten gab es Tumulte, Gegner warfen Stinkbomben in Kinos, die Polizei reagierte mit Wasserwerfern.

1985 wird der Jugendschutz reformiert

In der fernsehlosen Zeit des ersten Nachkriegsjahrzehnts richtete man den Blick fast ausschließlich auf das Leitmedium Kino. Das änderte sich Mitte der 1980er Jahre, als die ersten Videofilme auf den Markt kamen. Eltern, Lehrer und Politiker waren entsetzt über das Maß an Gewalt und explizitem Sex, das man sich nun mit einer Videokassette nach Hause holen konnte.

Auch dem aufkommenden Privatfernsehen wurde ein zu lockerer Umgang mit Gewalt und Sex vorgeworfen. 1985 wurde schließlich der Jugendschutz reformiert. Die neuen Regelungen galten nicht nur für VHS-Videokassetten, sondern auch für nachfolgende Generationen von Trägermedien wie z. B. DVDs und Blu-ray Discs. Dadurch weitete sich das Prüfvolumen der FSK stark aus.

Herausforderung Online-Jugendschutz

Von der FSK werden jährlich fast 12.000 filmische Inhalte vom Spielfilm bis zum Trailer, von der Serie bis zum Werbespot geprüft und freigegeben. Die FSK ist heute die bekannteste Jugendschutzmarke in Deutschland. Für Kinder, Jugendliche und Eltern bleiben die Alterskennzeichen eine wichtige Orientierungshilfe und stehen für ein unbeschwertes Filmerlebnis unabhängig vom Vertriebsweg. Doch während Filme im Kino und auf Datenträgern geprüft werden, gilt bei Online-Angeboten der seit 2003 gültige Jugendmedienschutz-Staatsvertrag der Länder.

Er folgt dem Gedanken der Selbstkontrolle der Medien und richtet sich an die deutschen Betreiber von Internetseiten. Damit erstreckt er sich allerdings lediglich auf etwa zehn Prozent der in Deutschland verfügbaren Seiten. Ausländische Abspielkanäle wie YouTube oder Streamingdienste stellen somit den Jugendschutz radikal infrage. Während die öffentlich-rechtlichen Sender sich verpflichtet haben, Filme mit eingeschränkter Altersfreigabe nur zu bestimmten Zeiten im Netz verfügbar zu machen, lassen sich internationale Anbieter wie Netflix, Amazon und Co. kaum kontrollieren.

Geht es nach FSK-Geschäftsführer Stefan Linz, sollten Filme online und offline in Zukunft gleich behandelt werden. "Es sind die gleichen Inhalte, die bei den Zuschauern auch die gleiche Wirkung erzielen", stellt er klar. Laut Linz sind die Regelungen bei Kinofilmen derzeit erheblich strenger. So dürfe ein Film, der von der FSK keine Altersfreigabe erhalten habe, Kindern und Jugendlichen im Kino nicht gezeigt werden.

Es gibt Reformbedarf

Bei Online-Inhalten reiche es aus, wenn der Anbieter selbst eine Altersbewertung vornimmt, auch wenn er dann die rechtliche Verantwortung dafür trage. "Wir brauchen eine einheitliche Regelung", fordert Linz. Auch Marc Urlen, wissenschaftlicher Referent beim Deutschen Jugendinstitut in München, sieht Reformbedarf in Sachen Jugendschutz.

Netflix-App auf einem Smartphone
"Heute werden so viele Inhalte von Jugendlichen gestreamt, dass die FSK eine immer geringere Rolle beim Jugendschutz spielt", sagt Marc Urlen, wissenschaftlicher Referent beim Deutschen Jugendinstitut in München.
Quelle: imago

Seiner Einschätzung nach verliert die Arbeit der FSK an gesellschaftlicher Relevanz. "Heute werden so viele Inhalte von Jugendlichen gestreamt, dass die FSK eine immer geringere Rolle beim Jugendschutz spielt", sagt er und ergänzt: "Kino und Fernsehen sind nur noch ein Teil des Medienkonsums, viele Kinder sind auf ihren Smartphones stundenlang im Internet unterwegs." Gleichwohl räumt Urlen ein, dass die Altersfreigaben eine wichtige Hilfe für Eltern seien, um Filme zu beurteilen.

Zahlen und Fakten zur FSK

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