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Missbrauchsskandal in Schwerin - Jugendtreff-Betreiber wieder vor Gericht

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Jahrelang hatte Peter B. dutzende Jungen im Alter zwischen sieben und 13 Jahren sexuell missbraucht und vergewaltigt und wurde verurteilt. Aber immer mehr Opfer sagen aus.

Das Gebäude des Landgerichts Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern)
Das Landgericht in Schwerin Quelle: dpa

Die Cousins Tom* (16) und Oskar* (15) haben die Hölle auf Erden erlebt. Mit zehn und elf Jahren lernen sie Peter B. und seinen Jugendtreff "Power for Kids" kennen. Am Anfang sei es ganz in Ordnung dort gewesen, hauptsächlich wegen der vielen Freunde. Außerdem durften sie Computer, Tischtennis und Kicker spielen. Nach etwa einem halben Jahr fordert Peter B. die Kinder auf, alleine in sein Büro oder in ein Tonstudio zu kommen.

"Er wollte immer, dass wir uns ausziehen. Das kam zunächst spaßig 'rüber. Später wurde es mir unangenehm. Als ich sagte, dass ich das nicht mehr möchte, hat er trotzdem weiter gemacht", sagt Tom. Eineinhalb Jahre erträgt der Junge die Tortur. Dann beschließt er, nicht mehr in den Jugendtreff zu gehen. Ihren Leidensweg wollen Tom und Oskar jetzt auch vor Gericht im zweiten Missbrauchsprozess schildern. Sie hoffen, dass Peter B. für das, was er auch ihnen angetan hat, bestraft wird.

Staatsanwaltschaft fordert Sicherungsverwahrung

Während Tom das Erlebte in Gesprächen mit seiner Familie und seiner neuen Freundin aufarbeitet, belasten Oskar die Geschehnisse heute noch deutlich mehr als seinen Cousin. "Dass er mir in die Hose gefasst hat, habe ich niemandem erzählt. Ich habe alles in mich 'reingefressen. Dadurch habe ich angefangen, Alkohol zu trinken und Drogen zu nehmen. Außerdem werde ich schnell aggressiv." Trotzdem will auch er einen Neuanfang versuchen, nachdem er im zweiten Prozess gegen Peter B. ausgesagt hat. "Mein Traum ist, einmal im Leben an der Küste Mallorcas Schwertfische zu angeln", sagt er.   

Im ersten Prozess wurde der heute 43-jährige Peter B. bereits Anfang 2016 vom Landgericht Schwerin wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern, sexuellen Missbrauchs und versuchten sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt - zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten. Insgesamt 53 Straftaten wurden ihm zur Last gelegt.

Herausgekommen waren seine Taten, nachdem sich einige Kinder an ihre Eltern gewandt hatten. Ermutigt durch die erste Hauptverhandlung haben sich weitere Opfer gemeldet. Im heute beginnenden zweiten Prozess werden Peter B. weitere 31 Straftaten vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Gesamtfreiheitsstrafe von bis zu zwölf Jahren und Sicherungsverwahrung.

"Vielen Opfern ist es peinlich, darüber zu sprechen"

Manuela van der Sanden wohnt ebenfalls in der Nähe des ehemaligen Jugendtreffs. Ihr Sohn Falko und seine Freunde gingen vor etwa 16 Jahren in den Verein "Power for Kids". Die heute 58-Jährige ist sich sicher, dass Peter B. schon damals ihren Sohn und einige Jungen sexuell missbraucht hat. "Als mein Sohn erwachsen war, wurde er drogenabhängig und lebte in einer Einrichtung in Hamburg. Dort erzählte er einem Betreuer, dass er sexuell missbraucht wurde. Uns hat er es nie erzählt, kurze Zeit später ist er mit 28 Jahren an Herzversagen gestorben."

Auch die Anwältin der Opfer und ihrer Angehörigen, Christine Habetha, befürchtet, dass die bisherigen Opfer nicht die einzigen sind. "Im ersten Prozess ging es um einen Tatzeitraum von 2010 bis 2015. Den Jugendtreff im Stadtteil Mueßer Holz, einem sozialen Brennpunkt Schwerins, gibt es seit 2000. Vielen Opfern ist es peinlich, darüber zu sprechen."

Peter B. sieht sich selbst als Opfer

Aus dem Gefängnis heraus hat der Verurteilte vor etwa einem Jahr einen Brief, der dem ZDF vorliegt, an die Jungen und ihre Eltern geschickt. Darin erklärt er, dass er den Jungen "nicht böse ist, auch wenn sie im ersten Prozess die Unwahrheit gesagt hätten". Bei der ersten Verhandlung habe er alles zugegeben, um den "Stress für die Kinder zu verkürzen".

Er selbst sieht sich als Opfer: "Täglich entrinnt mir eine Träne für jedes Opfer, dem ich nicht helfen kann." Sein Verteidiger Uwe Kunik wollte keine Angaben machen, ob Peter B. im zweiten Prozess aussagt. "Der Angeklagte ist aus der Haftanstalt in eine Klinik in Rostock gebracht worden. Transportfähig ist er, doch eine Amtsärztin soll heute im Landgericht Schwerin prüfen, ob er auch verhandlungsfähig ist." Die Rechtsanwältin der Kinder, Christine Habetha, sagte dem ZDF, dass Peter B. einen Suizidversuch begangen habe. Sie vermutet, dass der Prozess so verzögert und Druck auf die Kinder ausgeübt werden soll.

* Namen von der Redaktion geändert

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