Sie sind hier:

Die Schiene soll gestärkt werden - Klimaretter Bahn: Wunsch und Wirklichkeit

Datum:

Jahrzehntelang hat der Bund an der Bahn-Infrastruktur gespart. Mit dem Klimapaket macht er jetzt Milliarden locker. Besonders ins Gleisnetz soll investiert werden. Aus gutem Grund.

Gleisarbeiter beim Ausbauen von Bahnschienen
Gleisarbeiter beim Ausbauen von Bahnschienen (Archiv): 180 Millionen zusätzliche Zugkilometer pro Jahr.
Quelle: imago

Die Bahn als Klimaretter: Bis 2030 soll sie im Fernverkehr doppelt so viele Menschen und 70 Prozent mehr Güter transportieren als jetzt. Im vergangenen Jahr beförderte das Unternehmen 148 Millionen Personen auf seinen Fernstrecken. Dabei steht das verschlissene Schienennetz schon heute an der Belastungsgrenze. Vor allem an Knotenpunkten passt oft kein Zug mehr aufs Gleis. Ohne Ausbau also auch kein zusätzlicher Bahnverkehr.

Die Infrastruktur ist nicht da

Dabei wäre der einfachste Weg zu höherer Transportkapazität schlicht mehr Sitzplätze und längere Züge. Doch dafür sind Bahnhöfe und Schienenfahrzeuge nicht ausgelegt. Professor Markus Hecht von der TU Berlin ist Schienentechnik-Experte und mahnt seit Jahren, dass man sich auf steigende Fahrgastzahlen einstellen muss. Er nennt ein Beispiel: "Unsere Bahnsteige sind viel zu kurz. In Berlin ist jetzt ein neuer Bahnsteig eingeweiht worden. Von 130 Metern Länge. Die Mindestlänge in Zürich, was ja eine viel kleinere Stadt ist, sind 300 Meter", sagt Hecht.

Auch bei der Beschaffung des künftigen Standardzuges im DB-Fernverkehr, dem ICE 4, sei das nicht ausreichend berücksichtigt worden: "Der ICE 4 ist ein kurzer Zug, der nur einstöckig gebaut ist. Viele Hochgeschwindigkeitszüge im Ausland sind aber auch doppelstöckig. Damit kann ich 50 Prozent mehr Kapazität auf einmal schaffen", so Hecht. "Die hundert Prozent Wachstum wären schon zur Hälfte gelöst, wenn man doppelstöckige Züge fahren würde."

Das Schienenetz muss die Fehler jetzt auffangen

So muss das Netz nun für häufigere Zugfahrten ertüchtigt werden. Jahrelang hat der Bund zu wenig in die Infrastruktur investiert, jetzt will er nach den Beschlüssen des sogenannten Klimakabinetts umlenken und bis 2030 allein 86 Milliarden für den Ersatz bestehender Weichen, altersschwacher Brücken oder Stellwerke bereitstellen. An den Kosten soll sich allerdings die Bahn beteiligen.

ICE 4 in einem Leitwerk auf einem Gleis
ICE 4 in einem Leitwerk auf einem Gleis (Archiv): "Viele Hochgeschwindigkeitszüge im Ausland sind (...) auch doppelstöckig, damit kann ich 50 Prozent mehr Kapazität auf einmal schaffen", so Schienentechnik-Experte Markus Hecht.
Quelle: dpa

Dazu kommt der Ausbau der Engpässe im Netz - etwa südlich von Hamburg, im Raum Frankfurt oder zwischen Köln und Dortmund. Mit Ausweichgleisen und Entlastungsstrecken sollen die Flaschenhälse fit gemacht werden für mehr Verkehr.

Es wird die größte und teuerste Netz-Erneuerung in der Geschichte der Deutschen Bahn, wie deren Infrastrukturvorstand vorrechnet. Zusammen mit Mitteln aus dem Bedarfsplan Schiene, dem Strukturänderungsgesetz und Geld für den Lärmschutz kommt Ronald Pofalla, zuständiger Vorstand für Infrastruktur, auf deutlich mehr als die Summen aus dem Klimaschutzpaket: "Wir waren noch nie so gut ausgestattet mit Investitionsmitteln: 156 Milliarden Euro bis 2030 ermöglicht uns alles, was wir an Neubaustrecken ausbauen wollen und was wir zum Unterhalt des bestehenden Systems brauchen, umsetzen zu können."

Die Zukunft soll auf "ETCS" gebaut werden

Der Plan dabei: nicht nur sanieren, sondern gleich digitalisieren. Das Gleisnetz soll auf einen signallosen Bahnverkehr umstellen, bei dem die Fahranweisungen direkt an die Züge übertragen werden. "European Train Control System", kurz ETCS, heißt das Zugleitsystem, von dem die Bahn sich nicht nur mehr Zuverlässigkeit, sondern auch eine Lösung ihrer Kapazitätsprobleme verspricht.

Denn bisher hängt der Mindestabstand zwischen zwei Zügen vom Abstand der Signale ab. Die Gleise dazwischen sind in feste Abschnitte unterteilt, die aus Sicherheitsgründen immer nur ein Zug befahren darf. Mit "ETCS" könnten diese Schutzzonen nun kürzer und flexibler werden - und mehr Züge so in schnellerer Folge auf demselben Gleis fahren.

Grafikvideo: Das Zugleitsystem European Train Control System, kurz ETCS, soll ermöglichen, dass mehr Züge in kürzeren Abständen auf dem selben Gleis fahren können.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Ob das alles wirklich funktioniert?

Von über 30 Prozent höheren Kapazitäten spricht Bahnvorstand Pofalla. Schienentechnik-Experte Markus Hecht ist vorsichtiger. "Diese Hoffnung sehe ich als stark überhöht an. Digitalisierung ist zwingend notwendig, aber es muss auch die Hardware dafür da sein. Digitalisierung ist nur ein Werkzeug, man kann etwas mehr Kapazität unterbringen."

Und noch etwas könnte das Wachstum bremsen: Allein für den Netzausbau braucht die Bahn jetzt schnell über 900 zusätzliche Planer, Techniker und Ingenieure, sagt Bahn-Vorstand Pofalla. Wo er all diese Spezialisten herbekommen will, ist noch unklar.

Hansjürgen Piel ist Reporter im ZDF-Landesstudio Berlin und auf Bahnthemen spezialisiert

Kapazitätsziele der Bahn bis 2030

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.