Sie sind hier:

Junges Afghanistan - Cafés in Kabul: Kleine Orte der Freiheit

Datum:

Wer an Afghanistan denkt, denkt häufig an Krieg und Terror. Doch in der Hauptstadt finden junge Menschen Zuflucht in Cafés - auch vor rückständigen Tradition.

Das "Simple-Café in Kabul am 06.03.2019
Ins "Simple-Café" kommen junge Menschen, um unter ihresgleichen zu sein.
Quelle: dpa

Lächelnd wispert sich ein junges Paar über die gemeinsame Tasse Kaffee etwas zu. Die Köpfe stecken näher beieinander, als viele es schicklich fänden im muslimisch-konservativen Land. An der Wand hängen abstrakte Gemälde und nicht Teppiche, das Licht fällt sanft aus Lampen, die jemand liebevoll von innen golden angepinselt hat, und nicht grell aus den sonst so beliebten Neonröhren. Für Berlin wäre dies gar kein so besonderer Ort. Für Kabul, Hauptstadt von Afghanistan, ist er geradezu revolutionär.

Der "Burger Shop" an der Taimani-Straße ist eines von vielen neuen Cafés in einer Stadt, in der sich junge Leute bisher fast nur im Familienrahmen begegnen konnten.

Früher bewirtete er Ausländer, heute Afghanen

Der Wirt, Humajun Sadran - groß, graubärtig, Pilotenbrille und Lederjacke - ist so etwas wie der Großmeister der Unterhaltung in Kabul. Früher, als noch Tausende Ausländer von Botschaften, NGOs oder der UN hier lebten, gründete er ein Nachtlebenprojekt nach dem anderen. Seine Tanzparties waren legendär. Aber die Ausländer sind wegen der schlechten Sicherheitslage wieder weg. Jetzt sind seine Kunden fast nur Afghanen.

"Noch vor ein paar Jahren wäre der 'Burger Shop' als afghanisches Café nicht möglich gewesen", sagt Sadran. Die Kunden hätten das Geld nicht gehabt und die "Offenheit im Kopf" wäre auch nicht da gewesen. Wenn Sadran auf seine Kunden schaut, dann sieht er nach Jahrzehnten von Krieg und bitterer Armut zum ersten Mal eine kleine afghanische Mittelschicht entstehen.

Noch vor ein paar Jahren wäre der Burger Shop als afghanisches Café nicht möglich gewesen.
Humajun Sadran, Wirt des "Burger Shop"

Neue Generation - mit mehr Geld

Eine ganze Generation von jungen Afghanen sei herangewachsen, die studiert und ein wenig von der Welt sieht, sagt Sadran. Nachdem die Ausländer weg waren, seien sie aufgerückt in die leitenden Positionen der NGOs oder als Berater der Regierung. Sie hätten nun Gehälter von umgerechnet gut 1.300 Euro, mit denen seine Burger für 350 Afghani - umgerechnet vier Euro - keine Unmöglichkeit mehr seien.

Archiv: Eine Junge Frau arbeitet an einem Laptop am 09.03.2012 in einem Café in Kabul
Anders als in traditionellen Teehäusern sind in den Kabuler Cafés auch Frauen willkommen.
Quelle: dpa

Afghanistan hat mehr als 30 Millionen Einwohner. Die Café-Szene beschränkt sich weitgehend auf die Hauptstadt und fast ausschließlich auf Kunden im Alter zwischen 18 und 30. Einige - wie das schicke "Cupcake" - sehen aus, als wollte jemand Starbucks abkupfern. Die Studenten, die das "451" betreiben, hatten wiederum so wenig Geld, dass sie kreativ werden mussten, mit Zeitungsseiten an den Wänden statt Kunst. Auf der Karte steht nicht viel, aber auf einer Tafel werden Gitarrenstunden angeboten. An einer Pinnwand hinterlassen die Gäste Notizen.

Frauen zwischen Tradition und Moderne

Die Gastro-Projekte sind Nischen. Zufluchtsorte für den Bruchteil einer Generation, die irgendwo zwischen Jugend-Emanzipation und der traditionellen Ehrerbietung für die Stammesältesten steckt, zwischen den ersten paar Tausend Karrierefrauen und der Beschränkung von Mädchen aufs Haus. In all diesen Cafés sitzen Mädchen neben Jungen, ohne verheiratet zu sein - was auf dem Land mancherorts Grund zur Steinigung wäre und selbst in Kabul noch oft genug Empörung auslöst.

Einige von uns haben heute eine gewisse Freiheit, aber außer den Cafés gibt es noch kaum Orte, um sie zu leben. Besonders für Frauen.
Sahra Nasemi, afghanische Journalistin

"Einige von uns haben heute eine gewisse Freiheit, aber außer den Cafés gibt es noch kaum Orte, um sie zu leben. Besonders für Frauen", sagt Sahra Nasemi, die an einem Frühlingsmorgen im "Simple" sitzt, einem bunt gestrichenen Café mit selbst gebauten Holztischen und Bänken. "Es gibt nur wenige Parks, und die sind voller Müll und Männer", sagt die 27-Jährige. Fitnessstudios oder andere Sportclubs seien auch meist nicht offen für Frauen. Die alten Teehäuser sowieso nicht.

Abseits traditioneller Schablonen

Nasemi lebt ein Leben, das nicht in die traditionelle Schablone passt. Sie ist geschieden, und arbeitet Vollzeit als Journalistin. Um sieben Uhr morgens geht sie zum Englischkurs, danach zur Arbeit. Zum Kochen hat sie keine Zeit, sie kommt ins "Simple" für Eier und eine Kanne Tee. 170 Afghani - umgerechnet zwei Euro - kostet sie das.

Ich kann den anderen hier vertrauen.
Afghanischer Architekt

Hier im Café ist sie unter Gleichgesinnten. Ein junger Mann in Jeans und Wollmütze am Nebentisch sagt: "Ich kann den anderen hier vertrauen." Was er meint: Vertrauen darauf, dass sie sein Leben in der eng vernetzten afghanischen Gesellschaft, in der es vielen darauf ankommt, was "die anderen" denken, nicht als seltsam oder verwerflich abtun. Der gelernte Architekt hat keine Stelle gefunden. Er entwickelt nun Online-Tutorien für junge Leute, die etwas Neues lernen wollen, und stellt sie ins Internet. Seine Familie findet nicht, dass das ein ordentlicher Beruf ist. Als er seinen Laptop aufklappt, um seine Website zu zeigen, fällt im Stadtviertel mal wieder der Strom aus. Viele Heime liegen jetzt im Dunkeln. Dann rattert draußen ein kleiner Generator los. Das Café wird zur Oase des Lichts.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.