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Junge Briten und der Brexit - Vertrauen in die britische Politik verloren

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Mitten im Brexit-Chaos zeigen sich junge Briten, die mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt hatten, zunehmend besorgt und verärgert über die politische Lage im Land.

Junge Menschen am 17.02.2019 in London
Junge Menschen in London
Quelle: picture alliance / Pacific Press

Im Referendum im Juni 2016 stimmte Hannah Farley für den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union. Dass ihre britischen Mitbürger mehrheitlich für den Brexit, also den Austritt aus der EU stimmten, bedauerte die heute 21-jährige Britin. Sorgen aber bereitete der Brexit ihr damals noch nicht. Jetzt, fast drei Jahre nach dem Referendum, ist das ganz anders. "Meine Verzweiflung nimmt täglich zu, und ich verliere jegliches Vertrauen in die Politik", so die Studentin.

"Situation ist trotz des Aufschubs chaotischer denn je"

Hannah Farley
Hannah Farley
Quelle: privat

Bereits im Januar, nachdem der mit der EU ausgehandelte Brexit Deal zum ersten Mal vom britischen Unterhaus abgelehnt worden war, sprach heute.de mit Hannah Farley und zwei weiteren jungen Briten, Matt Hargreaves und Liam Bywater, über die politische Lage in Großbritannien.

Seitdem wurde das Austrittsdatum Großbritanniens aus der EU verschoben, der Brexit Deal erneut von den Abgeordneten im Unterhaus abgelehnt, und auch keine andere Brexit-Option fand bisher eine Mehrheit im britischen Parlament. Die EU legte gestern einen Aufschub bis zum 31. Oktober fest. Unter den drei Studierenden aus Liverpool haben Sorgen und Ärger weiter zugenommen, und eines ist für sie ganz klar: Großbritannien blamiert sich mit dem Brexit-Chaos derzeit vor der ganzen Welt.

Hannah Farley, die seit dem Herbst im Master an der Liverpool School of Tropical Medicine studiert, hatte sich im Januar einen Aufschub des Brexits gewünscht, damit die innenpolitischen Spannungen im Land erst einmal überwunden werden könnten. Sie sei froh, dass es zu einem Aufschub gekommen sei. Aber: "Die Situation ist trotz des Aufschubs chaotischer denn je." Auch das neue Austrittsdatum im Oktober stellt für sie keine Lösung des Problems dar. Keine der Parteien im Unterhaus scheine bereit zu sein, einen Kompromiss einzugehen und so werde das Chaos mit der Zeit nur weiter zunehmen, meint die Studentin.

Enttäuschung und Ärger über die britische Politik

Liam Bywater
Liam Bywater
Quelle: privat

Auch Liam Bywater hat diese Beobachtung gemacht. Der 22 Jahre alte Politikstudent zeigt sich besonders enttäuscht von der Labour Party. Ihm komme es so vor, als ob die Labour-Abgeordneten nur gegen den Deal, den Premierministerin Theresa May mit der EU ausgehandelt hat, stimmen würden, um die Regierung zu demütigen und sich selbst besser dastehen zu lassen.

"Das ist extrem verantwortungslos und zutiefst peinlich", so Bywater. Es sei viel wichtiger, in dieser Situation das nationale Interesse vor das Interesse der eigenen Partei zu stellen. Im Unterhaus wurde bereits zweimal ein Misstrauensvotum gegen die Premierministerin und ihre Regierung eingeleitet: einmal von ihrer eigenen Partei und einmal von der Opposition.

Dies sei auch ein Teil des Problems. "Theresa May tut mir leid, denn sie sitzt wirklich zwischen allen Stühlen", meint Bywater. Egal, was sie im Unterhaus vorstelle, mindestens eine Seite sei unzufrieden und würde gegen den Vorschlag stimmen oder ein neues Misstrauensvotum ansprechen.

Wunsch nach einem zweiten Referendum

Matt Hargreaves, der im Master Archäologie an der University of Liverpool studiert, ist ebenfalls verärgert über die immer wiederkehrende Debatte um ein Misstrauensvotum. "Davon würden vielleicht die Politiker profitieren, aber ganz sicher nicht ihre Wählerschaft, die sie ja eigentlich repräsentieren sollen", so der 27-Jährige. Dass auch nach dem neuen Aufschub ein möglicher "No-Deal-Brexit" auf dem Tisch liegen könnte, ist für Hargreaves eine "leere Drohung". Noch im Januar hatte er einen EU-Austritt ohne Vertrag als wahrscheinlich eingeschätzt, doch nun ist er überzeugt, dass es dazu nicht kommen werde. "Es traut sich doch keiner, den 'No Deal' auch wirklich durchzuziehen", so der Student.

Matt Hargreaves
Matt Hargreaves
Quelle: privat

In einem sind sich die drei jungen Briten auch weiterhin einig: Sie wünschen sich ein zweites Referendum. Beim ersten Referendum im Juni 2016 habe niemand so recht gewusst, wie der Brexit ablaufen würde, meint Bywater. Mit der aktuellen Debatte um "No Deal" oder mit einer möglichen Teilnahme an der Europawahl 2019 habe damals keiner rechnen können, stimmt ihm Hargreaves zu.

"Es ist ja zu einem absoluten Chaos geworden." Es sei wichtiger denn je, der Bevölkerung in einem zweiten Referendum die konkreten Brexit-Optionen zur Abstimmung zu unterbreiten. Nur so könne die britische Politik den "Willen der Bevölkerung" auch angemessen repräsentieren, so Hargreaves. Mit dem erneuten Aufschub des Austrittsdatums bis Ende Oktober habe man ja nun auch ausreichend Zeit, die Bevölkerung zu befragen.

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