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Junge Briten über die Zukunft - "Der Brexit hat die Normalität verändert"

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Vor der Wahl des neuen Premierministers hängt der Brexit wie ein Schatten über Großbritannien. Wir haben mit jungen Briten gesprochen - die Stimmung ist mehrheitlich gedrückt.

Plakat Briten schießen sich selbst in den Fuß
Plakat: Briten schießen sich selbst in den Fuß (Archiv).
Quelle: matt dunham, ap

Vor einigen Wochen erhielt Liam Bywater ganz besondere Post. Als aktives Mitglied der Conservative Party durfte der 22-jährige Brite, der als Youth Wellbeing Officer für das Warrington Young Conservatives Executive Board arbeitet, an der Wahl zum neuen Parteivorsitzenden der Conservative Party teilnehmen.

Seine Stimme gab er Boris Johnson. "Ich habe mich persönlich mit seinem Wahlkampf sehr verbunden gefühlt, denn seine Vision für Großbritannien hat mich optimistisch gestimmt was die Zukunft unseres Landes angeht", erklärt Bywater seine Wahl.

Liam Bywater
Liam Bywater ist Mitglied der Conservative Party und gab seine Stimme Boris Johnson.
Quelle: privat

Wahl des neuen Premierministers "undemokratisch"

Nachdem Theresa May im Mai ihren Rücktritt als Parteivorsitzende und Premierministerin bekannt gab, begann im Juni der Kampf um ihre Nachfolge. Aus zehn Kandidaten wurden nach mehreren Wahlrunden im Parlament schließlich zwei: Boris Johnson und Außenminister Jeremy Hunt. In den vergangenen Wochen durften nun alle Mitglieder der Conservative Party für einen der beiden Kandidaten abstimmen. Das Ergebnis der Mitgliederbefragung und somit der Name des nächsten Premierministers wird heute Mittag verkündet.

Liam Bywater empfindet diesen Prozess zur Wahl des neuen Premierministers als fair und demokratisch, denn: "Die Bevölkerung wählt den Premierminister doch auch in Parlamentswahlen nie direkt." Nur weil die Conservative Party derzeit die meisten Sitze im Unterhaus hat, wird der Sieger der Wahl zum neuen Parteivorsitzenden nun auch der neue Premierminister werden.

Die 19-jährige Neve Francis beschreibt den aktuellen Prozess zur Wahl des neuen Premierministers trotz allem als "undemokratisch". "Man hätte eine Parlamentswahl ausrufen sollen", so die Linguistik-Studentin. Gareth Spencer stimmt ihr zu: "Das war alles andere als demokratisch." Der Software Tester sagt, er wolle "wirklich keinen der beiden Kandidaten" als Premierminister seines Landes haben und wünscht sich nun eine zeitnahe Parlamentswahl.

Gareth Spencer hält eine gelbe Rose in der Hand, ein Symbol für die Verbundenheit und Unterstützung mit EU-Bürgern in Großbritannien.
Gareth Spencer mit einer gelben Rose als Symbol für seine Sympathie mit Brexit-Gegnern. Seine Ehefrau ist EU-Bürgerin.
Quelle: privat

"Brexit hat einfach keine Vorteile"

Besonders die Brexit-Strategie der beiden Kandidaten bereitet Francis große Sorge. Ursprünglich sollte Großbritannien im März die Europäische Union verlassen, doch nachdem die Regierung um Premierminister Theresa May wiederholt keine Mehrheit für den Austrittsdeal im britischen Unterhaus erreichen konnte, wurde der Brexit vorerst auf den 31. Oktober verschoben. Francis fürchtet nun, dass der neue Premierminister "egal welche Lösung mit egal welchen Konsequenzen" durchsetzen werde. "Ob Johnson oder Hunt, der neue Premierminister wird beweisen wollen, dass er mehr als Theresa May erreichen kann", erwartet die 19-Jährige. Damit stehe leider auch ein ungeordneter Austritt, der sogenannte No Deal Brexit, im Raum.

Die 19-jährige Neve Francis beschreibt den aktuellen Prozess zur Wahl des Premierministers als "undemokratisch".
Die 19-jährige Neve Francis beschreibt den aktuellen Prozess zur Wahl des Premierministers als "undemokratisch".
Quelle: privat

Für Francis wäre die beste Option ein zweites Referendum. "Das Ergebnis von 2016 reflektiert einfach nicht mehr die aktuelle Meinung der Mehrheit der Bevölkerung", meint sie. Sie wisse aber auch, dass ein solches Referendum unter den aktuellen Umständen sehr unwahrscheinlich sei. Spencer befürwortet daher kein zweites Referendum, sondern wünscht sich, dass die britische Regierung Artikel 50 zurückziehe und somit Mitglied der EU bleibe. Besonders für seine eigene Familie mit seiner französischen Ehefrau möchte er die Vorteile der EU weiter nutzen können. "Der Brexit hat einfach keine Vorteile", so der 43-Jährige, der am vergangenen Wochenende am "March for Change" in London teilnahm.


Innenpolitische Probleme überschattet

In einem Punkt sind sich Bywater, Francis und Spencer trotz unterschiedlicher politischer Meinungen einig: Der Brexit rückt andere wichtige Themen in den Schatten. Besonders der Anstieg von Hassverbrechen gegen Minderheiten sowie Straftaten mit Messern in den Großstädten des Landes, aber auch Probleme im Gesundheitssystem und finanzielle Probleme staatlicher Schulen beschäftigen die drei Briten massiv.

"Unter normalen Umständen würde man diese Probleme diskutieren und nach Lösungen suchen", so Bywater. "Aber der Brexit hat die Normalität verändert." Seit drei Jahren dominiere der Brexit die Nachrichten und die Politik. Ob nun Hunt oder Johnson Premierminister werde, derjenige müsse sich nicht nur um den Brexit, sondern dringend auch um die innenpolitischen Probleme kümmern.

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