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Junckers Abschiedsrede - Letzte Tage eines gebeutelten Europäers

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Es sind Jean-Claude Junckers letzte Tage als EU-Kommissionspräsident. Heute hat er sich vom Europäischen Parlament verabschiedet - mit einer durchaus gemischten Bilanz.

Jean-Claude Juncker
Noch-Kommissionpräsident Jean-Claude Juncker: 147 EU-Gipfel, tiefe Gesichtsfurchten, gebeugter Gang.
Quelle: Reuters

Seine Küsse und Umarmungen sind gefürchtet, besonders im Moment. Es sind die letzten Tage und Wochen für Jean-Claude Juncker im Amt des EU-Kommissionspräsidenten und da kriegt jeder und jede einen feuchten Wangenkuss, ein Gewuschel durchs Haar oder ein kräftiges Schulterklopfen.

Seine Beamten haben ausgerechnet, dass er zum 105. Mal zu den Europaparlamentariern spricht, immer ging es um die großen Krisen, die die EU in den letzten fünf Jahren durchlebte, Griechenland, Flüchtlinge, Brexit. Doch diesmal redet Juncker über Juncker: "Ich scheide aus dem Amt nicht betrübt, auch nicht übermäßig glücklich, aber im Gefühl mich redlich bemüht zu haben".

147 EU-Gipfel, tiefere Gesichtsfurchten, gebeugter Gang

Jean-Claude Juncker war irgendwie schon immer da: Er duzt jeden europäischen Regierungschef, 147 EU-Gipfel hat er ausgehalten, sich noch mehr Nächte um die Ohren geschlagen. Der Christdemokrat mischt seit den 80er Jahren mit in der EU, er war Arbeits-, Finanz- und Premierminister von Luxemburg, bis er wegen einer Geheimdienstaffäre zurücktreten musste. Danach wurde er Vorsitzender der Eurogruppe, und schließlich EU-Kommissionspräsident.

Die Furchen in seinem Gesicht sind in seiner Amtszeit an der Kommissionsspitze tiefer geworden, er geht gebeugter als andere 64-Jährige, ein Rückenleiden und immer wieder auftauchende Gerüchte über zu viel Alkoholkonsum begleiten den Luxemburger seit Jahren. Seinem Ruf als europäisches Urgestein aber tut das keinen Abbruch, Europa ist für ihn eine Herzensangelegenheit.  

Kleiner Seitenhieb gegen Deutschland

Nun also zieht Juncker Bilanz und sie fällt durchaus gemischt aus: Europa sei ein besserer Ort geworden, mit stabilem Wirtschaftswachstum und weniger Arbeitslosigkeit. Sein größter Erfolg, so Juncker, ist, dass Griechenland nicht aus dem Euro geworfen wurde, auch gegen den Widerstand so mancher Regierung. Das zielt auf die Deutschen, deren damaliger Finanzminister Schäuble zeitweise ein Ausscheiden der Griechen aus der Eurozone befürwortet hatte.

Nach fünf Jahren beendet Jean-Claude Juncker am 31. Oktober seine Amtszeit als EU-Kommissionspräsident. In einer Rede vor derm Europaparlament zog er Bilanz und verabschiedete sich mit: "Es lebe Europa".

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Stolz ist Juncker auch auf sein Arbeitsverhältnis mit dem unvorhersehbaren amerikanischen Präsidenten Trump, den er im Sommer 2018 überraschend zu einem Waffenstillstand im Handelskrieg mit Europa überreden konnte. Die angedrohten Strafzölle auf europäische Autos verhängte Trump bislang nicht.

Junckers größte Schlappe: Der Brexit

Doch auch die Niederlagen wiegen schwer. Junckers EU-Kommission hat es nicht vermocht, das europäische Asylrecht gegen den Willen der Mitgliedsstaaten zu reformieren. Noch immer gibt es keine Umverteilung von Flüchtlingen, die Länder an den Außengrenzen sind weiterhin auf sich allein gestellt.

Junckers größte Schlappe aber ist der Brexit. "Jeder versteht Englisch, aber niemand versteht England", kalauert der scheidende Kommissionspräsident zu jeder Gelegenheit, im EU-Parlament nennt er den Brexit nun "Zeit- und Energieverschwendung" für Europa. Ausgerechnet er, der die EU immer zusammenhalten wollte, muss nun als Erster den schier endlosen Austritt eines Landes verhandeln. Juncker leidet daran.

Als Abschiedsgeschenk ein Pappkarton mit Geldscheinen

Natürlich gibt es zum Abschied auch Kritik aus dem Europaparlament. Die junge Abgeordnete der französischen Linken, Manon Aubry, überreicht Juncker als Abschiedsgeschenk einen Pappkarton mit Geldscheinen: "Ihre Freunde aus Luxleaks-Zeiten wünschen Ihnen eine fröhliche Rente in Ihrem Steuerparadies" - gemeint ist Luxemburg.

Doch der Respekt aus allen Fraktionen überwiegt. Für einen Mann, dessen Stimme am Ende seines letzten EU-Gipfels bricht, als er sich letzten Donnerstag im vollbesetzten Pressesaal von den Journalisten verabschiedet: "Ich werde bis an mein Lebensende stolz darauf sein, Europa gedient zu haben." Und die Journalisten tun etwas, was sonst im Pressesaal verpönt ist: sie applaudieren.

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